Massenentlassungen:Bei Twitter herrscht Chaos

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Massenentlassungen: Die Twitter Zentrale in San Francisco: Elon Musk ließ das Büro vorübergehend schließen - wohl um Sabotageakte frustrierter Mitarbeiter zu verhindern.

Die Twitter Zentrale in San Francisco: Elon Musk ließ das Büro vorübergehend schließen - wohl um Sabotageakte frustrierter Mitarbeiter zu verhindern.

(Foto: Noah Berger/AP)

Warten, bis die E-Mail kommt: An diesem Freitag will der Kurznachrichtendienst bekanntgeben, welche Mitarbeiter weiter für das Unternehmen arbeiten dürfen. Die Frustration ist groß.

Von Helmut Martin-Jung

"Es ist nicht leicht, das zu schreiben, aber so ist es nun mal. Ich gehöre zu den 50 Prozent, die von den Entlassungen bei Twitter betroffen sind." Knapp zwei Jahre schon hatte Madhura Dighe für Twitter gearbeitet, und ein bisschen klingt die Enttäuschung durch in ihrem Beitrag auf dem Business-Netzwerk LinkedIn: "Ich wurde am Abend zusammen mit meinen Teamkollegen von meinem Firmen-E-Mail-Account und von Slack ausgeloggt. Keine Kommunikation oder Nachricht." Und ein anderer schreibt, auch auf LinkedIn: "Schade, dass es so enden musste."

Dass es gewaltig krachen würde bei Twitter war klar, als der Deal mit Elon Musk, dem schillernden Multimilliardär und Multi-Unternehmer, nach langem Gezerre doch zustande gekommen war. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Erst wurde die bisherige Führungsmannschaft vor die Tür gesetzt, dann folgte Schweigen. Zwei Versammlungen der Belegschaft wurden erst angekündigt, dann wieder abgesagt. Was die Twitter-Mitarbeiter erfuhren, erfuhren sie aus den Medien, dem Flurfunk und über die Internetseite "Blind". Ein Angestellter postete ein Bild eines Skeletts, dazu die Bildunterschrift: "Ich, wie ich auf Updates der Unternehmensführung warte." Ein anderer sprach gar von "psychologischer Kriegsführung".

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen werden sollen, ist noch nicht klar, die Spekulationen reichen bis zu drei Vierteln der Belegschaft. Laut Bloomberg sind etwa 3700 Stellen gefährdet. Am Donnerstag dann eine Nachricht, eine E-Mail aus der Chefetage - ein Memo, wie es dürrer nicht sein kann. "Bis 9 Uhr Pazifischer Zeit (17 Uhr deutscher Zeit, Anm. d. Red.) am Freitag, 4. November", heißt es darin, "wird jeder eine individuelle E-Mail mit der Betreffzeile ,Ihre Aufgabe bei Twitter' erhalten. Bitte checken Sie Ihre E-Mail, inklusive Spam-Ordner."

Die Mitarbeiter sitzen zu Hause und warten

Das müssen die Mitarbeiter übrigens zu Hause tun, denn das Büro in der Innenstadt von San Francisco ließ Musk vorübergehend schließen - wohl um Sabotageakte frustrierter Mitarbeiter zu verhindern. Wer bereits im Büro sei, müsse es verlassen, wer auf dem Weg dorthin sei, umkehren, erfuhren die Angestellten per E-Mail. Ein Wort echten Bedauerns findet sich in der Nachricht an die Tweeps, wie sich die Twitter-Mitarbeiter selber nennen, nicht. Nur gestanzt wirkende Sätze wie dieser: "Wir erkennen an, dass das eine Anzahl von Menschen betrifft, die wertvolle Beiträge für Twitter geleistet haben, aber dieses Vorgehen ist leider nötig, um den Erfolg der Firma auf dem Weg nach vorne sicherzustellen."

Nicht nur, ob sie weiterbeschäftigt werden oder nicht, blieb lange in der Schwebe. Eine E-Mail an das Arbeitskonto bedeutete offenbar, dass sie übernommen wurden. Ein Brief in ihrem persönlichen Posteingang bedeutete, dass sie gefeuert worden sind. Auch was mit dem Unternehmen künftig geschehen soll, erfuhren die Mitarbeiter nicht von ihren Führungskräften, sondern aus Tweets. Musk kündigte dort an, dass er den Chefposten übernommen habe, auch von seinem Plan, für eine bestätigte Twitter-Identität per blauem Haken künftig eine Monatsgebühr von acht Dollar zu verlangen, erfuhren sie auf diese Weise. Es sei fast wie im Weißen Haus unter Trump, konstatierte ein Twitter-Mitarbeiter. Jederzeit könne der Chef in Tweets Strategien ankündigen, die intern noch gar nicht diskutiert worden seien.

