Reden wir über Geld:"Ich bin bereit, meine Gage den Abendeinnahmen anzupassen"

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Reden wir über Geld: René Heinersdorff ist Autor, Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor.

René Heinersdorff ist Autor, Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor.

(Foto: Costa Belibasakis)

René Heinersdorff leitet vier private Theater, darunter die Komödie im Bayerischen Hof. Ein Gespräch übers Sparen, den Umgang mit Geld in staatlich geförderten Häusern und das Einschlafen zur Stimme seiner Mutter beim Ticketverkauf.

Interview von Barbara Hordych

Er lebe eigentlich in der Deutschen Bahn, sagt René Heinersdorff, 59, gerne flapsig, wenn man den Düsseldorfer Boulevardtheatermann nach seinem Wohnort fragt. Tatsächlich ist der Autor, Schauspieler, Regisseur und vierfache Theaterdirektor ständig unterwegs: Unter anderem mit seinem eigenen Stück "Komplexe Väter", mit dem er seit vier Jahren durch Deutschland tourt - auf seinen eigenen und auf fremden Bühnen. Jetzt aber sitzt er ganz entspannt mit einem Tee oben auf der Galerie des Bayerischen Hofs - schließlich beginnt sein Auftritt unten in der Komödie erst in drei Stunden.

SZ: Herr Heinersdorff, reden wir über Geld: Sie haben nach Theaterhäusern in Köln, Essen und Düsseldorf im vergangenen Jahr die Leitung der Komödie im Bayerischen Hof übernommen und im nächsten Jahr kommt noch ein Haus in Neuwied dazu. Rechnet sich das?

René Heinersdorff: Ich muss darauf bestehen, dass diese Häuser zu mir gekommen sind, ohne dass meinerseits eine Strategie dahintersteckte. Das Theater am Dom in Köln habe ich von meiner Mutter Barbara geerbt. Jahre später sagte mein Vater zu mir: "Komm, das läuft doch so gut in Köln, mach doch eins in Düsseldorf auf." Essen wiederum sollte geschlossen werden, die Alternative war, es zu leiten. Und was in der Komödie in München los war, wissen Sie ja .... trotz des Freispruchs war die Reputation meines Mitinhabers nicht tragbar.

Zumal die Staatsanwaltschaft München wegen Missbrauchsvorwürfen weiter gegen ihn ermittelt.

Es galt also eine Lösung zu finden, deshalb kam man auf mich zu. Ich halte jetzt 51 Prozent der GmbH als Geschäftsführer, Thomas Pekny noch 49 Prozent. Aber er ist vertraglich verpflichtet, sich aus dem operativen Geschäft herauszuhalten. Er erscheint nicht bei Premieren, repräsentiert nicht mehr das Haus.

Und Neuwied, Ihre jüngste Errungenschaft?

Neuwied ist ein städtisches Haus und wird zu 50 Prozent vom Land Rheinland-Pfalz getragen. Der Grund, warum die Verantwortlichen mich dort berufen haben, liegt vermutlich darin, dass sie jemanden haben wollten, der auch über Geld redet. In einer Zeit der knapper werdenden Mittel in Kommunen erschien es sinnvoll, ein städtisches Haus in ein Netzwerk zu kleiden.

Wie wurden Sie als bekannter Boulevardtheatermann als Leiter einer Landesbühne angenommen?

In Neuwied wurde ich mit offenen Armen empfangen. Aber die Nachricht, dass ich dort Intendant werde, hat auch für Unmut in der Branche gesorgt. Ach du Schreck, hieß es, muss jetzt der brutale Kulturkapitalismus Einzug halten in die hohen Sphären der Kunst? Da gibt es ja gerade in Deutschland eine sehr strenge Trennung zwischen Kunst und Unterhaltung.

Das war den Neuwiedern aber egal?

Auch dieses Haus wird schwer kämpfen müssen nach der Pandemie, die städtischen Vertreter mussten sich also etwas überlegen, um das Haus zu halten und das Publikum zurückzugewinnen.

Deshalb sollen dort jetzt Boulevardkomödien gespielt werden?

Natürlich sind es Synergieeffekte, wenn dort künftig Co-Produktionen in beide Richtungen stattfinden. Neulich habe ich den Aufruf vom Theaterkritiker Simon Strauß gelesen: Mensch, Stadttheater, macht doch mal Komödien, damit die Leute in die Häuser zurückkommen! Dazu gebe ich zu bedenken: Das muss man ja auch können! Natürlich machen wir auch in Neuwied die Erfahrung, dass ein gewisser Schwerpunkt auf der Komödie besser geeignet ist, die Leute zurückzulocken, als wenn wir sagen, wir experimentieren ästhetisch, wir bringen dramatische Stoffe nach vorne, auch wenn ich die persönlich wichtig finde.

Ihnen gelingt das aber offensichtlich gut, wenn man die Komödie "Komplexe Väter" betrachtet, die Sie ihren Freunden Jochen Busse und Hugo Egon Balder auf den Leib geschrieben haben. Die beiden spielen den Erzeuger beziehungsweise den Ziehvater einer Tochter, die es völlig in Ordnung finden, selbst mit Partnerinnen zusammen zu sein, die etliche Jahre jünger sind als sie. Aber als ihre Tochter sie mit einem 25 Jahre älteren Freund überrascht, sind sie empört.

