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Recycling:Katzenstreu aus Windeln

Der Pampers-Hersteller will Windeln recyceln. Damit könnte ein enormes Müllproblem gelöst werden. Doch Naturschützer zweifeln an der Machbarkeit.

Wer ein Baby hat, der kennt das Problem: Fünf-, sechs-, siebenmal am Tag müssen die Windeln gewechselt werden, manchmal auch noch häufiger. Bis ein Kind selbständig eine Toilette benutzen kann, fallen 4000 bis 6000 Windeln an - und damit eine riesige Menge Abfall. In manchen Städten machen die Windeln zehn Prozent des Müllaufkommens aus, berichtet der Bund Naturschutz. Was ein paar Stunden lang getragen wurde, wird anschließend in der Regel verbrannt, der enthaltene Kunststoff ist damit für immer verloren.

Der amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (P&G) sucht deshalb nun nach einem Weg, diesen Müllberg ein wenig zu verkleinern. Der Hersteller der Pampers-Windeln hat eine Technologie entwickelt, mit der sich Einwegwindeln von Kleinkindern, aber auch solche von älteren Menschen mit Inkontinenz, recyceln lassen.

Procter & Gamble beherrscht mit seiner Marke das Geschäft nicht nur in Deutschland. Experten schätzen den Marktanteil auf bis zu 70 Prozent. Außer ein paar Eigenmarken der Drogerien gibt es keine wirklich namhafte Konkurrenz, etwa 700 Millionen Euro werden hierzulande pro Jahr mit Windeln umgesetzt - Tendenz steigend. Naturschützer üben deshalb schon länger Druck auf das Unternehmen aus, etwas gegen die wachsende Menge an Windelmüll zu tun. Greenpeace beklagt, dass ein entscheidender Teil des Plastiks im Meer von Artikeln stammt, die Konzerne wie P&G herstellen. Auch Windeln und ihre Verpackungen gehören dazu.

Ein Start-up will eine plastikfreie Windel etablieren

Mit einer Recycling-Anlage, die im Nordosten Italiens erprobt wird, will P&G das Problem angehen. Diese hat der Konsumgüterkonzern mit einem lokalen Partner und dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung entwickelt. "In der Anlage in Italien reinigen wir die gebrauchten Windeln", sagt Roberto Marinucci, Vizechef für Babyprodukte und Nachhaltigkeit bei P&G: "Dann werden die Komponenten separiert und als Sekundärrohstoffe für den Einsatz in neuen Produkten aufbereitet." Nicht nur für die Eigenmarke Pampers, sondern auch für die Produkte der Konkurrenz soll die Technik funktionieren.

A staff member works in a diaper recycling facility in Spresiano near Treviso

In einer Anlage nahe Treviso in Italien werden Windeln recycelt.

(Foto: Massimo Pinca/REUTERS)

Eine Windel besteht aus mehreren miteinander verklebten Schichten, die voneinander gelöst werden müssen. Bislang scheiterten Tüftler daran ein günstiges Verfahren zu entwickeln, das die Bestandteile - Kunststoff, Zellulose und superabsorbierendes Polymer - herausfiltert. In der italienischen Anlage durchlaufen die gebrauchten Windeln mehrere Stationen. Erst werden sie mit Hilfe von Hochdruckdampf sterilisiert und Gerüche beseitigt. Danach wird das Produkt zerkleinert, um an die jeweiligen Bestandteile zu gelangen. Diese können dann weiterverwendet werden. Die saugstarke Zellulose geht etwa ins Katzenstreu. Andere Abnehmer nutzen Kunststoff für Wäscheklammern oder Schultische. Weitere Verwendungsmöglichkeiten sollen hinzukommen, um Rohstoffe möglichst lange im Kreislauf zu halten. Für die Käufer lohnt sich das Modell offenbar. Das recycelte Material kostet wohl weniger als neuproduzierte Ware.

