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Unfall des Qantas-Airbus:Das rettende Quintett

Details aus dem Untersuchungsbericht zeigen: Es ist auch einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass der technische Defekt des Qantas-Airbus so glimpflich endete. Denn es waren gleich fünf erfahrene Piloten an Bord.

Jens Flottau

An jenem 4. November waren fünf Piloten an Bord des Qantas-Airbus A380. Der Kapitän, der Kopilot und ein Zweiter Offizier, der die beiden während des Fluges entlasten sollte. Auf den Hilfssitzen im Cockpit saßen zwei weitere erfahrene Kapitäne, der eine sollte den anderen als Trainingspiloten ausbilden. Einer von vielen Glücksfällen, wie sich kurz nach dem Start des Qantas-Fluges 32 herausstellen sollte. Denn es war wohl unter anderem die geballte Fachkompetenz von drei der erfahrensten Piloten der Fluggesellschaft, die das Leben der 469 Menschen an Bord gerettet hat. Das geht aus dem vorläufigen Untersuchungsbericht hervor, den das Australian Transport Safety Bureau (ATSB) vorgelegt hat. Und: Das Flugzeug ist trotz großer Schäden noch kontrollierbar gewesen.

Die Besatzung des Qantas-Airbusses A380 verlässt den Flughafen Singapur nach der geglückten Notlandung.

Die Besatzung des Qantas-Airbus A380 verlässt den Flughafen Singapur nach der geglückten Notlandung.

(Foto: REUTERS)

Eines der vier Triebwerke war kurz nach dem Start in Singapur in Brand geraten. Nach einem Ölbrand waren Trümmer vor allem einer Turbinenscheibe nach außen geschossen und hatten die Tragfläche durchdrungen sowie auch den Rumpf beschädigt. Nach knapp zwei Stunden gelang es der Crew mit Mühe, den Jet wieder in Singapur zu landen.

Unter anderem waren elektrische Kabel durchtrennt worden, wodurch eines der beiden Hydrauliksysteme außer Gefecht gesetzt worden ist. Die A380 verfügt allerdings neben den beiden Hydraulikkreisläufen noch über zwei elektrische Systeme, über die das Flugzeug im Notfall auch dann noch gesteuert werden kann, wenn die Hydraulik nicht mehr zur Verfügung steht.

Im Untersuchungsbericht wird erstmals detailliert beschrieben, mit welchem Szenario die fünf Piloten konfrontiert waren. Kurz nachdem sich das Triebwerk zerlegt hatte, tauchten zahlreiche Fehlermeldungen auf den Bildschirmen im Cockpit auf. Unter anderem funktionierte der automatische Schub nicht mehr. Einige der Kontrollflächen, mit denen die Flugrichtung kontrolliert wird, sprachen auf Befehle nicht mehr an. In einem Hydraulikkreislauf war der Druck zu gering, im anderen funktionierte eine Pumpe nicht. Zwei noch funktionierende Triebwerke schalteten sich in einen Notmodus um, in dem einige automatische Funktionen nicht mehr zur Verfügung stehen, Weitere Warnmeldungen betrafen unter anderem das Fahrwerk, die Bremsen und die richtige Gewichtsverteilung.

Am Ende brauchten die Piloten dem ATSB-Bericht zufolge allein 50 Minuten, um die Fehlermeldungen gemäß Vorschrift abzuarbeiten - und alle fünf halfen im Cockpit mit. Sie erwogen kurzfristig, sofort nach dem Start nach Singapur zurückzukehren, obwohl das Flugzeug dafür eigentlich noch viel zu schwer gewesen wäre, weil noch nicht genügend Treibstoff verbrannt war.

Weil sich die A380 aber noch gut steuern ließ, entschieden sie sich letztlich anders. Sie erbaten von der Flugsicherung aber, die Warteschleifen nur knapp 50 Kilometer vom Flughafen entfernt drehen zu dürfen, um im Notfall schnell dorthin zurückkehren zu können. Auch die Landung hatte es in sich: Der Qantas-Jet kam erst 150 Meter vor dem Ende der 4000 Meter langen Bahn mit vier geplatzten Reifen zum Stehen.

Laut Zulassungsbestimmungen hätte die A380 den Einschlag von einem Trümmerteil überstehen müssen, doch in den Flügel schlugen gleich drei mit hoher Geschwindigkeit ein. "Bei vielen früheren Flugzeugen hätte die Tragfläche das nicht ausgehalten", sagt ein Branchenexperte.

© SZ vom 06.12.2010/kst/aum
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