Für die Firmenkultur bei Twitter, die bisher eher liberal geprägt war, könnte der Schock kaum größer sein. Die Firmen von Elon Musk sind dafür bekannt, dass ein hoher Arbeitsdruck herrscht. Und was da geschieht während der Arbeit, darüber sollen die Mitarbeiter schweigen - schließlich steht ihr schillernder Chef unter Dauerbeobachtung. Bei den Angestellten können schon kleinere Meinungsverschiedenheiten mit dem Boss zu Problemen führen, bis hin zum Rauswurf.

Große Kunden setzen Werbung aus

Kein Wunder, dass angesichts des herrschenden Chaos bei dem Unternehmen viele Werbekunden erst einmal abwarten wollen, wie sich die Sache weiterentwickelt. Die Zahl der Firmen, die auf Twitter mit Werbung pausieren wollen, wächst. Neben Pfizer und General Motors hat auch Volkswagen angekündigt, vorerst keine Werbung mehr auf Twitter zu schalten. Musk bemühte sich zwar, die Wogen zu glätten und versprach, Twitter werde auch künftig kein Höllenschlund sein, bei dem jeder alles sagen dürfe. Doch viele Unternehmen wollen zuerst sehen, was tatsächlich geschieht. Für Twitter wäre ein deutlicher Rückgang bei Werbeeinnahmen ein schwerer Schlag - 90 Prozent der gesamten Umsätze stammen schließlich aus dem Werbegeschäft. Und alles, was man von Elon Musk bisher zu künftigen Strategien oder dem Geschäftsmodell gehört hat, war eher wolkig. Da ist die Rede davon, Gebühren für Verifizierungen zu erheben, die helfen können, echte Nutzer von gefälschten Konten zu unterscheiden. Angeblich erwägt Musk auch das seit langem eingestellte Kurzvideo-Tools namens Vine wiederzubeleben, um mit beliebten Video-Sharing-Apps wie TikTok konkurrieren zu können. Laut der New York Times könnte es auch kostenpflichtige Direktnachrichten geben, "die es dem einfachen Volk ermöglichen würden, private Nachrichten an prominente Nutzer zu senden". Und Werbung wird auch künftig ein wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells sein.

Massenentlassungen: Elon Musk teilte im Oktober ein Video, das ihn in der Twitter Zentrale zeigte.

Elon Musk teilte im Oktober ein Video, das ihn in der Twitter Zentrale zeigte.

(Foto: AFP)

Von anderer Seite droht allerdings Ungemach: Twitter und Musk müssen sich mit einer Sammelklage auseinandersetzen. Der "Federal Worker Adjustment and Retraining Notification Act", kurz Warn Act, verpflichtet Unternehmen dazu, Massenentlassungen mindestens 60 Tage vorher anzukündigen. Eingereicht hat die Klage am Donnerstag die Anwältin Shannon Liss-Riordan. Sie ist keine Unbekannte für Elon Musk, hatte sie in diesem Jahr doch bereits in einem ähnlichen Fall gegen Tesla, Musks Elektroauto-Firma, geklagt. Im Juni mussten zehn Prozent der Belegschaft bei Tesla gehen. Musk gewann damals allerdings den Prozess, die betroffenen Mitarbeiter wurden schließlich von einem Bundesrichter dazu verpflichtet, ihre Ansprüche in nicht-öffentlichen Schlichtungsverfahren geltend zu machen, anstatt in einem öffentlichen Prozess.

Anwältin Liss-Riordan gibt sich allerdings kämpferisch: "Wir werden sehen, ob er auf die Gesetze dieses Landes pfeift, die Arbeitnehmerrechte schützen", sagte sie über Elon Musk. "Es scheint als gehe er nach demselben Muster vor wie bei Tesla." Musk hatte sich damals recht unbeeindruckt gezeigt und das Gerichtsverfahren als "belanglos" bezeichnet. Ob die Sache dieses Mal auch gut für ihn ausgeht, ist offen - wie so vieles gerade bei Twitter.

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