Wikipedia:Das böse R-Wort

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Wikipedia: Jeder darf mitarbeiten: die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Jeder darf mitarbeiten: die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Herrscht in den USA eine Rezession oder nicht? Wie der Parteienstreit um die Wirtschaft in das Online-Lexikon Wikipedia hineingetragen wird.

Von Helmut Martin-Jung

Gewiefte Politiker wissen: Wiederholt man eine Aussage nur oft genug, kann sie noch so unsinnig sein, sie wird sich einprägen und irgendetwas von ihr wird bleiben. Meister dieser Taktik ist der ehemalige US-Präsident Donald Trump, der zum Beispiel von seiner Gegnerin im Wahlkampf meist als "crooked Hillary" sprach, als einer Frau also, der man nicht trauen könne. Oder von Joe Biden als "sleepy Joe".

Geht es um ökonomische Fragen, kommt eines noch hinzu. Entwicklungen, erwünschte, vor allem aber unerwünschte, lassen sich auch herbeireden. Dass sich etwas durch Mantra-artige Beschwörung festsetzt im Unterbewusstsein, kann also handfeste wirtschaftliche Auswirkungen haben. Vor diesem Hintergrund ist der bizarre Meinungsstreit um den Begriff "Recession" zu sehen, der sich aktuell bei der englischsprachigen Ausgabe der Online-Lexikon Wikipedia abspielt.

Der Artikel dazu wurde in den vergangenen Tagen gleich mehrmals von unangemeldeten Nutzern editiert. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches. Schließlich ist es ja das Ziel von Wikipedia, das Wissen vieler, die sogenannte Schwarmintelligenz, zu nutzen. Doch nun haben angemeldete und erfahrene Wikipedianer den Artikel erst einmal bis 4. August für die Bearbeitung durch unangemeldete Nutzer gesperrt. Denn üblicherweise ändern Nutzer nicht einfach kommentarlos herum, sondern diskutieren die möglichen Änderungen auf der dafür vorgesehenen Diskussionsseite. Das aber wurde hier sträflich missachtet und zwar, wie zu vermuten ist, aus politischen Gründen.

Der Hintergrund: In den USA tobt ein Streit darüber, ob sich das Land in einer Rezession befindet oder nicht. Das demokratisch geführte Weiße Haus möchte das böse R-Wort gerne vermeiden. Auch US-Finanzministerin Janet Yellen geht damit sehr sparsam um - wohl wissend, dass jedes ihrer Worte, gesagt oder manchmal auch ungesagt, genauestens analysiert und bewertet wird. Der politische Gegner freilich, die Republikaner, will die Regierung des Demokraten Biden in möglichst schlechtem Licht erscheinen lassen. Dieser politische Streit ist nun auch auf die Bühne der Online-Enzyklopädie Wikipedia getragen worden. Während die Biden-Seite von Rezession nichts wissen will, argumentieren seine Gegner genau andersherum. Aber wer hat nun recht?

Kurz vor Bekanntgabe neuer Zahlen zum BIP der USA wurde "Recession" arg verkürzt definiert

Der Begriff Rezession selbst kommt aus dem Lateinischen. Das Verbum recedere bedeutet zurückweichen, sich zurückziehen. Auf die Wirtschaft angewendet scheint zunächst klar zu sein, was das bedeutet: Wenn die Wirtschaftsleistung zurückgeht, befindet sich eine Volkswirtschaft im Rückwärtsgang, also in einer Rezession. Demnach hätten die Biden-Gegner also recht. Eine oft zu hörende Definition besagt, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt, herrscht eine Rezession.

Ganz so einig sind sich Experten dabei aber nicht. Die führenden Wirtschaftsforscher in Deutschland kalkulieren etwas anders. Sie berechnen zunächst, was eine Volkswirtschaft eigentlich leisten könnte und stellen dem gegenüber, was tatsächlich - wie Helmut Kohl sagte - hinten rauskommt. Im Wissenschaftsdeutsch heißt das, was möglich wäre, Produktionspotenzial. Bleibt eine Volkswirtschaft zwei Quartale in Folge unter ihren Möglichkeiten, sprechen die Forscher der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Institute von einer Rezession.

In der Wikipedia waren auch immer schon verschiedene Definitionen angeboten worden, doch kurz vor der erwarteten Bekanntgabe neuer Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt(BIP) der USA hieß es in der Einleitung des Lexikon-Artikels plötzlich arg verkürzend: "Wirtschaftswissenschaftler betrachten zwei aufeinander folgende Rückgänge des BIP gewöhnlich als Rezession." Allerdings fanden weder im Haupttext eine dazu passende Stelle, noch wurde die Behauptung mit einer Quelle belegt. Als Wikipedia-Editoren die Passage löschten, tauchte sie kurz darauf erneut auf, und das mehrmals hintereinander. Weshalb die Editoren dem Spuk nun erst mal ein Ende setzten und Änderungen nur noch für angemeldete Benutzer erlaubten.

Meinungskriege sind in der Wikipedia keine Seltenheit. Nur werden sie meist nicht durch eigenmächtige Änderungen ohne vorherige Absprache oder Diskussion ausgetragen, sondern eher auf den Diskussionsseiten. Daher liegt der Verdacht nahe, dass die politischen Gegner der Regierung Biden versuchen, diesem zu schaden. Wer das Wort "Recession" in den Nachrichten hört und kurz auf Wikipedia nachschlägt, soll glauben, die Sache sei klar. Das lässt sich aber auch werten als Wählerbeeinflussung via Lexikon.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes wurde Janet Yellen irrtümlich als Chefin der US-Notenbank Fed bezeichnet. Sie ist inzwischen aber Finanzministerin im Kabinett Biden.

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