Wahlkampf-App:Wie Wahlhelfer in den USA Wähler aufspüren

Donald Trump

Siegessicher: Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung.

(Foto: AP)
  • Wahlkampfhelfer der Präsidentschaftskandidaten nutzen Apps, um herauszufinden, wo unentschlossene Wähler wohnen - und diese auf ihre Seite zu ziehen.
  • Die Apps verbinden dafür die öffentlich zugängliche Wahlhistorie der Menschen mit ihren Daten aus den sozialen Medien.
  • Auch die Kandidaten selbst haben längst eigene Fan-Apps. Die Wahl wird so ein Stück weit zum Smartphone-Spiel.

Von Matthias Kolb und Kathrin Werner, Boardman/Ohio

Thomas tippt auf sein Smartphone. "Mal schauen, wo ich als Nächstes klingeln soll", sagt der junge Donald-Trump-Fan mit dem ordentlichen Seitenscheitel. "Ah ja, da vorne bei der Einfahrt mit der Flagge. Das sieht gut aus, Fahnen sind ein gutes Zeichen." Thomas, der aus Angst vor Hasskommentaren seinen Nachnamen nicht verraten will, ist unterwegs in Ohio und macht Werbung für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten. An welchen Haustüren er im Städtchen Boardman klingeln soll, um von Trump zu erzählen und Werbezettel zu überreichen, verrät ihm sein Smartphone, genau gesagt die App Advantage, die Tausende Trump-Helfer beim Haustür-Wahlkampf lenkt.

In Boardman ist die amerikanische Kleinstadtwelt noch in Ordnung: frisch gemähte Vorgärten, fröhliche Halloween-Kürbisse und Mittelklasseautos vor der Haustür. Trumps Team hat sich das Viertel vorgenommen, weil hier viele Menschen wohnen, fast nur Weiße, die traditionell die Demokraten gewählt haben - und jetzt vielleicht wechseln. Thomas arbeitet als Freiwilliger für Trump, er hat sich extra Urlaub genommen. "In den vergangenen Wochen vor der Wahl ist es die beste Taktik, bei den Leuten selbst vorbeizugehen. Und zwar bei den richtigen Leuten", sagt er. "Ohne gutes Datenmanagement kann man heute keine Wahl mehr gewinnen."

Unentschlossene Wähler werden später erneut angerufen

Wenn Thomas die App öffnet, sieht er zuerst wehende Sternenbanner und dann eine Wegbeschreibung. Die App sagt ihm, hinter welcher Tür ein Republikaner oder ein Demokrat wohnt, wie die Menschen heißen und wie alt sie sind. "Was halten Sie denn von den Wahlen in diesem Jahr?", fragt Thomas zunächst ganz neutral, wenn jemand öffnet. "Ich habe Angst, furchtbare Angst vor Trump, diesem irren Egomanen", antwortet ein älterer Herr, der als möglicher Wechselwähler in der App vermerkt war.

Dieses Haus war kein Erfolg, Thomas tippt das in seine App ein und geht weiter zur nächsten Tür. Eine Frau in einem Football-Trikot öffnet, sie wählt manchmal der App zufolge die Demokraten und manchmal die Republikaner, ihr Mann ist überzeugter Trump-Fan. "Wahrscheinlich wähle ich auch Trump, wir haben nur kein Trump-Schild im Garten, weil wir Angst haben, dass jemand dann nachts das Auto zerkratzt", sagt sie. Thomas tippt in die App: Diese Adresse ist uns sicher.

Wenn er jemanden findet, der unentschlossen ist, gibt er auch das in der App ein - dann kann später jemand aus dem Wahlkampfbüro anrufen und nachhaken. "Es geht uns in erster Linie um Informationen", sagt Thomas. "Ich glaube, wir haben die letzten Wahlen verloren, weil wir nicht genug Informationen hatten."

Obama profitierte schon damals von Daten aus den sozialen Medien

Moderne Technik und soziale Medien waren einer der großen Treiber für den Wahlsieg von Barack Obama. Der jetzige US-Präsident hat Daten über mögliche Wähler gesammelt und sie gezielt angesprochen. Unter anderem dank Facebook hat er die Stimmen junger Amerikaner gewonnen, die sonst vielleicht gar nicht gewählt hätten.

Campaign Signs As Trump's Followers See Wide-Ranging Conspiracy to Steal Election

Die Kampagnen-Schilder sind ein zuverlässiger Hinweis darauf, welchen Kandidaten eine Familie unterstützt. Für die anderen gibt es jetzt spezielle Apps.

(Foto: Bloomberg)

Hillary Clinton kopiert die Ideen ihres Parteifreunds, mit verbesserter Technik. Sie hat Datenexperten und Programmierer aus Obamas Team angeheuert, die seit Monaten alle Wählerdaten analysieren. Diverse Start-ups, die durch Obama groß wurden, arbeiten nun für Clinton, etwa NGP Van, Timshel und Blue State Digital, die Apps und andere digitale Dienstleistungen wie E-Mail-Listen anbieten. An sie fließen Millionen. Für die Republikaner dagegen, tendenziell eher älter und weniger technikbegeistert, sind Apps ein recht neuer Ansatz - auch weil das Silicon Valley überwiegend die Demokraten wählt.

