Umsiedlungen wegen Braunkohle in Deutschland "Wir werden klagen"

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung droht eine neue Klagewelle gegen die Tagebaue. Bereits an diesem Mittwoch wollen die Umweltorganisationen BUND und Greenpeace eine Klage gegen die Erweiterung des Tagebaus Nochten in Sachsen publik machen. Auch in Brandenburg wollen die Umweltorganisationen im Herbst gegen den Braunkohleplan der Landesregierung und die Erweiterung der Tagebaue juristisch vorgehen.

"In dieser Größenordnung werden die Tagebaue gar nicht mehr gebraucht"

"Wir werden vor dem Oberverwaltungsgericht klagen", kündigt Brandenburgs BUND-Geschäftsführer Axel Kruschat an. Die Umweltorganisationen halten das Genehmigungsverfahren für die Tagebaue für einseitig und beklagen, dass kritische Stimmen nicht ausreichend gehört wurden. Kruschat ist sicher: "Die Umsiedlungen sind überflüssig. In dieser Größenordnung werden die Tagebaue gar nicht mehr gebraucht."

Verheizte Heimat

Flurtotalschaden: Seit gut 30 Jahren holt RWE im Tagebau Hambach Braunkohle aus der Erde, mittlerweile Deutschlands größtes Loch. Der Widerstand ist trotz Umsiedlungen, Feinstaub und Lärm gering. Selbst die Kartbahn, die einst Michael Schumacher bekannt machte, zieht geräuschlos um. Eine Reportage von Mirjam Hauck, Hambach mehr ...

Ermuntert fühlen sich die Umweltgruppen von einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Tagebau Garzweiler. Es räumt den Anwohnern die Möglichkeit ein, früher vor Gericht zu ziehen als bisher und nicht erst, wenn die Bagger schon vor der Tür stehen und es zu spät ist. Ein Gutachten des Rostocker Professors, BUND-Funktionärs und Chef des Instituts, der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik Felix Ekardt, kommt zum Schluss: Die Gemeinwohlverträglichkeit von Braunkohletagebauen sei angesichts der verfassungsrechtlichen Eigentumsgarantie "massiv infrage gestellt".

Mit den neuen Auseinandersetzungen vor Gericht, die Experten zufolge Jahre dauern könnten, gerät vor allem der Vattenfall-Konzern in Bedrängnis. Die Schweden wollen ihre ostdeutschen Tagebaue massiv erweitern, um einige hundert Millionen Tonnen des Rohstoffs auf einer Fläche von fast 2000 Hektar zu gewinnen. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen prüft Vattenfall seinen teilweisen Rückzug aus Deutschland. Die Kohle würde der Konzern dann selbst gar nicht mehr fördern.

Auch bei RWE wachsen offenbar die Zweifel, ob sich Braunkohlekraftwerke in Zukunft noch lohnen. Nach Angaben aus Konzernkreisen stellt das Unternehmen die ersten 300-Megawatt-Anlagen im rheinischen Revier auf den Prüfstand. Offenbar fürchtet RWE, dass sich Kraftwerke, die um den Tagebau herum angesiedelt sind, unter neuen Vorzeichen der Energiewende auf mittlere Sicht nicht mehr rentieren. Das Signal wäre klar: Tagebaue gigantischer Dimension würden nicht benötigt, wenn größere Kraftwerke vom Netz gingen. Es würden laufend alle Kraftwerke überprüft, sagte ein RWE-Sprecher.

Geiseln der Kohle

Wind, Sonne, Wasser - das soll die schöne neue Welt der Energie sein. Schön wär's: Es ist die schmutzige Braunkohle, die boomt. Für ihren Abbau werden ganze Dörfer umgesiedelt. Zum Beispiel: Atterwasch. Besuch in einem Ort, der verschwindet. Eine Scroll-Dokumentation von Marco del Pra' und Frédéric Dubois mehr ...

In Proschim haben sie die Hoffnung auf das Überleben des Dorfes noch nicht aufgegeben. Auf einer Trauerfeier für einen verstorbenen Proschimer hatte ein Pfarrer die Bewohner vor wenigen Tagen mit einem Satz gerührt, der am Rande des Tagebaus einen eigenen Klang entfaltet: "Er hat seine letzte Ruhestätte gefunden."