Trotzdem sind Naturschützer skeptisch. "Die Logistik ist ein ungelöstes Problem", sagt Rolf Buschmann, Experte für Abfall beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Procter & Gamble muss die Windeln einsammeln, bevor sie recycelt werden. Das Unternehmen setzt dabei unter anderem auf Krankenhäuser und Seniorenheime. An diesen Orten kann sich Buschmann den Erfolg der neuen Technik vorstellen. Bei privaten Haushalten nennt er eine flächendeckende Sammlung "wahrscheinlich nicht machbar".

Windeln für Millionen

Vier Anlagen des Konzerns Procter&Gamble bräuchte es, um die Menge an Windeln und vergleichbaren Hygieneartikeln, die in Berlin anfallen, zu recyceln. Der Prototyp in Italien kann mit einer jährlichen Leistung von 10 000 Tonnen eine Region mit ungefähr einer Million Einwohnern abdecken. In der Hauptstadt nähert sich die Einwohnerzahl der Vier-Millionen-Marke. Sollte das Modell der Pampers-Firma eine flächendeckende Lösung sein, müsste viel gebaut werden.

Marinucci begegnet Bedenken mit breitem Lächeln und einem ambitionierten Plan. Eine einheitliche Lösung für alle Länder und Regionen bezweifelt er zwar, da die Abfallsysteme zu unterschiedlich sind, grundsätzlich kann er sich aber ein Sammelsystem vorstellen, das an das Altglas-Konzept erinnert. Eltern sollen, so seine Vorstellung, Windeln in einer Box deponieren und sie später zu einer Sammelstelle bringen. Viele Familien seien bereit, etwas für die Umwelt zu tun, sagt Marinucci. Daher fördere man nachhaltigen Konsum. Der Naturschützer Buschmann ist weniger euphorisch. Möglicherweise brauche es Anreize, um die Leute zum Recyceln zu bewegen. P&G möchte dennoch in weiteren Ländern antreten. Die Anlage, die in Italien erprobt wird, kann eine Region mit etwa einer Million Einwohnern abdecken. 10 000 Tonnen Windeln können jährlich verarbeitet werden.

Stoffwindeln sind mehrfach verwendbar

BUND-Mann Buschmann hält eine traditionelle Alternative für massentauglicher. Lieber sollten umweltbewusste Eltern Stoffwindeln anschaffen. Diese sind mehrfach verwendbar und müssen gewaschen werden. Die Energie für die Waschmaschine verschlechtert ihre Ökobilanz zwar. Dennoch seien sie die umweltfreundlichere Variante, so Buschmann.

Diese These ist umstritten. Manche Rechnung ergibt, dass die wiederverwendbare Stoffwindel in Sachen Umweltverschmutzung genauso schädlich ist wie die Einwegwindel aus der Drogerie oder dem Supermarkt. Letztlich kommt es auf die Menge der benutzten Stoffwindeln und die Gradzahl beim Waschen an.

Nicht nur die bei vielen Eltern wenig beliebte Stoffwindel macht dem Prestigeprojekt von P&G Konkurrenz. Bei der Einwegware arbeitet auch ein Start-up aus Deutschland an einer passenden Lösung. Die Gründer von Fairwindel, ein Elternpaar, wollen eine kompostierbare Ökowindel ohne Plastik etablieren. 85 Prozent der Windel bestünden aus nachwachsenden Rohstoffen, sagt Gründer Dominic Franck. Statt einer Außenhülle aus Plastik umschließt beispielsweise eine Biofolie auf Maisbasis die Windel, um sie dicht zu machen.

Die Verkaufszahlen steigen, berichtet Chemiker Franck. Das Problem ist der Preis. "Unsere Windeln kosten 55 Cent pro Stück", sagt Franck. Die Pampers kostet deutlich weniger als die Hälfte. Mit höherer Produktionsmenge möchte Fairwindel in Zukunft den Preis senken. Von Umweltexperte Buschmann gibt es Zuspruch für den Ansatz. Bei der Verbrennung der Windel sei ein Großteil des Materials wenigstens CO₂-neutral.

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