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Coronavirus:Ärzte distanzieren sich von Positionspapier gegen Shutdown

Coronavirus - Berlin

Geschlossenes Restaurant in Berlin: Ist ein zweites Herunterfahren des öffentlichen Lebens unumgänglich?

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Der Berufsverband Deutscher Anästhesisten protestiert: Man sei ohne Absprache als Unterzeichner genannt worden. Auch Intensivmediziner wenden sich gegen das Papier.

Von Christina Kunkel

Das Positionspapier, das am Mittwoch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Virologen Hendrik Streeck (Uni Bonn) und Jonas Schmidt-Chanasit (Uni Hamburg) vorlegten, ruft Widerspruch hervor. Ausgerechnet am Tag, als sich die Regierung auf strenge Corona-Maßnahmen einigte, hatten sich die zwei Forscher und die KBV deutlich gegen jede Art von Lockdown ausgesprochen. Sie forderten Vertrauen in die Eigenverantwortung der Bürger und eine Abkehr vom alleinigen Blick auf die Zahl der Neuinfektionen. Der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen wies in einer Pressekonferenz zum Papier außerdem mehrfach darauf hin, dass die Intensivkapazitäten in Deutschlands Krankenhäusern noch lange nicht ausgeschöpft seien. Also alles ganz entspannt?

Keineswegs, entgegnen nun jene Experten, die in Krankenhäusern an vorderster Front arbeiten. Der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA), Götz Geldner, kritisiert das Positionspapier scharf. Es gebe keine Alternative zu einer deutlichen Einschränkung der Kontakte: "Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen."

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Geldner kritisierte das Papier nicht nur inhaltlich: Er verwahrte sich auch dagegen, dass sein Verband, der rund 20 000 Anästhesistinnen und Anästhesisten vertritt, in dem Papier über seine Mitgliedschaft im "Spitzenverband Fachärzte Deutschlands" (SpiFa) sogar als Unterzeichner des Diskussionspapiers genannt wird. Der BDA unterstütze das Positionspapier inhaltlich nicht, bekräftigte Geldner am Donnerstag, er habe im Vorfeld auch keinerlei Kenntnis von dem Papier gehabt.

Die Stellungnahme trage nur zur weiteren Verunsicherung bei

"Eine solche Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt erachtet der BDA als grundsätzlich nicht zielführend. Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei." Diese Auffassung teile auch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin mit mehr als 15 000 Mitgliedern. Auf Anfrage verwies die KBV an den SpiFa, dieser habe stellvertretend für seine Verbände gezeichnet. Der SpiFa teilte mit, er unterstütze das Papier, alles weitere habe aber die KBV koordiniert.

Zugleich warnten Intensivmediziner in der Bundespressekonferenz am Donnerstag vor einer wachsenden "Konkurrenz ums Bett" in Kliniken. Denn auch auf den Normalstationen steige die Zahl der Covid-Patienten rapide, dabei seien dort die Kapazitäten schon in einem normalen Winter ohne Corona meist am Limit, berichtete etwa Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Berliner Charité.

Es sei unvermeidbar, jetzt die Personaluntergrenzen sowie verschiebbare Eingriffe und Behandlungen auszusetzen und finanzielle Kompensationen für Krankenhäuser bereitzustellen, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens. Die Intensivmediziner begrüßten die beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Sie seien sinnvoll und verhältnismäßig. Er habe kein Verständnis für den Vorwurf, dass Panik gemacht werde, sagte Janssens. Es sei offensichtlich nicht gelungen, der Bevölkerung wirklich klarzumachen, dass mit dem Sommer das Infektionsrisiko nicht verschwunden sei.

Mit Stand Donnerstag werden in deutschen Krankenhäusern 1696 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch betreut. Das sind doppelt so viele wie vor zehn Tagen.

© SZ/bern

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