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Landwirtschaft:Klimawandel könnte Sojaanbau in Sibirien ermöglichen

Arctic tundra in spring - an aerial view from a helicopter. landscape near Kara sea, Taimyr peninsula, North of Siberia,

Noch lässt sich die sibirische Tundra nicht für den Anbau von Kartoffeln, Mais oder Soja nutzen. Doch das könnte sich bald ändern.

(Foto: imago images/Ardea)
  • Einer Studie zufolge könnte es in ein paar Jahren möglich sein, Kartoffeln, Mais oder Soja in Sibirien und Nordkanada anzubauen.
  • Bereits heute hat der Klimawandel dazu geführt, dass Bananen in Italien und Mangos in Spanien wachsen.
  • Sogar die Rocky Mountains oder einige afrikanische Wüstengürtel könnten in Zukunft zu fruchtbarem Ackerland werden.

Mangos und Granatäpfel aus Spanien, Litschis und Bananen aus Süditalien. Der Klimawandel hat die Palette der in Europa angebauten landwirtschaftlichen Produkte bereits heute kräftig erweitert und manche einst exotischen Früchte eingebürgert. Aber Kartoffeln aus der sibirischen Tundra oder Mais und Soja aus dem heute noch eisigen Norden Kanadas? Einer neuen Studie zufolge sind auch das bereits in wenigen Jahrzehnten realistische Szenarien.

Während sich die Erträge in einigen warmen Regionen der Erde durch zunehmende Dürren und Hitzewellen verschlechtern dürften, eröffnen sich in bislang unwirtlichen Gegenden großflächig Möglichkeiten zur landwirtschaftlichen Nutzung. Was angesichts eines global stark steigenden Bedarfs an Nahrungsmitteln nach vielversprechenden Aussichten klingt, könnte zugleich aber mit einer ökologischen Belastung einhergehen, die in der modernen Geschichte ihresgleichen sucht, warnen Forscher um den US-Ökologen Lee Hannah in ihrer im Fachjournal Plos One veröffentlichten Studie.

Um ein Bild von der globalen Landwirtschaft der Zukunft zu bekommen, untersuchten die Forscher, welche neuen Regionen künftig für den Anbau von für die Welternährung wichtigen Pflanzen wie Weizen, Mais, Zucker, Reis, Ölsaaten oder Soja geeignet sind. Der Modellierung auf Basis von mehr als einem Dutzend Klimamodellen zufolge wird sich die für Landwirtschaft geeignete Fläche in den kommenden 50 bis 100 Jahren weltweit um fast ein Drittel ausweiten. Vor allem die nördlichen borealen Regionen in Russland und Kanada könnten sich zu so etwas wie neuen globalen Zentren der Lebensmittelproduktion entwickeln. In beiden Ländern kommen der Modellierung zufolge durch die klimabedingte Verschiebung der Agrargrenzen jeweils mehr als vier Millionen Quadratkilometer neues Nutzland hinzu. Für Kanada etwa bedeute dies die Chance auf eine Verdoppelung der landwirtschaftlichen Produktion.

Der Norden Kanadas könnte zur Kornkammer der Erde werden

Mit Weizen, Kartoffeln, Mais und Soja seien vier der weltweit wichtigsten Feldfruchtarten kälteresistent genug, um künftig dort angebaut zu werden. "In einer sich erwärmenden Welt könnte der Norden Kanadas unsere Kornkammer der Zukunft werden", schreiben die Wissenschaftler.

Auch die heute unwirtlichen Bergregionen Zentralasiens und die Rocky Mountains werden als neue Landwirtschaftsgebiete identifiziert. Selbst einige Grenzregionen australischer und afrikanischer Wüstengürtel könnten nach einigen - jedoch als unsicher eingeschätzten - Modellen von höheren Niederschlagsmengen profitieren und künftig eine Rolle für die Ernährung spielen.

"Der Druck, die neuen Grenzen auch tatsächlich agrarisch zu nutzen, wird in dem Maße wachsen, in dem bisherige Anbaugebiete durch den Klimawandel weniger geeignet werden", sagt Hauptautor Hannah. Nach Zahlen der Vereinten Nationen muss die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2050 verdoppelt werden, um die dann auf voraussichtlich fast zehn Milliarden Menschen gestiegene Weltbevölkerung ernähren zu können.

Die landwirtschaftliche Nutzung bislang unberührter Natur wird der Analyse zufolge aber nur zum Preis immenser Umweltschäden zu haben sein. So bestehe die Gefahr, dass durch den Einsatz großer Mengen von Agrarchemikalien die Trinkwasserqualität für fast zwei Milliarden Menschen gefährdet werde. Auch die Auswirkungen auf die Artenvielfalt in tropischen wie in nördlichen Regionen werden verheerend sein, wenn die neu zugänglichen Regionen für die Landwirtschaft erschlossen würden, analysieren die Autoren. So überlappten sich die potenziellen neuen Landwirtschaftsgebiete mit 20 der artenreichsten Regionen der Erde.

Die wohl gravierendsten Auswirkungen hätte die durch den Klimawandel beförderte massive Ausweitung der Agrarproduktion aber für den Kampf gegen die Erderwärmung selbst. Durch die Bearbeitung des Bodens würden riesige Mengen Kohlenstoff freigesetzt, der in den bislang ungenutzten Böden gespeichert ist. Die künftig nutzbaren Gebiete hätten weltweit die mit am kohlenstoffreichsten Böden, sagte der Bodenexperte der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Ronald Vargas, der Thomson Reuters Stiftung. Sobald es dort im großen Stil zu landwirtschaftlicher Nutzung komme, werde die globale Erwärmung in die Höhe schnellen. Auch die Autoren der aktuellen Untersuchung bewerten die Klimafolgen der künftigen landwirtschaftlichen Nutzung als dramatisch. "Wenn es der Landwirtschaft erlaubt wird, sich in alle hier identifizierten Gebiete auszudehnen, gibt es kaum eine Chance, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einzuhalten", schreiben sie.

Unmengen von Treibhausgasen würden zusätzlich in die Atmosphäre geschleudert

Die Wissenschaftler errechnen bei voller Ausnutzung aller neuen Gebiete eine Freisetzung von 177 Gigatonnen gebundenen Kohlenstoffs in die Atmosphäre. Das entspricht mehr als 100 Jahren der aktuellen Kohlendioxid-Emissionen in den USA.

Der Klimawandel biete große Chancen für die Ernährungssicherheit der Menschen, bilanzieren die Wissenschaftler. Es gelte aber, das Potenzial vorsichtig auszuschöpfen. Ein umweltschonender Ansatz könnte etwa sein, in Gebieten mit kohlenstoffreichen Böden auf die landwirtschaftliche Nutzung zu verzichten. Auch ein stärkeres Umsteuern hin zu vegetarischer Ernährung und die intensivere Nutzung bereits bestehender Agrarflächen könnten helfen, die Balance aus Versorgungssicherheit und Ressourcenschutz zu finden. Keine dieser Strategien bringe aber so viel neue Nahrungsmittel wie die Bewirtschaftung der neu entstehenden geeigneten Flächen.

© SZ vom 05.03.2020/hmw
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