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Agrofotovoltaik:Solarmodule könnten künftig Apfelbäume vor Hagel schützen

Schmid stellt sich zudem ganz praktische Fragen: Wie erntet man mit breiten Landmaschinen zwischen hohen Stahlpfosten? "Ich werde langsamer und vorsichtiger fahren müssen, um nicht an einem Pfosten hängenzubleiben. Bei Getreide geht das, aber bei Kartoffeln, wo ich oft rangieren muss, wird es aufwendiger."

Trotzdem wollen es die Heggelbacher probieren und sie dürften nicht die einzigen bleiben: Die Forscher vom Fraunhofer ISE wollen die Technik auch an anderen Kulturen wie Weinreben, Obst oder Hopfen testen. Ob sich Obstanbau und Fotovoltaik vereinen lassen, könnte ein zweites Pilotprojekt am Bodensee zeigen. Auf einer Forschungsanlage auf dem Gelände des Kompetenzzentrums Obstbau-Bodensee (KOB) will das ISE mit Forschungspartnern herausfinden, wie Apfelbäume unter Solarmodulen wachsen. Bislang ist es nur eine Projektskizze, die Testanlage ist noch nicht genehmigt. Eines aber steht fest: Das Potenzial wäre gewaltig.

"Immer mehr Äpfel bekommen Sonnenbrand"

Denn die Bodenseeregion ist eines der wichtigsten Obstanbaugebiete Deutschlands, allein der Apfelanbau umfasst 7000 Hektar und etwa 1600 Betriebe. Doch die Obstbauern haben immer öfter mit dem Klimawandel zu kämpfen. "Es gibt mehr Hagel als vor 50 Jahren, lang anhaltende Hitzeperioden, sintflutartige Regenfälle", sagt Ulrich Mayr, stellvertretender Geschäftsführer des KOB: "Äpfel müssen jedoch makellos sein, sonst kauft sie der Verbraucher nicht. Eine leichte Delle reicht, schon ist es Mostobst." Deshalb spannen die Obstbauern seit fast 20 Jahren Hagelnetze über ihre Apfelbäume, um sie vor Hagelkörnern und inzwischen auch vor erhöhter UVB-Strahlung zu schützen. "Immer mehr Äpfel bekommen Sonnenbrand: Die Schale hellt erst auf, wird dann braun und ledrig und springt schließlich auf. Zwar verheilt die Wunde, aber den Apfel können wir nicht mehr verkaufen."

Die Hagelschutznetze überdecken inzwischen etwa die Hälfte der Apfelanbauflächen in der Bodenseeregion. Kein schöner Anblick, aber bislang gibt es keine Alternative. Doch wenn die Flächen ohnehin "überdacht" werden müssen, könnte man statt Hagelnetzen nicht auch Solarmodule oder sogar biegsame organische Solarzellen als Schutz verwenden? Das wollen die Forscher testen und herausfinden, unter welchen Bedingungen sich Apfelbäume unter Fotovoltaikanlagen wohlfühlen.

Den dabei erzeugten Strom könnten die Obstbauern gut gebrauchen. Besonders zum Kühlen der Äpfel benötigen sie viel Energie. Manche Sorten werden von September bis spätestens Juni in einem großen Kühlschrank bei drei Grad Celsius in "Tiefschlaf" versetzt, damit die Verbraucher das ganze Jahr über knackig-frische Ware bekommen. Mit Agrofotovoltaikanlagen ließen sich die Energiekosten zumindest teilweise decken und die Ökobilanz der Äpfel verbessern - wenn sie statt mit Kohle- oder Atomstrom mit selbst erzeugtem Solarstrom gekühlt würden.

Die Obstbauern könnten ihre Solardächer zudem an Hausbesitzer verpachten, den erzeugten Strom ins Netz einspeisen oder damit elektrische Mähroboter antreiben: selbstfahrende Geräte, die unter den Apfelbäumen alle drei bis vier Wochen mähen und den Mulch zerkleinern. Bislang müssen die Obstbauern diesen zeitintensiven Job selbst mit Traktor und Mulcher erledigen. Statt schweren Spritfressern würden kleine, solarbetriebene Roboter die Bodenpflege übernehmen: Energiepionier Adolf Goetzberger würde dies sicher gefallen.

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