bedeckt München 24°
vgwortpixel

Coronavirus:So hart trifft das US-Einreiseverbot die Airlines

Coronavirus am Flughafen von Oakland: Die Passagiere werden von medizinischen Helfern im Schutzanzug aus der Maschine begleitet.

(Foto: Josh Edelson/AFP)

Das US-Einreiseverbot für Europäer wird Flüge zwischen den USA und der EU so gut wie zum Erliegen bringen. Lufthansa fliegt aber vorerst weiter.

Der Luftverkehr zwischen den USA und Europa wird nach Einschätzung von Analysten in den nächsten Tagen in weiten Teilen zum Erliegen kommen. Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die Einreise für Passagiere aus dem Schengen-Raum wesentlich zu erschweren, "wird praktisch den Luftverkehr zwischen Schengen und den USA stoppen", schreibt Bernstein-Research-Analyst Daniel Röska. Die wirtschaftlichen Folgen für die Fluggesellschaften sind immens, denn auf den Nordatlantik-Routen verdienen viele Anbieter am meisten Geld.

Trump hatte angekündigt, dass von Freitagnacht an keine Ausländer mehr in die USA einreisen dürfen, die sich in den vorigen zwei Wochen in einem der Schengen-Länder aufgehalten haben. Amerikaner sowie ihre Angehörige sollen zurückkehren dürfen, auch der Frachtverkehr soll fortgesetzt werden. Das eine ist, was die Politik noch erlaubt, das andere aber sind die Konsequenzen, die Unternehmen daraus ziehen. Die Airlines werden es sich nicht leisten können, praktisch leere Flugzeuge über den Nordatlantik zu schicken, zumal es unklar ist, ob es Ausnahmeregeln für die Besatzungen geben würde. Ähnliche Restriktionen gelten bereits zwischen den USA und China - derzeit finden nur noch rund 20 Flüge pro Tag statt.

Lufthansa teilte am Donnerstag Abend mit, dass trotz des Einreisestopps zunächst weiterhin Ziele in den USA angeflogen werden. Chicago, Newark bei New York und Washington würden von den Abflugorten Frankfurt, Zürich, Wien und Brüssel bedient. Von dort könnten Fluggäste über den Partner United Airlines weiterhin Ziele innerhalb der USA erreichen. Alle anderen US-Flüge von Lufthansa werden dagegen eingestellt, insbesondere auch alle von München.

Ein Sonderflugplan für die USA werde zeitnah erstellt. Betroffene Passagiere können derzeit auch versuchen, Umsteigeflüge über Kanada, Mexiko, Irland, Großbritannien oder andere Staaten zu buchen. Allerdings ist unklar, ob das US-Einreiseverbot auf weitere Länder ausgeweitet wird, wenn sich dort Coronavirus-Fälle häufen. Aktien europäischer Fluggesellschaften verloren am Donnerstag noch einmal drastisch an Wert, die Lufthansa-Aktie gab 14 Prozent nach. Die Entscheidung betrifft insgesamt 3500 Flüge pro Woche, die normalerweise im März wöchentlich zwischen den USA und Europa geplant sind.

Bleibt es bei der Begrenzung des Einreiseverbotes auf 30 Tage, geht es also um mehr als drei Millionen Passagiere, die entweder nicht fliegen dürfen oder deren Flug womöglich abgesagt wird. Da zunächst keine Details der Trump-Verordnung bekannt waren, waren die Fluggesellschaften über Nacht damit beschäftigt, sich ein Bild der Lage zu machen. In den nächsten Schritten prüfen die Airlines, welche Flüge noch stattfinden und welche abgesagt werden. Dazu wollte sich zunächst niemand äußern. "Wir arbeiten in vollem Notfall-Modus", hieß es bei einem betroffenen Unternehmen.

Die am meisten betroffene Fluggesellschaft ist die Lufthansa. Die Gruppe, zu der auch Swiss, Brussels Airlines, Austrian und Eurowings gehören, kommt den Zahlen von Bernstein Research zufolge auf einen Marktanteil von 21 Prozent bei Verbindungen zwischen dem Schengen-Raum und den USA. Hinzu kommen rund 15 Prozent über ein Joint Venture mit United Airlines. Delta Air Lines hat einen Anteil von 17 Prozent, die mit ihr in einer Allianz verbundene Air-France-KLM-Gruppe kommt auf zwölf Prozent. American folgt mit sieben Prozent Marktanteil.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail

Alle Meldungen zur aktuellen Coronavirus-Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso

Für Ferienfluggesellschaften wie Condor hat das Trump'sche Einreiseverbot überschaubare Konsequenzen. Condor fliegt etwas mehr als zehn Flüge je Woche in die USA. Die deutsche Fluggesellschaft Tuifly führt derzeit sogar keine Flüge in die USA durch. Erst von November an sollen Flüge nach Mexiko und in die Karibik aufgenommen werden. Dramatisch ist die Lage bei der Billigfluggesellschaft Norwegian. Sie hat in den vergangenen Jahren stark auf dem Nordatlantik expandiert und wollte das Billigmodell so auch auf der Langstrecke etablieren. Mit fast 20 Prozent Umsatzanteil waren bislang die USA der wichtigste Markt für die finanziell angeschlagene Airline. Für mehr Asienverkehr fehlen ihr die Überflugrechte über Russland. Norwegian ist einer der größten ausländischen Anbieter in New York und fliegt US-Ziele von mehreren europäischen Flughäfen aus an.

Schon in den vergangenen Wochen hatten die Airlines auf den Nordatlantik-Routen massive Buchungseinbrüche festgestellt und die Zahl der Flüge reduziert. Die International Air Transport Association (IATA) ging vor gut einer Woche davon aus, dass in den größten Ländern Europas der Luftverkehr im Jahr 2020 um 24 Prozent einbrechen könnte und den europäischen Airlines dadurch 44 Milliarden Dollar an Umsätzen fehlen. Diese Prognose dürfte nach den neuesten Entwicklungen nicht mehr ausreichen.

© SZ vom 13.03.2020/mxh

SZ Plus
Bahn
:Mit dem Nachtzug durch Europa

Unbequem, langsam, teuer: Nachtzüge waren lange letzte Wahl. Mit der Klimadebatte hat sich das geändert, plötzlich wollen alle im Zug schlafend ans Ziel kommen. Doch so einfach ist das nicht.

Von Leila Al-Serori, Wien

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite