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Klimakrise:1,5 Grad in Sichtweite

Forscher besorgt wegen Bränden und Temperaturrekorden in Sibirien

Waldbrand bei Jakutsk: Eine enorme Hitzeperiode hat die in Sibirien seit Wochen wütenden Wald- und Tundrabrände begünstigt.

(Foto: Uncredited/dpa)

Noch nie seit Beginn der Messungen war es weltweit wärmer als in den vergangenen zwölf Monaten. Schon in den kommenden Jahren könnte die in Paris vereinbarte Maximalerwärmung überschritten werden.

Von Marlene Weiß

Die globale Erwärmung ist auf dem Weg zu neuen Rekorden. Nie zuvor seit Beginn der Messungen war es über zwölf Monate hinweg im Mittel wärmer als von Juli 2019 bis Juni 2020, fast 1,3 Grad Celsius mehr als in vorindustriellen Zeiten. Ähnlich warm war es nur in den zwölf Monaten von Oktober 2015 bis September 2016, der bisherigen Rekordperiode.

Und vorerst scheint sich daran nicht viel zu ändern: Wenn man die neuesten Juli-Daten einbezieht, ist der Zwölf-Monats-Mittelwert immer noch auf Rekordhöhe, wie eine Grafik zeigt, die Zack Labe von der Colorado State University auf Twitter verbreitete. Dabei waren die Jahre 2015 und 2016 von einem ungewöhnlich starken Aufwallen des weltweiten Klimaphänomens El Niño geprägt, das die Erde zusätzlich aufheizte. 2020 aber ist kein El-Niño-Jahr, im Gegenteil, aktuell herrschen beginnende La-Niña-Bedingungen, was sich üblicherweise eher kühlend auswirkt.

"Der El Niño von 2016 kam zum allgemeinen Erwärmungstrend hinzu", sagt Freja Vamborg vom EU-Klimadienst Copernicus. Darum sei es wahrscheinlich, dass ein El-Niño-Jahr besonders warm werde, aber es könne später durchaus von einem Jahr ohne El Niño überholt werden. "Sehen Sie zum Beispiel, wo 1998 - das stark von einem sehr heftigen El Niño beeinflusst wurde - heute in der Grafik sitzt", sagt Vamborg. Tatsächlich war das Jahr damals ein enormer Ausreißer, aus heutiger Sicht jedoch liegt es nicht vorne.

Ob 2020 am Ende einen neuen Rekord erreicht, lässt sich noch nicht sagen. Zweifellos ungewöhnlich ist die Hitze in Sibirien, die bereits seit Ende vergangenen Jahres anhält und enorme Wald- und Tundrabrände in der sibirischen Arktis begünstigt hat. Auf das weltweite Mittel ist der Einfluss der Region aber begrenzt.

Besonders stark erwärmt sich die Arktis

Der Erwärmungstrend insgesamt dürfte sich jedoch fortsetzen. Wie die Weltwetterorganisation WMO am Donnerstag berichtete, könnte die globale Durchschnittstemperatur schon in einem der kommenden Jahre um mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Jahre im Zeitraum 2020 bis 2024 diesen Wert erreicht, liege bei 20 Prozent. Sehr unwahrscheinlich sei es hingegen, dass eines der kommenden Jahre weniger als 0,91 Grad oder mehr als 1,59 Grad über der vorindustriellen Temperatur liegt.

Besonders stark ist die Erwärmung in der Arktis, die sich laut WMO bereits um mehr als das Doppelte des globalen Mittelwerts erwärmt hat - die US-Klimabehörden gehen sogar vom Dreifachen aus. Am geringsten heize sich der Planet in den Tropen und den mittleren Breiten der Südhalbkugel auf.

Im Pariser Klimaabkommen hatten sich die Länder darauf geeinigt, die globale Durchschnittstemperatur in diesem Jahrhundert auf weniger als zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen und sich um ein Limit von 1,5 Grad zu bemühen. Diese Grenze bezieht sich zwar auf die langfristige Temperaturentwicklung, nicht auf einzelne Ausreißer. Dennoch lassen das schnelle Fortschreiten der Erwärmung und die bislang überschaubaren Erfolge im Klimaschutz das 1,5-Grad-Ziel zunehmend unrealistisch erscheinen.

Nicht berücksichtigt hat die WMO die aktuellen Rückgänge der Treibhausgasemissionen durch den weltweiten Wirtschaftseinbruch in Folge der Coronavirus-Pandemie. "Wegen der Langlebigkeit von CO₂ in der Atmosphäre geht man nicht davon aus, dass durch einen Rückgang der Emissionen in diesem Jahr die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre, die zu der Erwärmung führt, abnimmt", sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. Die Pandemie dürfe keine Ausrede sein, den Klimawandel nicht mit koordinierten und nachhaltigen Maßnahmen zu bekämpfen.

© SZ/dpa

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