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Einzelhandel:Von wegen Helden

Coronavirus - Schutzmaßnahmen im Einzelhandel

Eine Plastikscheibe schützt Kassierer und Kassiererinnen im Supermarkt vor Ansteckung. Der Einsatz der Beschäftigten soll sich nun auch in höheren Löhnen niederschlagen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Neue Zahlen zeigen, wie wenig die Angestellten im Supermarkt verdienen. In den Tarifrunden will die Gewerkschaft Verdi nun einen deutlichen Zuschlag durchsetzen.

Von Benedikt Peters

Im Vergleich zu Angestellten in anderen Branchen verdienen Verkäuferinnen und Verkäufer in Supermärkten schlechter. Das ergibt sich aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage eines Abgeordneten der Linken-Bundestagsfraktion, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Bundesregierung stützt sich darin auf bisher zum Teil unveröffentlichte Zahlen aus der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Daraus geht hervor, dass die Löhne der Verkäuferinnen und Verkäufer deutlich langsamer steigen als in der Gesamtwirtschaft.

Im Jahr 2010 lag das mittlere Brutto-Einkommen eines Supermarkt-Verkäufers bei 2320 Euro und damit 384 Euro unter dem mittleren Einkommen über die Branchen hinweg (2704 Euro). Bis 2019 wuchs die Lohnlücke auf 663 Euro und damit um 73 Prozent. Noch schärfer ist die Entwicklung im Versand- und Internet-Einzelhandel: Dort hat sich die Lohnlücke der Statistik zufolge von 333 Euro auf 738 Euro mehr als verdoppelt. Im gesamten Einzelhandel, der neben Supermärkten und Onlinehandel noch weitere Sparten wie etwa Modegeschäfte umfasst, lag die Lohnlücke zur Gesamtwirtschaft 2019 bei 805 Euro. Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor, sie sollen im Juli dieses Jahres bereitgestellt werden.

Der Linken-Abgeordnete Pascal Meiser, der die Anfrage gestellt hatte, kritisiert die Entwicklung insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, während derer die Verkäufer und Paketbotinnen zu "Helden" erklärt wurden, da sie, anders als die Beschäftigten in vielen Branchen, durcharbeiteten und viel Kundenkontakt hatten. "Wer es mit dem in der Corona-Krise viel bekundeten Respekt für Verkäuferinnen und Verkäufer ernst meint, der muss auch für höhere Löhne im Einzelhandel sorgen", sagt Meiser. Die Beschäftigten hätten "völlig recht, wenn sie in der laufenden Tarifrunde jetzt Druck für eine kräftige Lohnerhöhung machten".

Verdi fordert einen Mindestlohn von 12,50 Euro

In zahlreichen Bundesländern laufen derzeit Tarifrunden für die gut fünf Millionen Beschäftigten im Einzel- und Außenhandel, etwa in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Niedersachsen. Die Gewerkschaft Verdi fordert deutlich mehr Geld für die Beschäftigten, in Nordrhein-Westfalen etwa eine Erhöhung um 4,8 Prozent bei einer Laufzeit von einem Jahr. Zudem soll es einen Mindestlohn von 12,50 Euro geben, um Altersarmut vorzubeugen. Drittens soll der Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt werden, dann müssten alle Firmen ihn anwenden. In NRW pochen die Arbeitgeber auf niedrigere Erhöhungen und eine deutlich längere Laufzeit der Tarifverträge, in vielen anderen Bundesländern haben sie noch gar kein Angebot unterbreitet. Um den Druck zu erhöhen, ruft Verdi nun zu Warnstreiks auf.

Den Firmen im Einzelhandel erging es in der Corona-Pandemie bisher höchst unterschiedlich. Warenhäuser und Bekleidungsgeschäfte mussten wegen der Ladenschließungen enorme Verluste einstecken, 50 000 Geschäfte sollen im Einzelhandel vor dem Aus stehen. Online-Versandhändler und Supermarktketten machten jedoch sehr starke Umsätze, zum Teil strichen sie sogar Rekordergebnisse ein.

© SZ
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