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Coronavirus:Kritik an Streeck-Papier gegen Shutdown nimmt zu

Coronavirus: Virologe Hendrik Streeck in Gangelt

Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik in Bonn, steht in der Kritik für das Papier, das er mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung veröffentlicht hat.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Weitere Verbände haben sich von der Stellungnahme zur Corona-Strategie distanziert. Auch in den sozialen Medien protestieren Ärzte - und sammeln Unterschriften für einen Gegenentwurf.

Von Marlene Weiß

Das umstrittene Papier zur "Gemeinsamen Position von Wissenschaft und Ärzteschaft" über die deutsche Strategie in der Corona-Pandemie stößt ausgerechnet in Wissenschaft und Ärzteschaft weiter auf Kritik. Am Mittwoch hatten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeinsam mit den Virologen Hendrik Streeck von der Uni Bonn und Jonas Schmidt-Chanasit (Uni Hamburg) die Stellungnahme veröffentlicht, in der sie von einem generellen Shutdown abraten. Zunächst hatte sich nur der Berufsverband der Anästhesisten (BDA) entschieden gegen das Papier gewehrt, der als Mitglied im Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) unter den Unterzeichnern auftauchte - das sei nicht abgesprochen gewesen. Inzwischen haben sich weitere der ursprünglich aufgeführten Verbände distanziert, auch einzelne Ärzte äußern teils heftige Kritik.

In der Stellungnahme hatten die KBV sowie Streeck und Schmidt-Chanasit statt eines bundesweiten Shutdowns ein Ampelsystem gefordert. Das solle lokales Eingreifen erlauben und auch etwa Behandlungskapazitäten in den Blick nehmen. Zudem sollten vor allem Risikogruppen besser geschützt werden und statt Verboten solle die Eigenverantwortung betont werden.

Diese Position ist jedoch mitnichten Konsens in Wissenschaft oder Ärzteschaft, wie die Debatte über den Text erneut beweist. "Eine solche Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt erachtet der BDA als grundsätzlich nicht zielführend. Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei", hatte BDA-Präsident Götz Geldner am Donnerstag mitgeteilt. Zu einer deutlichen Einschränkung von Kontakten gebe es derzeit keine Alternative.

Auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, unterstützt anders als die KBV die beschlossenen Eindämmungs-Maßnahmen. Die DIVI hatte das Papier bewusst nicht unterzeichnet.

Statt aller Mitgliedsverbände wird nun nur noch der Dachverband der Fachärzte aufgeführt

Inzwischen haben sich laut einer Recherche des "Volksverpetzer"-Blogs noch weitere Verbände distanziert. Auch der Berufsverband Deutscher Rheumatologen tauchte über seine Mitgliedschaft im SpiFa zunächst auf, war aber damit nicht einverstanden: Auf Anfrage der Blogger teilte der Verband mit, man habe sich auf KBV-Anfrage bewusst nicht als Unterstützer gemeldet und sei überrascht gewesen, dennoch aufgeführt zu werden. Auch der Berufsverband Deutscher Internisten erklärt, "man habe sich gegenüber der KBV nicht zu dem Papier geäußert".

Johannes Fechner, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, hat sich im SWR gegen die Stellungnahme gewandt. Er halte die aktuellen Maßnahmen für erforderlich. Hinzu kommt lauter Protest in den sozialen Medien. Eine Gruppe von Ärzten um den niedergelassenen Allgemeinmediziner Rainer Röver aus Überlingen hat eine Gegen-Stellungnahme veröffentlicht, die ausdrücklich den Wellenbrecher-Lockdown unterstützt. Wie Röver auf Twitter schreibt, hatten sich bis Samstag 143 Ärzte angeschlossen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat auf die Kritik reagiert, indem sie die Mitgliedsverbände des Fachärzte-Verbands SpiFa nun nicht mehr explizit auflistet, sondern nur noch den Dachverband SpiFa, der das Papier unterstützt, mit Verweis auf seine 29 Mitglieder - auch wenn diese teils anderer Meinung sind.

Allerdings sind im Vergleich zur ersten Version laut der aktuellen Variante vom 30. Oktober auch Unterstützer hinzugekommen: Neu aufgeführt werden der Bundesverband Deutscher Pathologen, die Freie Ärzteschaft e. V., der Dachverband für Naturheilkunde, komplementäre und integrative Medizin (Hufelandgesellschaft), der Verband Deutsche Nierenzentren e. V. und die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland.

© SZ/che
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