Die Thematik kannte ich aus eigenem Erleben. Nachdem ich viele Jahre Freundinnen hatte, die sogar einige Jahre älter waren als ich, passierte es mir, dass ich mich in eine Frau verliebte, die 25 Jahre jünger war. Und mich auf einmal in völlig neuen Situationen wiederfand.

Das Stück läuft in ganz Deutschland seit vier Jahren, bringt es auf rund 600 Vorstellungen. Ein finanzieller Erfolg?

Es gibt diese Stimmen, die behaupten, der Heinersdorff hat nur Theater, damit seine Stücke gespielt werden. Dabei ist es ganz anders: Als Autor verdiene ich erst dann etwas, wenn Stücke nicht nur in meinen Häusern gespielt, sondern von anderen Häusern übernommen werden. Das war und ist hier der Fall, es wurde in Hamburg, Berlin, Frankfurt und Stuttgart übernommen. Auch wenn ich noch als Schauspieler auftrete oder als Regisseur inszeniere. Eigentlich lebe ich von meinen Autorentantiemen.

Wie verhandelt der Schauspieler und Regisseur Heinersdorff seine Gagen mit dem Direktor Heinersdorff?

Als Privattheatermann bin ich da sehr flexibel. Als Geschäftsführer der Komödie im Bayerischen Hof überweise ich mir übrigens bis heute kein Gehalt, ich arbeite ehrenamtlich. Ich habe gesagt, wenn ich hierherkomme, mitten in der Pandemie, muss ich erst mal schauen.

Und als Schauspieler?

Wir können nur das ausgeben, was wir an der Abendkasse einnehmen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den Theaterhäusern, die städtisch oder staatlich gefördert werden.

Das bedeutet?

Dass ich als Schauspieler auch schon mal auf einen Teil meiner Gage verzichte, wenn ich sehe, dass eine Vorstellung schlecht besucht war. Was mich betrifft, bin ich bereit, meine Gage den Abendeinnahmen anzupassen. Und oft entscheide ich das erst, wenn die letzte Vorstellung gespielt wurde.

Ist das eine übliche Praxis im Privattheater?

Selten. Zumindest nicht nach unten. Ich war oft irritiert, dass gerade die sehr gut verdienenden Protagonisten, beziehungsweise deren Agenturen, uns während und nach der Pandemie oft nicht einen Euro entgegengekommen sind. Ich dachte, eine Staatskrise betrifft jeden Bürger, die meistert man nicht, indem man alle Ansprüche erhält. Es sind doch trotzdem keine Hungerlöhne, wenn man bei einer gehobenen Abendgage von 500 Euro um einen Hunderter runtergeht. Aber bei diesem Thema habe ich mich sowieso schon unbeliebt gemacht.

Inwiefern?

Ich bin seit vier Jahren, also mittlerweile in der zweiten Amtszeit, als Vorsitzender der Privattheatergruppe im Deutschen Bühnenverein tätig. Da habe ich mal gesagt, dass wir immer über Mindestgagen reden. Lasst uns doch mal über Höchstgagen reden! Müssen zweieinhalb bis dreitausend Euro Gage am Abend für einen Gast an geförderten Häusern sein? Auch mein Vorschlag, dass alle Intendanten mit einem 13. Monatsgehalt auf dieses im Lockdown verzichten sollten, als Geste nach draußen und als Beitrag an die Gesellschaft, fand keine Zustimmung. Ähnlich verhält es sich mit Diskussionen zum Etat.

Was meinen Sie damit?

In der Pandemie wurden Fördergelder teilweise nicht ausgegeben, weil Produktionen nicht umgesetzt wurden, keine Gäste da waren, keine Reisekosten anfielen. In den Sitzungen habe ich von städtisch oder staatlich getragenen Theatern nur die Überlegungen gehört, wie diese Gelder ins nächste Haushaltsjahr hinübergerettet und behalten werden können. Da ging es also nicht ums existenzielle Überleben. Ich habe dann mal ganz provokativ als Steuerzahler gefragt: Wie wäre es denn damit, diese Gelder einfach mal zurückzugeben, immerhin sind es ja Steuergelder? Da war die Empörung groß.

Haben Sie noch weitere Sparvorschläge für die Theaterbetriebe?

Seit zehn Jahren setze ich mich im Bühnenverein schon für das Thema Nachhaltigkeit ein. Ich sage zu den Leuten, kommt, lasst die Lastwagen nicht leer fahren, wenn ein Lkw von Berlin nach München fährt, dann schaut doch, dass ihr auf dem Rückweg wenigstens noch was mit nach Frankfurt nehmt. Das wird mit festen Transportetats nicht so bedacht. Wenn ich da 100 000 Euro habe, ist es egal, auch wenn es nicht ökologisch ist. Auch in anderer Hinsicht.

Woran denken Sie?

