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Klimawandel:Das heißeste Jahrzehnt

NASA Astronaut Chris Cassidy, currently serving as Commander of the Expedition 63 mission aboard the International Spac

Hurrikan "Laura", einer von vielen Stürmen, die sich 2020 über dem Atlantik bildeten.

(Foto: NASA/imago images/UPI Photo)

2020 setzt den Schlusspunkt unter eine außergewöhnlich warme Dekade. Die weltweiten Klimaziele könnten schon in diesem Jahrzehnt gerissen werden.

Von Christoph von Eichhorn

14,9 Grad Celsius klingt nicht gerade nach großer Hitze, eher nach einem nicht allzu warmen Frühlingstag. Und doch verbirgt sich hinter dem Wert ein Drama - es handelt sich um die durchschnittliche Temperatur auf der Erdoberfläche im Jahr 2020, soeben ermittelt von der Weltmeteorologiebehörde WMO. Die Zahl bedeutet, dass das vergangene Jahr auf jeden Fall unter den drei wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen ist. Nicht nur das, 2020 setzt auch den Schlusspunkt unter das bislang heißeste Jahrzehnt der Moderne.

Die WMO ermittelt die Werte anhand führender internationaler Datensätze etwa von der Nasa, dem europäischen Klimawandeldienst Copernicus oder britischer Meteorologen. Während Copernicus- und Nasa-Forscher das Jahr gleichauf mit dem bisherigen Spitzenreiter 2016 sehen, ordnen die Briten es als das zweitwärmste Jahr ein, japanische Meteorologen auf Platz drei. In der Tendenz sind sich jedoch alle einig. Damit sieht die WMO es als gesichert an, dass die Erde sich seit vorindustrieller Zeit, also etwa ab dem Jahr 1850, bereits um 1,2 Grad erwärmt hat. Das ist schon verdächtig nahe an den Zielen des Pariser Vertrags. In dem Klimaabkommen hatten die Staaten verabredet, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Laut WMO besteht jedoch mittlerweile eine etwa 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass diese Marke bereits bis zum Jahr 2024 zumindest zeitweise gerissen wird.

"Seit den 1980ern war jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige"

Der Gleichstand zwischen 2020 und 2016 ist umso bemerkenswerter, da vor vier Jahren das Wetterphänomen El Niño den damaligen Rekord begünstigte; es sorgt für höhere Wassertemperaturen im Ostpazifik und zieht dadurch auch die globale Durchschnittstemperatur nach oben. 2020 war hingegen kein El Niño-Jahr. Allerdings war es geprägt von Extremwettereignissen, etwa einer lang anhaltenden Hitzewelle und Waldbränden in Sibirien, einer Rekordzahl von Hurrikans im Atlantik und einer sehr niedrigen Ausdehnung des arktischen Meereises. In der Arktis und dem nördlichen Sibirien beobachtete der Klimawandeldienst Copernicus die größten Abweichungen nach oben, die Durchschnittstemperaturen lagen dort mehr als sechs Grad über dem Mittel von 1981 bis 2010.

Die vergangenen sechs Jahre sind damit allesamt unter den heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen, was die Jahre 2011 bis 2020 zum bislang wärmsten Jahrzehnt macht. Die Temperatur-Rangfolge von einzelnen Jahren sei nur Ausschnitt eines viel langfristigeren Trends, so WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. "Seit den 1980ern war jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige." Trotz eines historischen Wirtschaftseinbruchs infolge der Corona-Pandemie ist auch die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre im vergangenen Jahr weiter angestiegen.

Die Auswirkungen der Entwicklung treffen längst auch den Menschen. Allein in den USA gab es im vergangenen Jahr 22 Extremwetterereignisse, die jeweils Schäden von mehr als einer Milliarde US-Dollar anrichteten - neuer Rekord in dieser Preisklasse. Allein zwölf tropische Stürme trafen auf amerikanisches Festland, zudem verzeichneten die Vereinigten Staaten die bisher aktivste Waldbrand-Saison.

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