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Klimawandel:Stürme und Überschwemmungen vertreiben schon jetzt Millionen

Die überwältigende Anzahl von Menschen flieht innerhalb ihres eigenen Landes: Ein Bericht des Internal Displacement Monitoring Centres (IDMC) vom Mai dieses Jahres geht davon aus, dass allein in dieser Gruppe klima- und wetterbedingte Katastrophen wie Überflutungen und Stürme im vergangenen Jahr 23,5 Millionen Menschen vertrieben haben.

Nicht mit eingerechnet sind dabei schleichende Veränderungen wie der Meeresspiegelanstieg, Küstenerosion oder Dürren. Auf den Fidschi-Inseln plant die Regierung aber aus genau diesen Gründen die Umsiedlung von 45 Küstendörfern in die Berge und zwar innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre. Ein Dorf, das diesen Schritt schon hinter sich hat, ist Vunidogoloa auf Vanua Levu, der zweitgrößten Insel Fidschis.

Dutzende pastellgrün gestrichene Holzhüttchen mit Wellblechdächern verteilen sich auf Stelzen am Hang. In einer Senke befinden sich vier Fischteiche, die Ersatz für die Makrelen und Hechte aus dem Meer bieten sollen. Vom Dorf aus blickt man kilometerweit über das saftige Grün des Palmenwaldes bis zu den Bergen am Horizont. Mussten die 150 Dorfbewohner früher erst lange Fußmärsche auf sich nehmen, um in die nächste Stadt zu kommen, so liegt ihr neues Dorf nun direkt an einer breiten Schotterstraße, wo regelmäßig ein Bus fährt. Die jungen Leute sind froh über die Umsiedlung. Sie haben jetzt Solarstrom für ihre Handys und Wasserklosetts. Die Alten hingegen trauern ihrem alten Dorf hinterher.

Nur noch ein paar Steine bleiben vom einstigen Dorf

Ganz oben auf dem Hügel in Vunidogoloa holt Tevity Tuimalawai mit seiner Harke aus und schlägt sie in den trockenen Boden, so dass es staubt. Schweiß rinnt von seiner Stirn. Hier baut der 72-Jährige Taro oder Maniok an. Die kleine Parzelle haben sie ihm nach dem Umzug gegeben, damit er sich zerstreuen kann. Aber eigentlich würde er viel lieber seinen Enkelkindern am Ufer des alten Ortes das Fischen beibringen. Tuimalawai bekommt wässrige Augen, wenn er davon erzählt, wie er als Jugendlicher von seinem Großvater das Fischen gelernt hat.

Manchmal geht er noch die drei Kilometer hinunter ans Meer, dort wo sein altes Dorf stand und seine Eltern und Großeltern aufgewachsen sind. Dann blickt er auf die Wellen oder hält ein Nickerchen. Dort wo einst das Dorf stand, wuchert nun hohes Gras. Ein Wellblechdach liegt auf dem Boden, das Haus darunter ist durch die Aufweichung des Bodens eingesunken, Fliegen suchen Schatten. Nebenan stehen noch drei Hütten, in einer liegt eine Bibel. Ansonsten ist vom alten Dorf Vunidogoloa nur noch eine Steinstufe auf der Mitte der Wiese übrig, der Rest der einstigen Kirche. Sie wurde schon vor Jahren von einem Wirbelsturm weggefegt.

Über die Jahre hat das Meer mehr als zehn Meter des Uferstreifens weggefressen, die Ufermauern überspült und den Boden mit Salzwasser versetzt. "Nachts, wenn die Flut kam, hörten wir das Wasser von unten an unsere Häuser klatschen", erzählt das Dorfoberhaupt Sailosi Ramatu. "Wir hatten Angst, ins Bett zu gehen."

Die Regierung hat zwar Teiche anlegen lassen, neue Felder und Wege, eine Stützmauer gebaut sowie ein Abfall- und Wassersystem eingerichtet. Aber die 230 000 Fidschi-Dollar (etwa 100 000 Euro) für die neuen Häuser mussten die Dorfbewohner selbst zahlen, erzählen sie. Dafür mussten sie den Wald roden und das Holz verkaufen. Regierungsvertreter geben zu, dass ihnen das Geld für die Umsiedlungen fehlt.

Die kleinen Inselstaaten fordern Hilfe von den Verursachern des Klimawandels - den Industrieländern. Zum einen Entschädigungen für den Besitz und das Land, das sie verloren haben. Zum anderen die Aufnahme ihrer Bevölkerung, wenn sie ihre Inseln aufgeben müssen. Die Weltbank hat angeregt, dass Länder wie Australien, Neuseeland oder Südkorea den Bewohnern der bedrohten Südpazifikinseln ihren Arbeitsmarkt öffnen. Aber Australien etwa schottet sich ab. Und die Industrieländer lehnen Entschädigungen ab - obwohl das Meer früher oder später auch die Küsten der Niederlande oder Floridas überschwemmen wird. "Was heute im Südpazifik passiert, kommt in 20, 30 Jahren auch auf Europa oder die USA zu", sagt Wirsching. "Nur dass die Schäden dann noch viel gewaltiger sein werden."

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