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Coronavirus:Wem Astra Zeneca mehr nutzt

FILE PHOTO: Vials labelled 'Astra Zeneca COVID-19 Coronavirus Vaccine' and a syringe are seen in front of a displayed AstraZeneca logo in this illustration photo

In Deutschland ist der Impfstoff von Astra Zeneca nur für Menschen über 60 Jahre empfohlen, darf nach ärztlicher Beratung aber auch an Jüngere verabreicht werden.

(Foto: DADO RUVIC/REUTERS)

Analysen der Europäischen Arzneimittelagentur zeigen jetzt, für welche Altersgruppen das Risiko für seltene Thrombosen nach einer Impfung unter Umständen höher sein kann als der Nutzen des Vakzins.

Von Christina Kunkel

Einer Entscheidung für einen Impfstoff geht oft auch eine persönliche Abwägung voraus. Wie hoch ist mein Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, vielleicht sogar daran zu sterben? Vor diesem Hintergrund und den gemeldeten, sehr seltenen Fällen von Thrombosen in Hirn- und Bauchvenen in Kombination mit einem Mangel an Blutplättchen, die nach der Immunisierung mit dem Vakzin des Herstellers Astra Zeneca aufgetreten sind, ist die Verunsicherung groß. In Deutschland ist der Impfstoff zwar offiziell nur für über 60-Jährige empfohlen, doch nach eingehender ärztlicher Beratung darf er auch wieder an jüngere Menschen verimpft werden. Manche Bundesländer haben dazu für den Impfstoff sogar die Priorisierung aufgehoben.

Oft ist von einer Risiko-Nutzen-Abwägung die Rede. So hieß es auch bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) immer, der Nutzen von Astra Zeneca für die Pandemiebekämpfung sei größer als die Gefahr, die von den seltenen Nebenwirkungen ausgehe. Jetzt haben die EMA-Experten ihre Einschätzung konkretisiert. Dabei zeigt sich: Je nach Altersgruppe und Infektionsgeschehen spricht die Bilanz bei Menschen unter 60 Jahren eher dafür, nicht mit Astra Zeneca zu impfen - wenn etwa andere Vakzine als Alternative zur Verfügung stehen. Dafür betrachtete die EMA drei verschiedene Szenarien für verschiedene Altersgruppen und bei verschiedenen monatlichen Inzidenzen (55, 401, 886) - umgerechnet auf das Infektionsgeschehen liegt Deutschland aktuell zwischen der mittleren und höchsten Stufe (728). Aufgeführt wurden zudem jeweils die gemeldeten Thrombose-Fälle pro 100 000 Personen, verglichen mit den durch die Impfung verhinderten schweren oder gar tödlichen Verläufen durch Covid-19.

Wie viele Krankenhauseinweisungen werden durch eine Impfung mit Astra Zeneca verhindert?

In dieser Kategorie überwiegen die Vorteile von Astra Zeneca in allen Altersgruppen deutlich. Bei geringem Infektionsgeschehen (Inzidenz 55) stehen pro 100 000 Menschen im Alter von 20-29 Jahren vier verhinderte Krankenhausaufenthalte 1,9 Fällen der seltenen Thrombosen bei gleichzeitigem Absinken der Blutplättchen gegenüber. Mit zunehmendem Alter und höherer Inzidenz überwiegt der Nutzen des Vakzins immer deutlicher im Vergleich zum Risiko, an dieser seltenen Nebenwirkung zu erkranken.

Wie viele Aufenthalte auf der Intensivstation werden verhindert?

In dieser Kategorie fällt die Bilanz für Menschen unter 60 Jahren bei geringem Infektionsgeschehen zu Ungunsten des Astra-Zeneca-Vakzins aus. Es treten also mehr Fälle dieser speziellen Thrombosen auf, als sehr schwere Verläufe verhindert werden. Erst bei mittlerer (401) oder hoher Inzidenz (886) überwiegt der Nutzen des Impfstoffs wieder in allen Altersgruppen.

Wie viele Todesfälle werden verhindert?

Auch bei der Verhinderung von Todesfällen durch Covid-19 überwiegt der Nutzen von Astra Zeneca bei Menschen unter 60 Jahren das Risiko für diese spezifischen Thrombosen nur dann, wenn das Infektionsgeschehen hoch ist. Bei niedriger Inzidenz profitieren auch hier vor allem Ältere von diesem Impfstoff.

Was kann man aus diesen Daten ableiten?

Diese Art der Analyse kann einen Kontext liefern, in dem einzelne Länder entscheiden können, wem sie Astra Zeneca anbieten. Wie diese Entscheidung aussieht, hängt natürlich auch noch davon ab, ob genug alternative Impfstoffe etwa für Jüngere zur Verfügung stehen. Die Daten der EMA bestätigen zumindest grob die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, vorrangig über 60-Jährige mit dem Vakzin zu impfen. Allerdings zeichnen auch die Analysen der EMA vermutlich kein vollständiges Bild, da sie nur eine Momentaufnahme sind, es eventuell noch weitere Thrombose-Fälle gibt und sie auch nicht differenzieren, wie schwer die Nebenwirkungen in den einzelnen Fällen waren - also ob die Betroffenen daran gestorben sind oder nicht. Diese Information wäre jedoch nötig, um zum Beispiel das Risiko von Todesfällen durch diese Impf-Nebenwirkung dem Risiko, an Covid-19 zu sterben, gegenüberzustellen.

Weiterhin betrachten die Analyse nur einen Zeitraum von ein bis vier Monaten und nach der Gabe einer Dosis des Vakzins, der Schutz der Impfung hält aber länger an und erhöht sich nach der zweiten Dosis noch einmal. Insgesamt kann für den Einzelnen dennoch der Nutzen durch die Impfung überwiegen, wenn er etwa an einer Vorerkrankung leidet, die einen schweren Covid-Verlauf wahrscheinlicher macht. Nicht zu vergessen die Risiken für Langzeitfolgen, das so genannte LongCovid, die nach aktuellen Studien bei bis zu zehn Prozent der Infizierten auftreten.

© SZ
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