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Arbeitsmarkt in den USA:Frauen sind die Pandemie-Verlierer

May 19, 2020, Orange, California, USA: Monique Mungia, right hands a customer his order in the 24 hours drive-thru at Vi

Frauen sind öfter in Branchen tätig, die von Beschränkungen während der Pandemie betroffen sind. Hier eine Verkäuferin an einem Drive-Thru in Kalifornien.

(Foto: Leonard Ortiz/imago images)

US-Arbeitnehmerinnen müssen im Job mit vielen Nachteilen klarkommen. Jetzt droht die Krise auch jene Fortschritte zunichtezumachen, die sie sich mühsam erkämpft haben.

Von Claus Hulverscheidt

Es war kurz nach Weihnachten des vergangenen Jahres, als Amerikas Frauen einen kleinen, aber feinen Erfolg für sich verbuchen konnten. Erst zum zweiten Mal überhaupt meldete die Regierung in Washington, dass auf dem US-Arbeitsmarkt momentan mehr Frauen als Männer tätig sind. Nun kann sich die einzelne Arbeitnehmerin für einen solch statistischen Durchbruch naturgemäß nichts kaufen. Und doch werteten Frauenrechtlerinnen das Ereignis als willkommene Erinnerung an die Politik, dass es hier eine große und wichtige Bevölkerungsgruppe gibt, deren berufliche Forderungen und Nöte in Zukunft sehr viel ernster genommen werden müssten, als das bisher der Fall war.

Ein paar Monate und eine Virus-Epidemie später ist von der Herrlichkeit nichts geblieben. Im Gegenteil: Wenn es einen großen Verlierer der Corona-Krise auf dem US-Arbeitsmarkt gibt, dann sind es die Frauen. Von den 20,5 Millionen Menschen, die in den Vereinigten Staaten allein im April ihren Job verloren, waren 55 Prozent weiblich. Die Erwerbslosenquote von Frauen stieg im Vergleich zu Februar, dem letzten Vor-Corona-Monat, auf das Fünffache und erreichte mit 15,5 Prozent erstmals überhaupt einen zweistelligen Wert. Damit wurden binnen vier Wochen sämtliche Beschäftigungszuwächse für Frauen ausradiert, die es in den zehn Jahren seit Überwindung der Finanzkrise von 2008 und 2009 insgesamt gegeben hatte. Männer hingegen kamen mit einer Vervierfachung der Arbeitslosenrate auf 13 Prozent davon.

Die wirtschaftlichen Lasten der Corona-Misere sind so ungleich verteilt, dass Ökonominnen und Aktivistinnen bereits von einer "Shecession" sprechen, zu Deutsch: "Siezession" - eine Wortschöpfung aus dem Personalpronomen "sie" für Frauen und dem Begriff Rezession. "Das ist tatsächlich noch nie da gewesen, wir betreten hier Neuland", sagt C. Nicole Mason, Präsidentin des Instituts für frauenpolitische Forschung (IWPR) in Washington. Zwar hat die Regierung Trump Unternehmen, Beschäftigte und deren Familien in der Krise in nie da gewesener Höhe finanziell unterstützt, wie Betsey Stevenson, Professorin für Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Michigan, zugesteht. Es sei jedoch nicht genug getan worden, um das Virus selbst einzudämmen. Weil viele Kunden aus Angst, sich anzustecken, zu Hause blieben, so Stevenson, bestehe für "Arbeitnehmer somit nach wie vor die Gefahr, ihren Job zu verlieren".

Dass die Krise gerade Frauen so hart trifft, liegt vor allem daran, dass sie oft in solchen Branchen tätig sind, deren Produkte und Dienstleistungen aufgrund von Kontakt- und Geschäftsbeschränkungen während der Pandemie plötzlich nicht mehr angeboten werden konnten oder durften. Viele Betroffene arbeiten etwa als Kellnerinnen, Pflegerinnen oder Friseurinnen, andere erwirtschaften ihren Lebensunterhalt als Zahnarzthelferinnen, Lehrerinnen oder Kindergärtnerinnen.

