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Artensterben:Wie Wirtschaft und Natur koexistieren können

Fledermäuse in Sachsen gut erholt

Wo immer die Kleine Hufeisennase lebt, haben es Bauprojekte schwer.

(Foto: Klaus Bogon/dpa)
  • Wie lassen sich der Schutz der Natur und die Interessen der Wirtschaft in Einklang bringen? Darüber machen sich Umweltschützer und Wirtschaftsverbände in einem gemeinsamen Netzwerk Gedanken.
  • Ein Kompromiss könnte im "Naturschutz auf Zeit" liegen - dabei werden brachliegende Flächen vorübergehend der Natur überlassen.

Wenn seltene Arten ins Spiel kommen, wird die Sache kompliziert. Bei der Dresdner Waldschlößchenbrücke tauchte die Kleine Hufeisennase auf, eine Fledermausart. Beim Prestigebahnhof Stuttgart 21 fand sich der Juchtenkäfer, an der Autobahn A 44 der Kammmolch. Großtrappen, Löffelenten, selbst Feldhamster haben das Zeug dazu, Millionen zu vernichten.

In einem dicht besiedelten Industrieland wie Deutschland haben es seltene Arten nicht leicht. Täglich rücken ihnen Planierraupen und Betonmischer näher, allein zwischen 1992 und 2016 schluckten Gebäude- und Verkehrsflächen fast 9000 Quadratkilometer, ein Zuwachs um 22 Prozent. Täglich werden 62 Hektar Land versiegelt. Der klassische Konflikt zwischen Wirtschaft und Naturschutz entsteht da, wo plötzlich eine seltene Art auftaucht, etwa auf einem verlassenen Industriegelände. "Solche Industriebrachen sind für viele seltene Arten attraktiv", sagt Catrin Schiffer, die sich beim Industrieverband BDI um den Artenschutz kümmert.

In einem Netzwerk versuchen Umwelt- und Industrieverbände, Kompromisse zu finden

Moment mal: Artenschutz? Bei einem Industrieverband? "Das Thema ist für uns wichtig", sagt Schiffer, "weil eine gesunde Biodiversität eben auch eine Grundlage wirtschaftlichen Handelns ist." Was natürlich im Einzelfall auch mal ganz anders aussehen kann - wenn es um ganz konkrete Projekte geht. "Natürlich kann das nach-teilig sein, wenn der Artenschutz ein Projekt infrage stellt", sagt auch Schiffer.

Die Interessen prallen aufeinander in einem Netzwerk, das der Bund vor sechs Jahren ins Leben rief, dem "Unternehmen biologische Vielfalt 2020". Bundesregierung, Umwelt- und Wirtschaftsverbände sollen hier gemeinsame Lösungen finden, das ist keine leichte Aufgabe. "Hier zeigt sich, dass die Vereinbarung von Schutz und Nutzung der Natur im Einklang mit wirtschaftlichen Interessen durchaus herausfordernd sein kann", sagt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands DIHK. "Denn oft sehen sich Unternehmen Erwartungen gegenüber, die sie kaum in die betriebliche Praxis integrieren können." Wirksamer Umweltschutz setze aus Sicht der Wirtschaft deshalb eine "konstruktive Abwägung von wirtschaftlichen und ökologischen Fragestellungen" voraus, sagt Dercks. "Der isolierte Appell, mehr für den Artenschutz zu tun, läuft ins Leere, solange es keine klugen und ausgewogenen Regeln gibt, die für die Betriebe mit vertretbarem Aufwand umsetzbar sind."

Was die Wirtschaft besorgt, bringt für die Natur dagegen oft Entlastung. Tatsächlich ist das deutsche Umweltrecht, auch in Verbindung mit der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, stark genug, um schlecht geplante Projekte zu verändern, etwa mehr Ausgleich einzufordern. Nicht selten soll auch der Umweg über den Artenschutz helfen, ein umstrittenes Projekte doch noch zu verhindern. Den Gegnern von Stuttgart 21 etwa kam der Juchtenkäfer gerade recht, auch wenn er den Bau letztlich nicht stoppte. Wer dagegen sein Bauprojekt gefährdet sieht, könnte erst recht versucht sein, eine seltene Art heimlich zu vertreiben, Höhlen auszuräuchern oder Nester nächtens zu zerstören.

"Natur auf Zeit könnte ein Weg sein, die Interessen zusammenzubringen"

Ein Kompromiss könnte im "Naturschutz auf Zeit" liegen - einem Ansatz, bei dem Wirtschafts- und Umweltverbände ausnahmsweise ähnlicher Meinung sind. Unternehmen könnten hier ihre Brachen gezielt der Natur überlassen, ohne dabei das Risiko einzugehen, sie nie wieder nutzen zu können. Dies betreffe vor allem Unternehmen, die per se viel Fläche brauchen, etwa die abbauenden Industrien. "Natur auf Zeit könnte ein Weg sein, die Interessen zusammenzubringen", sagt BDI-Expertin Schiffer. Das sieht Konstantin Kreiser, Artenschutzexperte beim Naturschutzverband Nabu, ganz ähnlich. "Der Naturschutz hat schließlich auch nichts davon, wenn alle Flächen betoniert oder künstlich freigehalten werden." Und zwar aus Vorsorge, damit sich nicht doch noch irgendeine Fledermaus oder ein Kammmolch ansiedeln kann. "Da ist der Natur mehr geholfen, wenn sie zumindest zeitweise ein Refugium hat."

Rechtlich ist das bisher noch nicht leicht, solche nur vorübergehenden Oasen sieht das Naturschutzrecht nicht vor. "Aber inzwischen gibt es erste Pilotprojekte und wir können mit der Industrie darüber ganz pragmatisch reden", sagt Kreiser. "Übrigens deutlich besser sogar als mit den Landwirtschaftsverbänden." Was freilich nichts daran ändert, dass Umweltschützer auf so manches Großprojekt auch komplett verzichten könnten. "Immer mehr Natur wird plattgemacht", sagt Georg Schwede von der Campaign for Nature. "Würde man die Natur wirklich in Wert setzen, dann würden viele Bilanzen ganz anders aussehen." Stattdessen sucht auch das Naturschutzrecht immer den Ausgleich der Interessen, es ist nicht radikal. Kein einziges Großprojekt scheiterte an Hufeisennasen oder Kammmolchen, nur die Auflagen für den Ausgleich wurden strenger, die Projekte damit teurer. Und wieder verschwanden ein paar Hektar Natur unter Asphalt und Beton.

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