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Coronavirus in Deutschland:Bundesrepublik im Teil-Lockdown

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Seit Mitternacht gelten bundesweit verschärfte Maßnahmen. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft warnt vor einem Höchststand an Intensivpatienten in zwei bis drei Wochen.

Strenge Kontaktbeschränkungen, geschlossene Restaurants und Freizeiteinrichtungen: Seit Mitternacht gilt in ganz Deutschland ein - vorerst auf vier Wochen beschränkter - Teil-Lockdown. Für persönliche Treffen gelten strengere Regeln: In den meisten Bundesländern dürfen nur noch zwei Haushalte zusammenkommen - teils gilt das sogar für Treffen in den eigenen vier Wänden. Die Kontaktbeschränkungen sollen verhindern, dass Gesundheitsämter und das gesamte Gesundheitssystem überlastet werden, insbesondere die Intensivstationen.

Anders als im Frühjahr bleiben dieses Mal Kitas und Schulen sowie Geschäfte generell geöffnet. Schließen müssen dagegen Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen, nur zum Mitnehmen dürfen gastronomische Einrichtungen noch Speisen und Getränke verkaufen. Auch für Kinos, Theater, Opern und Museen, Fitnessstudios, Schwimmbäder, Saunen und viele andere Einrichtungen gilt nun eine Zwangspause. Generell sollen die Menschen auf nicht unbedingt notwendige Reisen und Besuche verzichten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am vergangenen Mittwoch angesichts der schnell steigenden Infektionszahlen mit den Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer auf die drastischen Schritte verständigt. Sie sollen zunächst bis Ende November dauern, nach zwei Wochen wollen Bund und Länder gemeinsam eine Bestandsaufnahme machen und gegebenenfalls nachsteuern. Die Länder setzen die Einschränkungen per Verordnung um, daher gibt es regional Unterschiede.

RKI meldet 12 097 Neuinfektionen

Die Gesundheitsämter haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom frühen Montagmorgen 12 097 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet. Erfahrungsgemäß sind die Fallzahlen an Montagen niedriger, auch weil an Wochenenden weniger getestet wird. Am Montag vor einer Woche hatte die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden bei 8685 gelegen.

Insgesamt haben sich dem RKI zufolge seit Beginn der Pandemie bundesweit 532 930 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus stieg bis Montag um 29 auf insgesamt 10 481. Das RKI schätzt, dass etwa 355 900 Menschen inzwischen genesen sind.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland laut RKI-Lagebericht vom Sonntag bei 1,13 (Vortag: 1,13). Das bedeutet, dass zehn Infizierte etwa elf weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Zudem gibt das RKI in seinem Lagebericht ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Der Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen lag dieser Wert am Sonntag ebenfalls bei 1,13 (Vortag: 1,13). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor acht bis 16 Tagen.

Krankenhäuser: Rekord an Intensivpatienten in zwei bis drei Wochen

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, rechnet mit einem neuen Höchststand an Intensivpatienten in Deutschland während der Corona-Pandemie. "In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen - und das können wir gar nicht mehr verhindern. Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert", sagte er der Bild-Zeitung.

Zudem kündigte er an, auch Pflegepersonal aus nichtintensivmedizinischen Bereichen auf den Intensivstationen einzusetzen. "Das ist natürlich nicht optimal, aber in einer solchen Ausnahmesituation zu rechtfertigen."

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hatte am Wochenende in der Bild am Sonntag erklärt: "Ganz klar: Es ist in einigen Bundesländern nicht mehr viel Spielraum. Berlin hat nur noch 14 Prozent freie Intensivbetten, Bremen 17 Prozent." Im Frühjahr sei die Situation viel weniger dramatisch gewesen als das, was jetzt auf uns zukomme.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, forderte, planbare Operationen zu verschieben. "Viele Intensivpfleger arbeiten schon heute am Limit, und zu Recht warnen sie vor einer Verschlimmerung", sagte er der Bild-Zeitung. Nur "ein Maßnahmenbündel wird eine Katastrophe verhindern - zum Beispiel planbare Operationen je nach Situation vor Ort zu verschieben".

Spahn will 290 Millionen Masken an Pflegeheime schicken

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will einem Medienbericht zufolge 290 Millionen Masken aus Bundesbeständen an Pflegeheime und ambulante Pflegedienste schicken. Die Einrichtungen sollen demnach jeweils 1000 hochwertige FFP2-Masken und 2000 einfache OP-Masken erhalten, berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Masken seien in der ersten Phase der Pandemie angeschafft worden.

"Die erfolgreichen Beschaffungsanstrengungen eröffnen Spielräume, die ich nutzen möchte, um Pflegeeinrichtungen gezielt und zusätzlich bei der Versorgung mit Schutzmasken zu unterstützen", zitieren die Zeitungen aus einem Brief von Spahn an die Pflegeeinrichtungen. Allerdings machte der CDU-Politiker klar, dass sich die Heime und Dienste daneben weiterhin frühzeitig und vorausschauend um die Beschaffung kümmern müssten.

