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Kolonialzeit:Als die USA den Dänen 50 Karibik-Inseln abkauften

A general view of Charlotte Amalie

Die Amerikanischen Jungferninseln gehörten einst zu Dänemark.

(Foto: REUTERS)

Trumps Posse um Grönland erinnert an das Zeitalter des Kolonialismus. Da wurde nämlich fleißig mit Territorien gehandelt.

Wahrscheinlich wird die Welt noch lange rätseln, was wohl Donald Trump in Sachen Grönland geritten haben mag. Vielleicht war es ja tatsächlich nur der Instinkt des New Yorker Immobilienmoguls, der ein unterbewertetes Grundstück im Eismeer sah und von einem Deal träumte. Aber deshalb die Beziehungen zu Dänemark, einem loyalen Verbündeten, nachhaltig zu beschädigen und Zweifel an der Führungsfähigkeit der Vereinigten Staaten nähren?

Es ist daher an der Zeit, sich ein wenig mit der politischen Ökonomie des Handels mit Land zwischen souveränen Staaten zu befassen. Sicher ist, dass Trump mit seinem Wunsch, das selbstverwaltete dänische Territorium Grönland zu kaufen, ein Tabu gebrochen hat. Bis zum vorigen Wochenende, als klar wurde, dass das Ganze kein Witz war, galt es als undenkbar, dass heute noch Territorien samt den Menschen, die dort leben, ge- und verkauft werden. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, so dachte man. Konkret: "Grönland gehört den Grönländern", wie Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Fredriksen sagt.

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Und jetzt? Der Handel mit Territorien ist ein Erbe von Kolonialismus und Imperialismus. Das zeigt besonders schön der erste und bisher einzige derartige Deal zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten, dem Kauf jener 50 Inseln in der Karibik, die man heute die Amerikanischen Jungferninseln nennt. Seit dem 17. Jahrhundert waren diese Inseln eine dänische Kolonie unter dem Namen "Dänisch Westindien". Sie war hochprofitabel: Sklaven, die man aus Westafrika in die Karibik verschleppt hatte, schufteten auf riesigen Zuckerplantagen. Die Kolonialherren verdienten sowohl am Sklavenhandel, als auch am Verkauf des Zuckers. In Flensburg, damals zu Dänemark gehörend, entstand dank des karibischen Zuckers eine florierende Rumindustrie, die die Stadt reich machte. Dänisch Westindien erlebte aber auch einen der wenigen erfolgreichen Sklavenaufstände der Geschichte. Nachdem sich die Sklaven auf der Insel St. Croix erhoben hatten, gab der dänische Gouverneur am 3. Juli 1848 allen die Freiheit, ein Ereignis, das heute auf den Jungferninseln als "Emancipation Day" zelebriert wird. Ohne Sklavenarbeit aber waren die Zuckerplantagen nicht mehr profitabel, weshalb Kopenhagen das Interesse an Westindien verlor.

Schließlich erwarben die Vereinigten Staaten die Inselgruppe am 31. März 1917 für 25 Millionen Dollar in Goldmünzen. Die Motive für den Kauf waren überwiegend militärischer Natur. Damals tobte in Europa der Erste Weltkrieg, und Präsident Woodrow Wilson hatte Angst, dass die Deutschen Dänemark besetzen und dessen Kolonien als Basis für Angriffe auf den Panamakanal nutzen würden. Bemerkenswert ist, dass es über den Verkauf zwar in Dänemark ein Referendum gab, nicht jedoch auf den Inseln selbst. Entsprechende Forderungen der Dänen lehnten die amerikanischen Unterhändler strikt ab. Präsident Wilson war ein ausgewiesener Rassist und die meisten Einwohner von Dänisch Westindien hatten afrikanische Wurzeln. Das ganze Geschäft blieb eben doch ein kolonialistisches.

Andererseits, legt man die Maßstäbe der Zeit an, war der Kauf eines Territoriums für alle Beteiligten immer noch besser, als die sonst übliche Eroberung mit Gewalt. Das zeigt das wahrscheinlich erfolgreichste Landgeschäft der Geschichte, der Erwerb des zuvor russischen Alaska durch die USA am 30. März 1867 für 7,2 Millionen Dollar, was heute lächerlichen 125 Millionen entsprechen würde. Der Deal nutzte allen, den Amerikanern sowieso, aber auch dem russischen Zaren Alexander II, der seine im Krimkrieg ruinierte Staatskasse sanieren konnte. Und bis heute ist noch kein Einwohner Alaskas aufgetaucht, der seinen amerikanischen Pass gerne in einen russischen getauscht hätte.

Eines Tages soll es heißen: "Make Greenland Great Again"

Es gibt sogar moderne Ökonomen, die glauben, man könne dem Handel mit Territorien eine demokratische Form geben, und damit internationale Konflikte zu entschärfen. Die Professoren Mitu Gulati und Joseph Blocher von der Duke Universität in North Carolina veröffentlichten 2017 ein Papier, im dem sie einen institutionalisierten Markt für Hoheitsrechte über Territorien vorschlagen. Danach dürfte mit Ländern und Territorien wieder gehandelt werden, der Kaufpreis jedoch - und das ist der Clou - würde nicht an die Regierung des verkaufenden Landes, sondern an die Bürger des zu verkaufenden Territoriums fließen. Trump müsste den Kaufpreis danach mit den 56 000 Einwohnern Grönlands direkt aushandeln. Denkt man das Modell zu Ende, dann liegen Hoheitsrechte ausschließlich bei den Menschen. Sie können sie einem Staat geben und auch wieder entziehen. So könnte man Konflikte um Sezessionsbegehren lösen, etwa in Katalonien.

Das Papier ist eine hochinteressante intellektuelle Übung, aber sie wird Leute wie Trump nicht beeindrucken. Der Präsident denkt über Territorien wie in Zeiten des Kolonialismus. Das ist durchaus beängstigend angesichts der unerschlossenen Bodenschätze Grönlands und dem aggressiven Auftreten Chinas in der Arktis. Schon jetzt weckt Trumps Tabubruch wilde Fantasien. Der republikanische Abgeordnete Mike Gallagher twitterte, Trumps Vorstoß sei ein "kluger geopolitischer Zug". Und in dem rechtsextremen Nachrichtenportal Breitbart News (dessen früherer Chefredakteur Steve Bannon war einmal Berater Trumps) heißt es, der Vorstoß sei "eine der besten Ideen Trumps". Die Dänen hätten das Land jahrhundertelang kontrolliert, "aber nicht viel daraus gemacht", anders als die Amerikaner mit Alaska. Eines Tages werde die Entwicklung auch auf die Insel kommen und dann heiße es: "Make Greenland Great Again".

Die Grönländer werden sich bedanken.

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