Insekten Der Umzug kann jetzt richtig losgehen

Er wird in eine Decke gewickelt und neben das Nest gelegt. Pösch schnappt sich eins der winzigen Tiere, hält es zwischen Daumen und Zeigefinger fest und klemmt sich eine Art Diamantenlupe vors Auge. Am häufigsten findet das Team hier die Kahlrückige Waldameise, Formica polyctena, zumindest vermuten die Umsiedler das. Selbst mit der Lupe ist die Art schwer von der selteneren Roten Waldameise zu unterscheiden, der einzige Unterschied ist die Zahl der Borsten auf den winzigen Körpern. Die Kahlrückige ist etwas weniger behaart. Pösch zählt. "Ich bin mir ziemlich sicher, das ist eine Polyctena."

Der Umzug kann jetzt richtig losgehen. Grätz holt einen Stapel großer Papiersäcke aus dem Anhänger. Pösch greift mit bloßen Händen in das lockere Material des Hügels. Eilig schaufelt er das Gewimmel in den ersten Sack, nach wenigen Sekunden sind seine Unterarme übersät mit aufgeregten Tieren. Nicht jeder Umsiedler traut sich das. Waldameisen beißen und versprühen Gift. Bis zu 70 Prozent des Sekrets bestehen aus Ameisensäure. Mathias Pösch streckt den Arm hoch. "Riechen Sie mal!" Ein ätzender Geruch steigt in die Nase. "Die meisten Leute, die so etwas machen, tragen Handschuhe", erklärt der Cottbuser, während er weiter schaufelt. "Aber mit bloßen Händen hat man mehr Gefühl." Christina Grätz nickt. "Gesunde Haut hält das aus", erklärt sie. Wenn sie wund ist, brennt es allerdings wie die Hölle."

Die Ameisen-Umzugshelfer verladen Säcke mit dem Inhalt eines Ameisenhaufens.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Als der Hügel verpackt ist, muss der Spaten ran, denn der größte Teil des Nestes liegt tief im sandigen Boden. Ameisen sind grandiose Buddler, ihre Gänge können mehrere Meter hinabreichen, und je tiefer man kommt, desto höher der Status der Bewohner. Puppen, Larven und auch Königinnen hausen in kleinen Höhlen, deren Wände allerdings nicht befestigt sind. Jeder Eingriff bringt das Labyrinth zum Einsturz. Da hilft es wenig, zimperlich zu sein. Pösch schwitzt also, schaufelt, zwischendurch wieder mit den Händen. Zusehends verschwindet er in dem tiefer werdenden Loch. Erst nach dreißig Säcken beschließen die Umsiedler, aufzuhören. Noch dreimal werden sie herkommen, um zurückgelassene Ameisen einzusammeln. "Man hat versucht, die Nester auf einen Schlag mit dem Bagger auszuheben", sagt Grätz. Funktioniert hat das nie, vermutlich, weil zu viele Ameisen unter der zusammensackenden Erdsäule zerquetscht werden.

Um den Tieren ihr neues Zuhause schmackhaft zu machen, bekommen sie ein Kilo Zucker

Als die ersten beiden Nester im Anhänger verstaut sind, steigt Grätz ins Auto. "Ich fange mit dem Umsiedeln an." Sie steuert über eine Lichtung Richtung Norden, in den Bundesforst. Nach wenigen Minuten hält sie auf einem breiten Sandweg. Ringsherum ist es still, die Luft liegt feucht über dem mit Moos bedeckten Boden, trübes Sonnenlicht fällt durch die Kronen der Bäume. Grätz schaut sich nach einem guten Platz für die Ameisen am Waldrand um, in ausreichender Entfernung zu den anderen Nestern, die bereits hierher umgezogen sind. Als sie einen morschen Baumstamm entdeckt, holt sie den Spaten.

Das Loch für das neue Ameisennest wirkt klein, nur ein paar Handbreit tief. Grätz schleppt die schweren Säcke aus dem Anhänger vor die Baustelle. "Ich brauche die Nummern eins bis fünf", sagt die Biologin. Sie enthalten den oberen Teil des alten Nests. Knieend verteilt Grätz zuerst Erde mit größeren Puppen und Arbeiterinnen im Loch, darüber häufelt sie die Nadeln des ehemaligen Ameisenhügels. Nach ein paar Minuten ist sie fertig. Und der übrige Sand mit Ameisen, Königinnen, Larven, der Unterbau, das Nest selbst? Grätz breitet den Inhalt der übrigen 25 Tüten auf dem Waldboden rund um den Hügel aus. Ameisen kommunizieren im Wesentlichen über chemische Signale, sie finden auch ihr umgetopftes Nest. Vorausgesetzt, es gefällt ihnen noch. Grätz verteilt ein Kilo Haushaltszucker als Entscheidungshilfe direkt um den Nadelhaufen. Die Tiere sollen sich ganz in Ruhe aussuchen, ob ihnen ihr neues Zuhause gefällt. Oder ob sie sich lieber etwas anderes suchen.

Nach einer knappen Stunde scheint die Sache jedoch klar zu sein: Nachdem die Ameisen sich gegenseitig aus dem Sand vor dem Nest ausgegraben haben, fangen sie an, Puppen, Larven und junge Arbeiterinnen Richtung Hügel zu schaffen. "Das sieht gut aus", freut sich Christina Grätz. Die Tiere richten sich häuslich ein, der Umzug hat geklappt. "Das zeigt uns, dass wir etwas richtig machen."

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