Trumps Fan-App hat bereits 115 000 Downloads

Hinter Trumps Häuserwahlkampf-App Advantage steckt Bridgetree, ein Unternehmen aus South Carolina, das sich seit Jahren auf Datenmanagement für Marketing spezialisiert. Die App verbindet sich mit den Datenbanken der Partei der Republikaner, die Informationen aus öffentlich zugänglicher Wahlhistorie, sozialen Medien, Parteimitgliedschaft, Spendenkatalogen und Konsumentendaten sammelt.

Auch Thomas Peters verdient Geld mit Trump. Der Gründer und Chef der Firma U-Campaign hat die offizielle "America First"-App für Trump-Fans programmiert. Er ist überzeugter Republikaner und war frustriert, als Mitt Romney, der Kandidat der Republikaner im Jahr 2012, so hoch gegen Obama verlor. "Ich wusste, dass Republikaner bei jungen Leuten unbeliebt sind, und lange Zeit setzten sie moderne Technik schlecht ein", sagt er. "Die Millennials nutzen ständig ihre Smartphones: Wenn Regierungen und Parteien relevant bleiben wollen, müssen sie dort zu finden sein." Peters, mit 31 Jahren selbst ein Millennial, hat fünf Mitarbeiter. Seine Firma hat unter anderem Handy-Anwendungen für die Waffenlobby NRA entwickelt. 115 000 Mal wurde seine Trump-App schon heruntergeladen, erzählt er, zieht sein iPhone aus der Tasche und präsentiert sein Produkt: Auf dem Startbildschirm der App reckt Trump den Daumen in die Höhe.

"Hillary 2016" ist "Amerika First" technisch ein paar Schritte voraus

Das Ziel von U-Campaign: Die User sollen möglichst viel Zeit mit der App verbringen. Es gibt bei "America First" allerlei Informationen zu Wahlkampfauftritten und Wahlprogramm, aber vor allem geht es darum, den Wähler bei Laune zu halten. Wer Freunde dazu bringt, "America First" herunterzuladen oder Geld an die Kampagne spendet, erhält Punkte. Je mehr Punkte man hat, desto höher ist der Status in der Gemeinschaft der Trump-Fans - von "Apprentice" bis "Big League". Was wie ein Spiel klingt, ist genau das: Gamification heißt es, wenn sich Wähler angestachelt vom Wettbewerbsgedanken besonders reinhängen, um in den Ranglisten nach oben zu klettern.

Auch Clinton hat eine Fan-App. "Hillary 2016" ist der Trump-App technisch voraus, so wie das für die Demokraten Tradition hat, sie ist bunter und leichter zu bedienen. Auch Clinton setzt auf Gamification - die App-Nutzer können sich zum Beispiel ihr eigenes virtuelles Wahlkampfbüro aufbauen wie in einem Computerspiel. Aus Sicht der Wahlkampfstrategen ist es besonders wertvoll, dass die Apps mit den Facebook-Accounts und dem Adressbuch der Nutzer verknüpft sind. Studien zeigen, dass Menschen politische Werbung sofort als solche erkennen. Eine SMS- oder Facebook-Nachricht eines Bekannten tun sie weniger leicht ab, sagt Peters. "So eine Nachricht schickt niemand an alle Kontakte im Adressbuch, aber unsere App kann genau die zwei oder drei auswählen, die Trump mögen und noch nicht gewählt haben."

Programmierer hat bereits erste Gespräche mit deutschen Parteien geführt

Wenn es nach Peters geht, kann das Ausland vom US-Wahlkampf lernen. Drei Wochen vor dem Brexit-Referendum konnten Briten seine "Vote Leave"-App herunterladen. Der Auftrag sei klar gewesen, sagt Peters: "Die EU-Gegner wollten, dass die Nutzer merken, dass sie nicht als Einzige für den Austritt waren." Die mehr als 30 000 Nutzer der App haben SMS und Facebook-Nachrichten verschickt, in denen sie erklärten, warum sie für "Leave" stimmen würden. Wer ganz oben in der Rangliste der aktiven Nutzer war, bekam ein unterschriebenes Poster des Londoner Ex-Bürgermeisters und Austritts-Lobbyisten Boris Johnson. "Das kostet nur ein paar Euro, aber so etwas motiviert ungemein", sagt Peters.

Dass 2017 in Deutschland gewählt wird, weiß der Programmierer natürlich - und auch die AfD kennt er. Es habe erste Gespräche gegeben, sagt Peters, verrät aber nicht, mit welchen Parteien er spricht. Vorbehalte wegen des rechtspopulistischen Programms der deutschen Neu-Partei hätte er jedoch nicht, sagt er. Wie viele konservative Amerikaner ist er überzeugt, dass Parteien mit Außenseiterpositionen wichtig sind, um kontroverse Themen zu debattieren - und sie seien oft aufgeschlossener, neue Dinge auszuprobieren. Vielleicht wird so auch der Bundestagswahlkampf zum Smartphone-Spiel - und Leute ziehen per App gelenkt durch München und Bottrop so wie Thomas in Boardman.

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