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Evolution:Die Evolution des Denkens

Kolkrabe Corvus corax Portrait seitlich Canyonlands National Park Utah USA Nordamerika Copyri

Weil das Gehirn von Vögeln vollkommen anders organisiert ist als das von Menschen, galten die Tiere lange Zeit – zu unrecht – als kognitiv minderbegabt.

(Foto: imago)
  • Wissenschaftler untersuchen die Frage, ob eine nicht sonderlich intelligente Art zufällig in ein anspruchsvolles Habitat gerät und dort durch Selektion größere kognitive Fähigkeiten entwickelt.
  • Möglich wäre auch, dass Vogelspezies, die schon gewisse kognitive Fähigkeiten mitbringen, in Lebensräume mit schwierigen Umweltbedingungen vordringen.
  • Eine Studie zeigt: Große Gehirne entwickeln sich mit der gleichen Wahrscheinlichkeit in Lebensräumen mit stabilen wie mit schwankenden Umweltbedingungen.

Wer Tag für Tag nichts als die ewig gleiche Routine zu bewältigen hat, der kann zur Not vielleicht auf ein flink arbeitendes, leistungsfähiges Gehirn verzichten. Bei anspruchsvollen Lebensbedingungen aber, die sich zum Beispiel schnell und unvorhergesehen ändern, wäre das Sparen an der falschen Stelle.

Wer in einer unberechenbaren Umgebung lebt und sich dementsprechend immer wieder auf neue Situationen einstellen muss, tut sich mit einer guten Portion Grips leichter. Das gilt auch für Vögel - selbst wenn diese Gruppe im Allgemeinen nicht gerade als die Einsteins unter den Tieren gilt.

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Dabei bleibt jedoch die Frage, was im Zuge der Evolution zuerst kommt: Gerät eine zunächst nicht sonderlich gewitzte Art mehr oder weniger zufällig in ein anspruchsvolles Habitat und entwickelt dort durch Selektion notgedrungen größere kognitive Fähigkeiten? Oder stoßen überhaupt nur Vogelspezies, die - aus welchen Gründen auch immer - schon gewisse kognitive Fähigkeiten mitbringen, in Lebensräume mit schwierigen Umweltbedingungen vor?

Wie und warum haben manche Vogelarten große Gehirne entwickelt?

Diese Frage nach Ursache und Wirkung der Entwicklung leistungsfähiger Gehirne betrifft viele Tiergruppen - auch den Menschen. Zumindest in Bezug auf Vögel legt eine Studie nun eine eher überraschende Antwort nahe (Nature Ecology and Evolution): "Wir haben ermittelt, dass sich große Gehirne mit der gleichen Wahrscheinlichkeit in Lebensräumen mit stabilen wie mit schwankenden Umweltbedingungen entwickeln", sagt Studienleiter Carlos Botero von der Washington University in St. Louis.

Demnach entwickelt eine Vogelart erst ein großes beziehungsweise leistungsfähiges Gehirn und kann dann anspruchsvolle Lebensräume besiedeln. In einem weiteren Teil der Studie betätigten die Autoren die Hypothese, wonach in Habitaten mit wechselnden Lebensbedingungen eher Arten mit vergleichsweise guten kognitiven Fähigkeiten anzutreffen sind. Wie und warum manche Vogelarten große Gehirne entwickelt haben, bleibt damit aber weiterhin offen.

Um die Stabilität oder Schwankungen innerhalb eines Lebensraums zu bestimmen, griffen die Forscher auf Wetterdaten und Klimasimulationen zurück. Das Vorkommen der verschiedenen Vogelarten in den USA bestimmten sie anhand von Daten aus den 1960er-Jahren bis 2014, die Bürger durch regelmäßige Monitoring-Aktionen gesammelt hatten. Und schließlich rekonstruierten die Wissenschaftler mithilfe eines entwicklungsgeschichtlichen Stammbaums Veränderungen in den Gehirngrößen verschiedener Vogelarten. Insgesamt flossen Daten von knapp 1300 Spezies in die Untersuchung ein, darunter Vertreter der Raben-, Lauben- und Nashornvögel, der Spechte, Eulen und Papageien.