Personenbeförderung Wettfahrt um die meistgenutzte Taxi-App

Immer weniger Menschen rufen bei Taxi-Unternehmen an. Die Zukunft wird wohl den Apps gehören.

(Foto: dpa)
  • Der Autohersteller Daimler ist sehr umtriebig dabei, ein weltweit wichtiger Anbieter von Mobilität zu werden.
  • Bei den vielfältigen Aktivitäten geht es vor allem darum, rechtzeitig Marktanteile in den einzelnen Segmenten zu sichern.
  • Um die beliebteste Taxi-App zu werden, muss sich Daimler gegen starke Konkurrenz durchsetzen.
Von Stefan Mayr, Hamburg

Aus der Ferne wirkt Eckart Diepenhorsts Eckbüro angemessen für den Chef eines 600-Mitarbeiter-Unternehmens: Raumhohe Fenster mit Panorama-Blick auf die Elbe, über die Landungsbrücken von St. Pauli bis hin zur Elbphilharmonie. Aber was bitte ist das? Der Teppich vor der Glastür ist reichlich ramponiert und voller armdicker schwarzer hässlicher Streifen. "Bremsspuren", brummt Diepenhorst mit seiner Bassstimme und lacht. "Wir haben die auf jeder Etage."

Und an allen Ecken aller Flure. Was ist da los in der Mytaxi-Zentrale in Hamburg-Altona? Die Lösung: Wettrennen mit Elektro-Tretrollern. Die Mitarbeiter flitzen mit den Zweirädern regelmäßig durch die Gänge und hinterlassen in jeder Kurve das länglich-ungewöhnliche Teppichmuster. Sie scheinen ganz schön Spaß zu haben hier bei jener Firma, die 2009 als Start-up begann und seit 2014 zum Daimler-Konzern gehört. Und sie sind mit Vollgas unterwegs in neue Geschäftsfelder: Seit Dezember haben sie E-Scooter in Lissabon am Start, elektrische Tretroller zum Mieten.

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Der Traditionskonzern mit den dicken Limousinen und fetten Lastwagen macht jetzt also auch in Roller. Für Eckart Diepenhorst ist es das Normalste der Welt: "Wenn das funktioniert, gehen wir 2019 in die ersten Städte Deutschlands", sagt der Chef mit Glatze, langem Vollbart, Jeans, Turnschuhen und hochgekrempeltem Hemd.

Noch ist der E-Scooter-Verleih ein winziger Bereich, der auch noch keine Gewinne macht. Doch er zeigt auf, wie umtriebig Daimler unterwegs ist, um auch in Zukunft ein weltweit wichtiger Anbieter von Mobilität zu sein. Wie diese Mobilität in zehn Jahren aussehen wird, weiß heute kein Mensch. Aber Daimler-Chef Dieter Zetsche sagt: "Als Pioniere des Automobilbaus werden wir nicht anderen das Feld überlassen, wenn es um die urbane Mobilität der Zukunft geht." Oft wird dem Stuttgarter Autobauer ja vorgeworfen, er sei zu unbeweglich und verschlafe Trends. Aber das gilt nicht beim Verleihen von Autos (Car-Sharing) und Vermitteln von Mitfahrgelegenheiten (Ride-Hailing). Mobilität auf Abruf (neudeutsch "on Demand") heißt das Zauberwort. Am bekanntesten ist hier Daimlers Autoverleih Car2Go, der 2019 mit BMW-Konkurrent Drivenow zusammengelegt wird.

In deren Schatten macht sich die Hamburger Daimler-Tochter Mytaxi daran, die traditionelle Taxi-Branche umzuwälzen. Eckart Diepenhorst stellt sich das so vor: Der per Telefon oder Fingerzeig herbeigerufene Von-A-nach-B-Chauffeur war gestern. Es lebe die digitale, voll vernetzte Dienstleistung. Ein Fingertipp auf dem Handy genügt, dann sieht der Kunde, wann sein Taxi da ist. Und nach der Fahrt kann er den Service öffentlich bewerten. Das ist viel wert für jene, die sich über unfreundliche Chauffeure ärgern.

Es geht um ein Milliardengeschäft. Auch weil immer mehr Menschen in den verstopften Metropolen auf ein eigenes Auto verzichten und stattdessen via Smartphone die bestmögliche Fahrt buchen. Vom Flughafen oder Bahnhof bis hin zum E-Tretroller vor die Haustür. Und sobald in autonomen Autos keine Taxi-Fahrer mehr nötig sind, werden die Margen größer. Deshalb versuchen diverse Firmen, möglichst viele Marktanteile zu ergattern. Daimler kämpft gegen Firmen aus den USA (Uber, Lyft), China (Didi), Israel (Gett), Malaysia (Grab), Indien (OLA). Es geht darum, die meistgenutzte Taxi-App der Welt zu werden. Denn in der sogenannten Plattform-Ökonomie gilt das Motto "the winner takes it all", der Gewinner kriegt sie alle. So war es bei den sozialen Netzwerken - irgendwann gingen alle Menschen zu Facebook, weil sie dort die meisten Mitmenschen fanden. Ähnlich ist es mit vielreisenden Geschäftsleuten oder auch Touristen: Wer will schon für jede Stadt eine eigene App herunterladen?

Mit mehr als 10 Millionen Kunden und mehr als 100 000 Fahrern in 100 Städten gilt Mytaxi bereits als größter Anbieter Europas. Aber Daimler ist das nicht genug, die Stuttgarter machen sich in der Ride-Hailing-Welt mehr oder weniger unauffällig richtig breit: Sie haben die Start-ups Clever-Taxi aus Rumänien, Chauffeur Privé aus Frankreich, Hailo aus England und Beat aus Griechenland übernommen. Außerdem hat sich Daimler bei Taxify aus Estland (aktiv in 30 Ländern im Baltikum, in Europa und Afrika), Careem aus den Arabischen Emiraten (unterwegs in 14 Ländern im Nahen Osten und Nordafrika) und Blacklane aus Berlin (Luxus-Chauffeur-Dienste in 50 Ländern) eingekauft.