Fracking in China:Manche Dorfbewohner handeln selbst - und blockieren die Bohrtürme

Mit Pipelines könnte das Gas aus Sichuan bis in Küstenstädte wie Shanghai geleitet werden. Erdgas gilt als sauberer Energieträger, seine Verbrennung setzt weniger Emissionen frei. Damit wird Schiefergas zum Hoffnungsträger für den Klimaschutz. Spätestens 2030 sollen die Treibhausgas-Emissionen nicht weiter steigen, verspricht die chinesische Regierung. Ohne Erdgas dürfte der Plan kaum aufgehen.

Präsident Xi Jinping selbst hat die "Revolution" der chinesischen Energiepolitik zur Chefsache erklärt: In Reden spricht er vom "Ergrünen" der Wirtschaft, er fordert seine Landsleute zum Energiesparen auf, verordnet Staatsbetrieben mehr Energieeffizienz. Doch das reicht alles nicht, um den Energiehunger Chinas zu stillen, neue Quellen müssen her, wenn möglich heimische. Schiefergas könnte dabei nach Vorbild der USA eine zentrale Rolle spielen. Fracking hat Amerika unabhängig von Lieferungen aus dem Nahen Osten gemacht.

"Stark gestresste" Wasservorräte

Der Vergleich mit den USA sei jedoch an vielen Stellen unpassend, warnen Umweltschützer. "Chinas Bevölkerung ist groß, das Land begrenzt, Wasser knapp", fasst Feng Yang von der Umweltorganisation Natural Resources Defense Council (NRDC) zusammen. "All das macht die Situation viel schwieriger als in den USA." Besonders das Abwasser, das mitsamt dem Gas aus den Bohrlöchern kommt, ist heikel. Es muss aufgefangen, gesammelt und aufwendig aufbereitet werden, damit es kein Trinkwasser verunreinigt. In China gibt es noch keinerlei Gesetze dafür.

Viele Bewohner der Region handeln kurzerhand selbst. Wegen spontaner Blockaden durch Dorfbewohner oder Stilllegungen durch die Behörden verlor allein Shell an seinen chinesischen Bohrlöchern in drei Jahren 535 Arbeitstage, berichtet die Washington Post. Es gibt Berichte über Explosionen auf Gasfeldern, weil Sicherheitsvorschriften lax gehandhabt wurden. Im Dorf Jiaoshizhen berichteten Anwohner von einer Explosion und einer 30 Meter hohen Stichflamme - die staatliche Energiefirma Sinopec bestreitet den Vorfall. In der Provinz Shaanxi kappte eine Gasfirma kurzzeitig die Wasserversorgung einer ganzen Stadt, weil sie Probleme bei Bohrungen nicht in den Griff bekam. Mit einem Gesetz, das etwa den Gewässerschutz regelt, rechnet NRDC-Experte Yang erst in ein bis zwei Jahren. Bis dahin dürften sich Zwischenfälle häufen.

Da die Reserven in Sichuan deutlich tiefer unter der Erde liegen als anderswo, müssen die Gasfirmen zudem mehr Wasser hineinpumpen und mit mehr Abwasser fertigwerden. "In vielen Regionen Chinas ist Wasser schon sehr knapp", sagt Ranming Song von der Umweltorganisation World Resources Institute (WRI). Seine Organisation hat nachgerechnet: 60 Prozent des chinesischen Schiefergases schlummert in Gegenden mit "stark gestressten" Wasservorräten oder zu trockenen Böden. Viele der bereits aktiven Felder lägen sehr nahe an Siedlungen. Bald könnten Menschen und Gasfirmen um Frischwasser konkurrieren, warnt WRI. Song bezweifelt zudem, dass Erdgas für das Klima besser ist als Kohle. "Das stimmt nur, wenn man die Lecks im gesamten Lebenszyklus des Schiefergases im Zaum hält." Entfleuchen irgendwo zwischen Bohrloch und Verbraucher mehr als drei Prozent des Gases, verpuffen die positiven Effekte für die Atmosphäre.

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