Ich habe ja auch schon öfters an Stadttheatern inszeniert und erlebt, dass eine verwendbare Probendeko ausgesondert wird und eine komplett neue parallel für die Premiere gebaut wurde. Das würde Privattheatermachern nie passieren. Da gibt es schon lange den Trend zur "Nachhaltisierung". Da sagt man schon mal zum Kollegen, komm, hol dir das ab, wenn du das für dein Stück verwenden kannst.

Wie viele Privattheater vertreten Sie?

Das sind knapp über hundert, circa fünfzehn davon sind Boulevardtheaterbühnen, mit 200 bis 700 Sitzplätzen. Das ist eine sehr inhomogene Landschaft. Auf der einen Seite gibt es die Schaubühne Berlin, ein staatstheaterähnlicher Betrieb, mit einer Riesenförderung von 16,5 Millionen im Jahr, die ihre Interessen dem Stadtstaat Berlin gegenüber vertreten muss. Auf der anderen Seite muss man zwischen zwei Privattheatern in Köln-Süd schlichten, die sich darüber ärgern, dass sie dasselbe Stück auf dem Spielplan haben.

Sie selbst stammen aus einer Theaterdynastie: Ihrem Großvater gehörte ein Konzertsaal, der Ibach-Saal in Düsseldorf, Ihre Eltern betrieben eine renommierte Konzertagentur. Besprach man da die Kartenpreise am Küchentisch?

Eine meiner prägenden Kindheitserinnerungen ist tatsächlich, dass meine Mutter, die an der Abendkasse saß, den Telefonhörer neben sich legte, damit wir Kinder sie - in Ermangelung eines Babysitters - beim Einschlafen hören konnten. "Es gibt noch Karten zu zwölf, 18, 23 und 28 Mark." Immer von unten nach oben ankündigen. Das motiviert, die teureren Karten zu kaufen. So viel zum Thema "Reden wir über Geld"!

Sie selbst haben vier Kinder. Wünschen Sie sich, dass sie später die Tradition fortführen, selbst Theaterleiter werden?

Ich sage das jetzt mal ganz brutal: Ich wünsche das den Kindern nicht. Auch wenn ich es nicht verhindern würde. Es ist zu stressig, die Erfolge sind zu unwägbar. Manchmal hat man geackert wie ein Blöder, und es verpufft alles. Dann macht man einen Sprung nach vorne und weiß nicht, warum. Als Theaterleiter lebe ich am Rande der Selbstausbeutung. Man hat keine freien Abende, keine Wochenenden. Das hältst du nur durch, wenn das Theater deine Leidenschaft ist.

Apropos durchhalten: Wie reagieren Sie auf den Zuschauerschwund in Ihren Häusern?

Wenn wir vor der Pandemie eine Auslastung von 65 bis 75 Prozent hatten, dann sind es jetzt nur, mit Ausnahmen, 25 bis 30 Prozent. Deshalb steht nicht nur mir, sondern allen Privattheatern ein wirtschaftlich schwieriger Herbst bevor. Für jedes Haus existiert ein Plan, auf dem steht: Bei dieser Vorverkaufslage, bei den Reserven und Abogeldern, bei der Förderung, die noch zu erwarten ist, ist zu diesem Datum Schluss. Mein Haus in Essen beispielsweise kann so noch bis nächsten März, das in München noch etwas länger halten.

Keine Hoffnung durch das Weihnachtsgeschäft?

Normalerweise verkaufen wir im September schon sehr gut die Vorstellungen im November und Dezember. Mit dem Geld konnte man arbeiten. Aber das bleibt dieses Jahr aus. Stattdessen haben wir ein Buchungsverhalten, das sich an internationalen Verhältnissen ausrichtet.

Das heißt?

Die Leute entscheiden sich ganz spontan, oft noch am selben Tag. So, wie es im Ausland schon viel länger ist. Die Leute in New York, in London, in Paris gehen beim Einkaufen über die Straße und sehen: Oh, da spielt heute Abend Maggie Smith, und sie kaufen sich eine Karte. Letztens habe ich Mitte der Woche in das Journal für die Vorstellung am Sonntagabend geschaut, da waren nur 45 Karten verkauft. Wir hatten schon überlegt abzusagen.

Und dann?

Haben wir das glücklicherweise nicht. Bis Sonntag haben sich dann noch 350 weitere Karten verkauft - und wir vor knapp 400 Zuschauern gespielt. Es gibt momentan keine Planungssicherheit mehr.

Und wie reagieren Sie vom Spielplan her, um das Publikum zurückzuholen? Was zeichnet eine gute Boulevardkomödie aus?

Es gibt zwei Dinge, die ich bei einer Komödie für unerlässlich halte: Ist ihr Thema heutig? Wird es humorvoll dargeboten? Ich halte nichts davon, den Leuten zu erzählen, es sei ihre Pflicht, ins Theater zu gehen, damit sie die Kultur unterstützen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, keine "ollen Kamellen" zu spielen, weil sie vor 20 oder 30 Jahren mal "hübsch" waren. Und wir sind gefordert, nicht die Form, das Spiel mit Ästhetiken, über die Geschichte zu stellen. Das würde unser Publikum ratlos hinterlassen.

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