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Arktis:Von Pizzlys und Wolphins

Viele Tierarten und sogar Gattungen in der Arktis kreuzen sich offenbar untereinander - möglicherweise mit verheerenden Folgen. Forscher fürchten, dass sie dadurch ihre besonderen Stärken verlieren.

Katrin Blawat

Als der Bär zusammenbrach, ahnte selbst der Schütze noch nicht, welch besonderes Tier er soeben in der kanadischen Arktis erlegt hatte. Erst die DNS-Analyse zeigte: Der Bär hatte einen bemerkenswerten Familienstammbaum.

Jim Martell (links) und weitere Jäger mit dem Mischling aus Grizzly und Eisbär, den Martell in Kanada erschossen hat.

(Foto: AP/Canadian Wildlife Service)

Sein Vater war ein Grizzly, die Mutter aber ein Mischling, sie entstammte einer Paarung aus Eisbär und Grizzly. Das erlegte Tier war also ein "Pizzly" oder "Grolar-Bär" in zweiter Generation. Dass es derartige Mischlinge in der Natur überhaupt gibt, galt noch bis vor wenigen Jahren als nahezu ausgeschlossen.

Inzwischen jedoch mehren sich die Hinweise darauf, dass sich in der Arktis viele Tierarten und sogar Gattungen untereinander kreuzen. Möglicherweise mit verheerenden Folgen, wie Brendan Kelly, Andrew Whiteley und David Tallmon in einem Kommentar im Fachmagazin Nature warnen (Bd.468, S.891, 2010).

Nach Ansicht der drei amerikanischen Forscher stellen die Mischlinge eine Gefahr für die Artenvielfalt dar. Schmilzt das Eis, verlieren die Eisbären ihren bisherigen Lebensraum, müssen aufs Festland ausweichen - und treffen dort auf Grizzlys. Als Folge der neuen Nachbarschaft könnten Eisbär und Grizzly in einer Mischlingsart aufgehen, die womöglich schlechter für das Leben in der Arktis gerüstet wäre als jede der beiden Ursprungsarten.

Ein ähnliches Szenario ist auch für Meeressäuger denkbar: Arten, die bislang von Eisbarrieren getrennt waren, finden nun zusammen. Dies könne passieren, bestätigt der Evolutionsbiologe Klaus Schwenk von der Universität Landau. Allerdings stellt das Eis nur eine der Hürden dar, die Polar- und Grizzlybären bislang voneinander getrennt haben. Auch Unterschiede im Verhalten spielen eine Rolle; oft begegnen sich die beiden Arten feindlich.

Tiere verschiedener Gattungen, Arten oder Unterarten paaren sich häufiger, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Die meisten Tiere bevorzugen zwar Artgenossen, weichen zur Not aber auf artfremde Partner aus - und können mit ihm in einigen Fällen sogar fruchtbare Nachkommen zeugen. Schon 2006 wurde in der Arktis ein Pizzly erlegt, allerdings handelte es sich damals um einen Mischling der ersten Generation.

Die Nature-Autoren berichten nun auch von einer Kreuzung zwischen einem Narwal und einem Beluga. Von Schweinswalen und Robben weiß man ebenfalls, dass sich innerhalb dieser Gruppen manche Arten und Gattungen kreuzen. Im Sea Life Park auf Hawaii kam vor fünf Jahren ein "Wolphin" zur Welt: der Vater ein Großer Tümmler, die Mutter eine Mischung aus Kleinem Schwertwal - der trotz seines Namens zu den Delphinen gehört - und Großem Tümmler.

Schwenk schätzt nach einer Literatur-Recherche, dass sich bis zu zehn Prozent aller Tierarten mit anderen Arten kreuzen. "Hybride sind oft schwer zu erkennen, weil sie sich kaum von den Eltern unterscheiden", sagt Schwenk. Eine Ausnahme sind die Pizzlys mit ihrem hellbraun oder geflecktem Fell und dem Grizzly-typischen Buckel. "Viele Hybride wurden erst entdeckt, als die Ökologen Ende der 1980er Jahre Zugang zu Molekular-Analysen bekamen", sagt Schwenk.

Nicht aus jeder Paarung zwischen zwei Arten gehen Nachkommen hervor. Unterscheidet sich die genetische Ausstattung der Arten zu stark, kann aus der Mischung der Genome kein lebensfähiger Organismus entstehen. Bei den arktischen Säugetieren habe sich die Zahl der Chromosomen während der Evolution jedoch kaum geändert, schreiben Kelly und seine Kollegen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Nachkommen.

Die Folgen einer gemischten Herkunft ließen sich kaum abschätzen, sagt Schwenk. So zeigte ein im Zoo geborener Pizzly ein Verhalten, das an die Robbenjagd der Eisbären erinnerte. Jedoch fehlten ihm die Schwimmkünste der Polarbären. Doch kennen Biologen auch einen positiven Hybriden-Effekt: Zum Beispiel sind die aus Tiger und Löwe hervorgegangenen Liger deutlich größer und stärker als ihre Eltern.

© SZ vom 16.12.2010/mcs

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