Gerade Bereiche wie das Freizeit- und Beherbergungsgewerbe, der Erziehungssektor oder die Gesundheitswirtschaft waren in den vergangenen Jahren die, die besonders stark wuchsen. Das trug - zusammen mit dem Rückgang klassisch männerdominierter Industriejobs - dazu bei, dass die Arbeitnehmerinnen die Arbeitnehmer im Dezember zahlenmäßig hinter sich ließen: 76,25 zu 76,14 Millionen hieß es in der Endabrechnung. Umgekehrt trägt der Trend aber nun dazu bei, dass die Rezession Frauen besonders stark beutelt. Dabei sind die Lasten auch unter den weiblichen Erwerbstätigen selbst keineswegs gleichmäßig verteilt: Die Arbeitslosenquote für Afroamerikanerinnen etwa erreichte im April 16,4 Prozent, die für Latinas gar 20,2 Prozent. Zwar haben sich die Zahlen seither wieder ein wenig verbessert, mit einer Arbeitslosenquote von offiziell 11,2 Prozent im Juni sind Frauen aber nach wie vor weit entfernt von jenen 3,1 Prozent, die sie noch im Februar verbucht hatten.

Mehr als eine Million alleinerziehende Mütter haben seit April ihre Arbeit verloren

Arbeitnehmerinnen sind im Vergleich zu den männlichen Kollegen sogar oft doppelt gestraft, weil sie vor der Krise weniger verdienten und deshalb nun mit weniger Rücklagen auskommen müssen. Noch härter trifft es alleinerziehende Mütter, von denen schon vor Corona ein Drittel unter der offiziellen Armutsgrenze lebte. Mehr als eine Million dieser Mütter haben seit April ihre Arbeit verloren und wissen jetzt nicht mehr, wie sie die Miete und die Raten fürs Auto bezahlen sollen. Nicht einmal einen - meist noch schlechter bezahlten - Aushilfsjob können sie annehmen, weil es für ihre Kinder oder Eltern seit Ausbruch der Pandemie keinerlei Betreuung mehr gibt. Ein Problem, das auch klassischen Familien mit zwei Erziehern zu schaffen macht, denn auch hier ist es meist die Frau, die für die Fürsorge zuständig ist. Es bestehe deshalb die Gefahr, so Stevenson, dass die Krise "langwierige Nachwirkungen für den beruflichen Erfolg von Frauen haben wird".

Mit einer raschen Erholung des Arbeitsmarkts für Frauen rechnen Experten nicht einmal für den - aus heutiger Sicht höchst unwahrscheinlichen - Fall, dass die Pandemie in den USA bald abflaut. "Der Aufschwung wird nur langsam vonstattengehen, und es werden nicht alle Jobs, die auf dem Höhepunkt der Pandemie verloren gegangen sind, eins zu eins ersetzt werden", sagt IWPR-Präsidentin Mason. "Manche Jobs werden sogar dauerhaft nicht zurückkommen", der Konkurrenzkampf um die verbleibenden Arbeitsplätze werde damit angeheizt. Stevenson befürchtet zudem, dass vor allem Frauen noch von einer zweiten Schockwelle getroffen werden könnten: dann nämlich, wenn viele Städte und Bundesstaaten nach der Überwindung von Corona feststellen, dass ihre Kassen leer sind und sie Mitarbeiter einsparen müssen. Frauen stellen 58 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst.

Immerhin: Eine positive Seite können beide Expertinnen Corona abgewinnen. Noch vor Monaten, so Mason, sei es fast undenkbar gewesen, dass über Themen wie ein Grundeinkommen oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch nur ernsthaft diskutiert werde. "Heute tun wir es."

© SZ vom 06.07.2020/fie
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