Tübingens OB Palmer rät Senioren vom Busfahren ab

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen an Seniorinnen und Senioren in seiner Stadt appelliert, den Stadtbus nicht zu nutzen. "Der Tübinger Appell setzt wie Schweden auf Eigenverantwortung und besonderen Schutz der Alten", sagte er der Bild-Zeitung. Schweden hatte in der Pandemie vor allem auf freiwillige Vorsichtsmaßnahmen gesetzt, die sich vor allem an ältere Bürger richteten. Senioren sollten unabdingbare Fahrten mit einem Sammeltaxi unternehmen, so Palmer. "Wir bitten alle, die fit genug sind, nicht den Bus, sondern das Fahrrad zu nutzen, auch wenn es jetzt kälter wird", heißt es laut Zeitung in dem Appell weiter.

Zudem sollten jüngere Menschen in Tübingen zwischen 9.30 und 11.00 Uhr nicht einkaufen gehen und diese Zeit den Senioren überlassen. Alle Menschen in Tübingen über 65 Jahren sollen zudem kostenlos mit hochwertigen FFP2-Masken versorgt werden.

4000 Bundeswehrsoldaten helfen im Kampf gegen die Pandemie

Die Bundeswehr ist inzwischen mit etwa 4000 Soldatinnen und Soldaten zur Bekämpfung der Corona-Pandemie im Einsatz. Die Zahl hat sich binnen einer Woche in etwa verdoppelt. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte am Sonntag in einem Interview mit den Fernsehsendern RTL und ntv: "Wir sind mittlerweile in jedem zweiten Gesundheitsamt aktiv." Schwerpunktmäßig helfen die Soldaten bei der Nachverfolgung von Infektionsketten, bei der Entnahme von Abstrichen oder an Teststationen. Die Kräfte gehören zum Einsatzkontingent "Hilfeleistung gegen Corona", das über insgesamt 15 000 Soldaten verfügt. Man sehe, dass der Bedarf an Hilfe von Tag zu Tag wirklich sprunghaft ansteige, sagte die CDU-Chefin. "Das ist ein Zeichen dafür, wie massiv diese zweite Welle ist." Kramp-Karrenbauer bat die Bevölkerung, sich an die Regeln des am Montag beginnenden Teil-Lockdowns zu halten, "damit wir alle miteinander ein unbeschwerteres Weihnachten feiern können".

Saarlands Ministerpräsident Hans warnt vor Kollaps in Krankenhäusern

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans warnt mit Blick auf die steigenden Corona-Zahlen vor einem Kollaps in vielen Krankenhäusern. "Die Situation ist erschreckend und alarmierend: Schon bald kann es zu einem Kollaps in vielen der 1900 Krankenhäuser in Deutschland kommen", sagte der CDU-Politiker der Bild am Sonntag. Gerade jetzt, wo in der zweiten Corona-Welle jeder Intensiv- und Beatmungsplatz dringend benötigt werde, würden Kliniken aus der Versorgung fallen, Stationen geschlossen und Notaufnahmen abgemeldet. "Grund ist fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal." Hans forderte aufgrund der Situation einen Rettungsschirm für die Kliniken: "Sie brauchen dringend Unterstützung. Neben dem Personalengpass droht den Krankenhäusern der finanzielle Kollaps." Sein Vorschlag: "Wir sollten jetzt dringend die Freihaltepauschalen wieder einführen, damit die Kliniken in den nächsten Wochen und Monaten finanziell abgesichert sind." Freihaltepauschalen sind Tagespauschalen als Ausgleich für jedes leerstehende Bett.

Auch Deutschlands Intensivmediziner hatten vor einigen Tagen vor einer kritischen Situation in den deutschen Krankenhäusern gewarnt. "Es ist jetzt schon nachweislich schlimmer als im Frühjahr", sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Presse-Agentur. "In 14 Tagen haben wir die schweren Krankheitsfälle und unsere großen Zentren kommen unter Maximalbelastung." Kliniken müssten sich deshalb bereits jetzt fragen, bei welchen Patienten sie vereinbarte Operationen guten Gewissens verschieben könnten.

Ganz NRW ist Corona-Risikogebiet

Ganz Nordrhein-Westfalen ist nach Darstellung des Robert-Koch-Instituts (RKI) ein Corona-Risikogebiet. Wie aus der Webseite des RKI am Sonntagmorgen hervorging, überschritt nun auch Soest die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in einer Woche - damit ist das Bundesland auf der Landkarte komplett rot oder hellrot markiert. Besonders angespannt ist die Lage in Duisburg mit einem Wert von 256,1 - höher war er nirgends in NRW. In Remscheid und Herne waren die Werte nur etwas niedriger.

DIW: Zweiter Lockdown kostet Wirtschaft 19 Milliarden Euro

Die ab Montag geltenden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus kommen der deutschen Wirtschaft nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) teuer zu stehen. Er werde sie rund 19,3 Milliarden Euro kosten, ermittelte das DIW für die Welt am Sonntag. Mit Einbußen von 5,8 Milliarden Euro sind demnach Gastronomie und Hotels am härtesten betroffen. Das wäre ein Verlust von 55 Prozent der üblichen Wirtschaftsleistung in einem Vierteljahr. Die Bereiche Sport, Kultur und Unterhaltung müssen ein Minus von 2,1 Milliarden Euro verkraften, der Handel von 1,3 Milliarden Euro. Die deutsche Industrie muss dem DIW zufolge mit einem Minus von 5,2 Milliarden Euro rechnen. Ein Großteil der übrigen Summe entfällt auf Unternehmensdienstleister, Logistikunternehmen und auch Kinobetreiber.

