SZ-Klimakolumne:Nichts gegen den Hund, aber...

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SZ-Klimakolumne: Ein Siberian Husky fühlt sich im Schnee sichtbar wohl - bei hohen Temperaturen dürfte das anders aussehen.

Ein Siberian Husky fühlt sich im Schnee sichtbar wohl - bei hohen Temperaturen dürfte das anders aussehen.

(Foto: Charles McQuillan/Getty Images)

Unter dem Klimawandel leidet nicht nur der Mensch, sondern auch dessen bester Freund. Oder tragen Hunde sogar aktiv zur Erderwärmung bei?

Von Vivien Timmler

Wumms. Es war kurz nach neun, als ich gestern Morgen einen lauten Knall hörte, gefolgt von einem hysterischen Bell-Anfall meiner Hündin. Als ob der Sturm an sich nicht schon Aufregung genug für sie gewesen wäre, war nun auch noch die Hängematte umgefallen (ja, ich weiß, man hätte antizipieren können, dass die Dachterrasse nicht der ideale Ort für sie ist bei diesem Wetter). Lilli ließ sich gar nicht mehr beruhigen, den Rest des Tages verbrachte sie an meine Füße gekuschelt unter dem Schreibtisch.

Das Wetter hat Deutschland dieser Tage fest im Griff. Die Orkantiefs Ylenia und Zeynep sind einmal quer über uns hinweggefegt oder gerade noch dabei, haben Häuser, Autos und Oberleitungen beschädigt. Auch einige Verletzte und sogar Tote haben die Tiefs schon gefordert.

So bestürzend diese Fälle und so verheerend die Folgen sind: Die meisten Menschen in Deutschland haben eigentlich keine Angst vor so einem Sturmtief. Ganz im Gegensatz zu anderen Wetterextremen und Klimawandel-Folgen wie steigenden Meeresspiegeln, langen Dürreperioden oder heftigen Hitzewellen: Im vergangenen Sommer gaben drei von vier jungen Menschen in einer international angelegten Umfrage an, dass sie Klimaangst haben. Warum das verständlich, aber schädlich ist, hat meine Kollegin Marlene Weiß hier kommentiert.

Bei Hunden ist es genau umgekehrt. Über die mittel- und langfristigen Auswirkungen des Klimawandels denken sie zwar nicht nach, dafür fürchten sie sich schon vor einem gewöhnlichen Sturm, und erst recht vor Gewitter. Manche Tiere verfallen sogar regelrecht in Panik. Das liegt einerseits an den Geräuschen, andererseits am Druckabfall bei Gewitter, den Tiere viel stärker wahrnehmen als wir.

Der Klima-Pfotenabdruck eines Hundes entspricht einer Autofahrt von 3700 Kilometern

Schon unter gewöhnlichen Wetterphänomenen leiden Tiere also - und jetzt kommen auch noch die Folgen der Erderwärmung hinzu. Alles in allem dürften es wohl mehr Tiere als Menschen sein, denen die globale Erderwärmung zusetzt. Umweltschützer schätzen, dass in kommenden Jahrzehnten bis zu 30 Prozent der in Deutschland heimischen Arten aussterben könnten, weil sie sich nicht an die veränderten Umweltbedingungen anpassen können. Laut der aktuellen Roten Liste sind hierzulande jede zweite Amphibienart und mehr als zwei Drittel aller Reptilienarten gefährdet.

Aber auch der beste Freund des Menschen leidet unter dem Klimawandel. Im Sommer machen die steigenden Temperaturen Hunden zu schaffen, weil sie nicht wie Menschen schwitzen und auf diese Weise ihre Körpertemperatur regulieren können. Unser Tierarzt des Vertrauens sagt, er habe noch nie so viele dehydrierte Hunde oder Hunde mit Hitzschlag in der Praxis gehabt, wie in den letzten zwei, drei Jahren. Im Winter droht ein anderes Problem: Zecken. Weil die Winter milder sind, suchen die sich nämlich auch im Februar schon ihre Opfer.

Aber Moment, ruft da die Fraktion "Verzicht". Ist das Mitgefühl mit einem Hund in diesem Zusammenhang überhaupt angebracht? Tragen die Tiere nicht auch selbst zur Erderwärmung bei? Schließlich entspricht der "Klima-Pfotenabdruck" eines Hundes aufs Jahr gerechnet einer Autofahrleistung von etwa 3700 Kilometern, haben Forscher vor einigen Jahren errechnet. Der einer Katze ist mit 1400 Fahrkilometern deutlich besser, der eines Pferdes mit 21 500 Kilometern hingegen um einiges schlechter. Den Unterschied macht die Ernährung. Unser Futter besteht vorwiegend aus Gemüse und Nebenerzeugnissen der Fleischproduktion. Aber wenn ich mir im Discounter anschaue, wer sich so alles den Einkaufswagen mit Suppenfleisch für 2,99 das Kilo vollmacht, dann kann ich es mir fast nicht anders erklären, als dass zu Hause noch ein hungriger Hund wartet.

Aber bevor ich in meinem Mailpostfach nach der Frage, ob man dem Klima zuliebe eigentlich Kinder haben darf, auch noch diskutiere, ob es zeitgemäß ist, in Zeiten steigender Meeresspiegel einen Hund zu besitzen, soll an dieser Stelle kurz erwähnt sein: Die oben genannte Studie hat auch gezeigt, dass alle Hunde, Katzen, Goldfische und Kanarienvögel zusammen nur gut ein Prozent der totalen durch Konsum verursachten Umweltbelastung ausmachen. Nichts im Vergleich zu Wohnen, Heizen und Autofahren also.

Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Wochenende - grüßen Sie Ihr Haustier von mir.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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