Klimawandel:Mut durch Wut - warum es neue Emotionen zur Klimakrise braucht

Fridays For Future ruft zu Warnstreik mit Luisa Neubauer auf

Wut, die zur Aktion wird: Teilnehmer der Bewegung Fridays For Future protestieren für besseren Klimaschutz.

(Foto: Fabian Strauch/dpa)

Es ist verständlich, sich vor Dürre, Hitze und Fluten zu fürchten. Aber es lähmt. Und das ist schädlich.

Kommentar von Marlene Weiß

Natürlich kann man Angst bekommen, wenn man sich die Folgen des Klimawandels ausmalt. Mehr Brände, schlimmere Hitzewellen, schwerere Unwetter, lange Dürrephasen, steigender Meeresspiegel; ein Planet, der aus dem Gleichgewicht gerät. Es ist nur verständlich, wenn laut einer jüngst veröffentlichten internationalen Studie zur Klimaangst drei von vier jungen Menschen angeben, dass sie sich vor den kommenden Jahren und Jahrzehnten fürchten.

Es macht die Sache allerdings nicht besser, wenn ausgerechnet diejenigen in Angst erstarren, die dringend gebraucht werden, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Natürlich kann man sich nur schwer bewusst entscheiden, keine Angst zu haben, Gefühle sind nie richtig oder falsch. Aber was ist eigentlich mit den anderen Emotionen, die in Bezug auf die Klimakrise mindestens ebenso naheliegend sind?

Es hilft wenig, wenn sich Menschen jetzt gegenseitig in ihrer Klimaangst bestätigen

Wut zum Beispiel, auf die Kohle-, Öl- und Gaslobbyisten, die jahrzehntelang viel getan haben, um tatsächlichen Klimaschutz zu verhindern. Oder auf die Politikerinnen und Politiker, die das Thema sträflich lange ignoriert haben. Trauer: Um all das, was unwiederbringlich verloren geht, von Gletschern bis zu Korallenriffen. Scham, weil es uns als Menschheit nicht gelungen ist, besser mit diesem Problem umzugehen. Enttäuschung, weil manches, was man sich für ein schönes Leben gewünscht hätte, zum Beispiel hemmungloses Fliegen in ferne Länder, vielleicht nicht mehr möglich sein wird.

Es hilft wenig, wenn sich jetzt Menschen gegenseitig in ihrer Angst bestärken, sich womöglich regelrecht hineinsteigern. Aussagen nach dem Muster "Wir haben nur noch x Jahre, danach ist es vorbei" mögen gut gemeint sein, aber sie können entmutigen, und das zu Unrecht. Zwar läuft die Zeit rasend schnell ab, wenn man noch das 1,5-Grad-Ziel erreichen möchte. Aber die Menschen werden ihr Schicksal immer selbst in der Hand haben, auch wenn es für Schadensbegrenzung heute mehr Spielraum gibt als morgen. Es ist auch nicht so, dass das Aussterben der Menschheit schon am Horizont stünde, das geben die Prognosen schlicht nicht her. Lustvolle Weltuntergangsrhetorik, wie sie immer wieder zu hören ist, ist weder hilfreich noch tatsachenbasiert.

Angst ist menschlich, aber sie kann lähmen. Besser wäre wohl Aktion statt Angst, Mut durch Wut. So ließe sich Energie freisetzen, die hilft, etwas tatsächlich verändern zu wollen. Das sagt sich so leicht, klar, niemand hat nach Covid-19 noch Lust auf Krise. Doch ausgerechnet Corona hat eine Sache gezeigt: Dass eine Gesellschaft solidarisch sein kann, wenn es drauf ankommt. Das kann Hoffnung machen. Auch das ist eine Emotion, und zwar zur Abwechselung sogar mal eine positive.

© SZ
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