bedeckt München 20°

Familie:Kinder sind für homosexuelle Eltern lebende Puppen? So ein Schmarrn!

Gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft

Bei der Kalkulation der Familienversicherung spielt das Geschlecht der beiden Erwachsenen keine Rolle.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Man kann nur hoffen, dass es hilft, wenn die Wissenschaft das Gegenteil beweist. Immer wieder.

Kommentar von Astrid Viciano

Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist", mit diesem wunderbaren Satz hatte Malu Dreyer die Plenardebatte vor zwei Jahren über die Ehe für alle im Bundesrat eröffnet. Kaum etwas ist allerdings mächtiger als Vorurteile, muss man leider ergänzen. Zumindest, wenn es um homosexuelle Paare geht, die vom 1. Oktober an heiraten dürfen - und auch Kinder adoptieren können.

Die armen Kleinen könnten keine Geschlechtsidentität entwickeln, sie würden öfter kriminell, warnen Kritiker. Von Homosexuellen würden sie als "ein Bio-Ding, wie eine Plastik-Puppe, um daran Hetero-Papa-Mama zu spielen" missbraucht, hieß es sogar jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

15 000 Kinder in Deutschland leben in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften.

Man kann nur hoffen, dass es hilft, wenn die Wissenschaft das Gegenteil beweist. Immer wieder. Kinder aus gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften entwickeln ihre Geschlechtsidentität genauso gut wie Kinder heterosexueller Eltern, ergab etwa eine aktuelle Studie. Längst hat eine Untersuchung der Universität Bamberg gezeigt, dass der Nachwuchs aus Homo-Ehen eine gute Beziehung zu ihren zwei Müttern oder Vätern pflegt.

Sie entwickelten im Durchschnitt sogar ein besseres Selbstwertgefühl als andere. Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen werden nicht häufiger kriminell, sie werden nicht einmal öfter homosexuell als die heterosexueller Eltern. 15 000 Kinder in Deutschland leben heute in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften.

Nein, es geht nicht um ein Randproblem der Gesellschaft. Die Frage, was eine Familie ausmacht, werden sich künftig immer mehr Menschen stellen. Denn, aufgepasst, die Reproduktionsmedizin ermöglicht schon ganz andere Konstellationen: Zwei Mütter und einen Vater, zum Beispiel. Verständlich, dass manchem bei der Vorstellung schwindelig wird. Doch wenn der Schwindel sich legt, wäre es an der Zeit, die eigenen Ängste zu hinterfragen.

Hier helfen Studien tatsächlich, sie unterstreichen nämlich, dass das Weltbild vieler Menschen schlichtweg falsch ist. Diese gehen davon aus, dass die Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen grundsätzlich schlechter sei als eine zwischen Mann und Frau. Wie könnte es auch anders sein, ist doch die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau in der Ehe noch in viele Hirne eingeritzt wie in alte Tontafeln.

In der angstbesetzten Diskussion wird gern vergessen, worum es eigentlich geht: Dass Kinder Eltern haben, auf die sie sich verlassen können, die ihnen zuhören, Zeit schenken. Ganz egal, ob sie einen Bart oder Make-up tragen.

© SZ vom 19.08.2017/fehu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema