Volkswagen Piëchs Aussage belastet Winterkorn schwer

Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn (rechts) im Jahr 2014

(Foto: imago/Zentrixx)
  • Der ehemalige VW-Patriarch Ferdinand Piëch belastet mit einer Aussage bei der Staatsanwaltschaft den Ex-Chef Martin Winterkorn schwer.
  • Sollte Winterkorn früher über die Diesel-Affäre Bescheid gewusst haben, als er behauptet, könnte das Aktionären helfen - und für VW teuer werden. Anleger verklagen den Konzern auf Schadenersatz in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro.
  • Piëch bekam offenbar von Avi Primor, dem früheren israelischen Botschaft in Deutschland, Hinweise auf Manipulationen in den USA.
Von Thomas Fromm, Max Hägler, Georg Mascolo und Klaus Ott

Anfang März 2015 blickte Martin Winterkorn weit in die Zukunft. Es war der Auftakt des Genfer Autosalons, einer der weltweit bedeutendsten Automessen. Der damalige VW-Chef sprach von der "Innovationsschmiede VW" und von der neuen digitalen Autowelt, und er sagte: "Technik ist bei Volkswagen niemals Selbstzweck." Ein Satz, der heute, nach allem, was man über Dieselgate weiß, eher ziemlich skurril klingt. Etwas, das damals beim Autosalon heimlich besprochen worden sein soll, könnte Winterkorn jetzt zum Verhängnis werden. Und auch Volkswagen. Es könnte den Ex-Chef Millionen- und den Konzern Milliardenbeträge kosten.

Ausgerechnet der frühere VW-Patriarch Ferdinand Piëch, jahrzehntelang Förderer, väterlicher Freund und Bruder im Geiste des Ingenieurs Winterkorn, belastet seinen einstigen Schützling schwer. Piëch sagte vor wenigen Wochen als Zeuge bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig aus, worüber er im März 2015 als damaliger Aufsichtsratschef von VW beim Genfer Autosalon mit Winterkorn geredet habe. Ganz vertraulich, abseits des Publikums. Er, Piëch, habe Winterkorn mit Hinweisen auf Manipulationen bei Abgastests in den USA konfrontiert. Das passt überhaupt nicht zur offiziellen Version und Verteidigungslinie von Volkswagen, der Konzernvorstand habe nichts gewusst von den Diesel-Betrügereien in Übersee, bevor diese im September 2015 aufgeflogen seien. So stellt das auch Winterkorn bislang dar.

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Aber ist das noch zu halten? Vor allem, da es offenbar noch einen weiteren wichtigen Zeugen gibt. Der Patriarch Piëch soll seine Hinweise auf die Ermittlungen in den USA nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR von einem alten Bekannten bekommen haben. Von Avi Primor, dem früheren israelischen Botschafter in Deutschland.

Primor war dem Vernehmen nach im Februar 2015, kurz vor dem Genfer Autosalon, in der VW-Zentrale in Wolfsburg zu Besuch gewesen. Ex-Botschafter trifft Patriarch. Eigentlich sollte es um Sicherheitsfragen gehen, Primor, heißt es, habe zwei Experten mitgebracht, die VW in Fragen der Computersicherheit beraten sollten. Später hätten sich Piëch und Primor noch zu einem Vier-Augen-Gespräch zurückgezogen. Primor soll gesagt haben, in Amerika gebe es Probleme mit den Abgasen, VW habe geschummelt. Er zitierte aus einem Papier. Piëch soll allerdings keine Kopie davon bekommen haben.

Von SZ, NDR und WDR mit diesem Vorgang und seiner Rolle konfrontiert, erklärte Primor am Freitagnachmittag in einem Telefonat, ganz der freundliche und höfliche Diplomat: "Ich will gar nichts sagen. Danke für Ihr Verständnis."

Piëch, Primor, Winterkorn - die ohnehin schon reichlich spannende und wilde Konzerngeschichte der vergangenen Jahre mit Abgas-Affäre, gekauften Betriebsräten und Rotlichtmilieu bedarf offenbar der Ergänzung. Vor allem erscheint nun Piëchs überraschende Attacke auf Winterkorn im April 2015, einen Monat nach dem Genfer Autosalon, in einem neuen Licht. Der Patriarch hatte damals über seinen Schützling dem Spiegel gesagt: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn." Autobranche, Industrie und Politik waren völlig überrascht und rätselten, was der Grund für die plötzliche Entfremdung gewesen sei, aber eine Erklärung gab es damals nicht. Gibt es jetzt die Antwort?