Auch auf den Arbeitsmarkt dürfte der Lockdown ausstrahlen. Die Zahl der Beschäftigten wird nach der Prognose des DIW im laufenden vierten Quartal um knapp 100 000 sinken. Die Zahl der Kurzarbeiter werde bis Ende des Jahres um 400 000 auf 3,2 Millionen steigen. Im kommenden Jahr erwarten die Forscher eine deutliche Erholung: "Wir gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt 2021 wieder deutlich wird zulegen können - allerdings nur, wenn die zweite Infektionswelle bald gestoppt werden kann", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Gleichzeitig dürfte sowohl die Zahl der Firmenpleiten als auch die der Arbeitslosen steigen. Letztere wird aktuell noch durch die Kurzarbeit abgemildert.

Maas: "Die Grenzen werden offen bleiben"

Außenminister Heiko Maas sagte dem Tagesspiegel am Sonntag, die Lage in Deutschland sei zwar "angespannt", aber besser als in einigen anderen Ländern. "Was ich aus dem Ausland an Reaktionen wahrgenommen habe, war eher eine Mischung aus Bewunderung und dem Wunsch, es ähnlich zu machen", sagte der SPD-Politiker. "Wer unsere Situation mit der anderer Länder vergleicht, kommt zu dem Schluss: Deutschland steht so schlecht nicht da."

Dennoch seien die von Montag an geltenden neuerlichen Einschränkungen notwendig. "Uns steht ein harter Winter bevor." Grenzschließungen als Teil der Corona-Maßnahmen schloss Maas aus: "Die Grenzen werden offen bleiben." Man habe im Frühjahr genügend Erfahrungen gemacht, wie man Kontrollen organisiere, falls sie notwendig würden. "Ich bin sicher, dass wir Staus an der Grenze, die Dutzende von Kilometern lang sind, nicht sehen werden."

Mehr als 19 000 neue Corona-Fälle am Samstag und mehr als 14 000 am Sonntag

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) innerhalb eines Tages 14 177 neue Corona-Infektionen gemeldet. Insgesamt haben sich demnach seit Beginn der Pandemie 532 930 Menschen in Deutschland mit dem Virus infiziert. Vor genau einer Woche waren 11 176 Neuinfektionen an einem Tag gemeldet worden. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland im Zusammenhang mit dem Virus erhöhte sich um 29 auf insgesamt 10 481. Etwa 355 900 Menschen waren von ihrer Infektion genesen.

Die Zahlen sind niedriger als die am Vortag: Von Freitag auf Samstag war mit 19 059 Neuinfektionen ein Höchstwert gemeldet worden. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus stieg bis Samstag um 103. An Sonntagen sind die erfassten Fallzahlen allerdings meist niedriger, auch weil am Wochenende weniger getestet wird.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland laut RKI-Lagebericht vom Samstag bei 1,11 (Vortag: 1,06). Das bedeutet, dass zehn Infizierte etwa elf weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Zudem gibt das RKI in seinem Lagebericht ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Der Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen lag dieser Wert am Samstag bei 1,19 (Vortag: 1,21). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen.

Nach zwei Corona-Fällen in der Staatskanzlei: Hessischer Ministerpräsident Bouffier in Quarantäne

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wird die nächsten Tage in häuslicher Quarantäne verbringen, nachdem zwei Personen in der Staatskanzlei positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. "Ministerpräsident Bouffier selbst ist negativ getestet, und es geht ihm gut", erklärte ein Regierungssprecher am Samstag. Bouffier werde die Amtsgeschäfte in der Quarantäne weiterführen. Eine der positiv getesteten Personen arbeite in Bouffiers direktem Umfeld.

"Es ist der Plan, dass wir zum Dezember lockern. Garantieren kann das niemand"

Der Unionsfraktionschef im Bundestag, Ralph Brinkhaus, will nicht ausschließen, dass der gerade erst beschlossene Teil-Lockdown länger als bis Ende November in Kraft bleibt. "Es ist der Plan, dass wir zum Dezember lockern. Garantieren kann das niemand", sagte Brinkhaus den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Fakt ist aber: Ohne etwas zu tun, werden wir sicher keinen guten Dezember haben. Wir müssen kämpfen." Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hatte eine Verlängerung zuvor nicht ausgeschlossen.

Das Coronavirus sei "nichts, was man auf dem Reißbrett oder auf lange Zeit planen kann", sagte Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) der Bild. "Eine solche Pandemie ist eine Naturkatastrophe. Sie verändert ihr Gesicht ständig. Deshalb ist es sehr, sehr schwer, längerfristige Vorhersagen zu machen."

© SZ/dpa/Reuters/epd/gal/odg/mpu/jobr/saul/jael/bix/jsa/odg

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