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SZ-Wirtschaftsgipfel:BMW-Chef: "Autoindustrie steht vor größtem Umbruch aller Zeiten"

  • BMW-Chef Harald Krüger sieht die Autobranche vor dem größten Wandel ihrer Geschichte.
  • Konkurrenten wie Tesla oder das chinesische Start-up Nio beobachtet er aufmerksam. Sein Unternehmen habe aber Startvorteile.

Von Jan Schmidbauer, Berlin

Eigentlich sind es Welten, die zwischen diesen beiden Männern liegen. Hier der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger, Chef einer der berühmtesten Autohersteller der Welt, Vorgesetzter von weit mehr als 100 000 Beschäftigten. Auf der anderen Seite: Jack Cheng, Mitgründer des Unternehmens Nio, ein chinesisch geführtes Elektroauto-Start-up, dessen Autos bisher nur als Prototypen für Furore sorgen.

Doch die Diskussion der beiden Automanager auf dem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung sollte ein Gespräch auf Augenhöhe werden. Kein Wunder: Die Zeiten, in denen die großen Autohersteller die kleinen Start-ups mit ihren Stromautos belächeln konnten, sind schließlich Geschichte. Das weiß auch der BMW-Chef. "Die Autoindustrie", sagt Krüger, "steht vor dem größten Umbruch aller Zeiten".

BMW war bei der Elektro-Technologie einst weiter als viele Konkurrenten. Als die Münchner 2013 das Elektroauto i3 und ein Jahr später den i8, einen Sportwagen mit Plug-in-Hybridantrieb, auf den Markt brachten, hatten die meisten Konkurrenten ihre Pläne gerade mal in den Schubladen oder begannen mit der Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge. Viele belächelten BMW für den Vorstoß - und sollten recht behalten. Die Produktionskosten für die aufwändig konstruierten E-Autos waren hoch, die Nachfrage blieb gering. Bislang ist die Elektrosparte für BMW ein Zuschussgeschäft, neue Strommodelle haben sich die Münchner seitdem verkniffen. Erst von 2019 bis 2021 sollen mit dem Elektro-Mini, einem X3 mit E-Motor und dem i5 neue reine Elektroautos aus dem Konzern kommen.

Der Umbruch, von dem Krüger spricht, ging deshalb in der Vergangenheit von anderen aus. Es sind Unternehmen wie der kalifornische Hersteller Tesla, die den Wandel zur Elektromobilität zuletzt beschleunigt haben. Nio werden ähnliche Ambitionen nachgesagt wie dem Unternehmen von Elon Musk. Manche bezeichnen die Chinesen schon als die "Tesla-Jäger".

Zum ersten Mal schaffte es Nio im Frühjahr 2017 in die Schlagzeilen. Mit seinem 1360-PS-Boliden EP9 stellte das Unternehmen auf der Nürburgring-Nordschleife einen neuen Rundenrekord für E-Autos auf. Während der Sportwagen nur in marginalen Stückzahlen entstehen soll, strebt Nio bei anderen Fahrzeugtypen bereits andere Größenordnungen an. Jedes Jahr soll ein neues Modell auf den Markt kommen, sagt Cheng. Etwa eine halbe Million Autos wolle man in den kommenden drei bis vier Jahren bauen.

Die Pläne klingen ambitioniert, insbesondere wenn man bedenkt, welche Probleme der Konkurrent Tesla derzeit hat, seine Stückzahlen hochzufahren. Probleme, die Nio noch bevorstehen könnten. Zumindest haben die Chinesen bereits finanzstarke Geldgeber vorzuweisen, darunter das Tech-Unternehmen Tencent und den Handyhersteller Xiaomi. Als treibende Kraft hinter dem Projekt gilt zudem der chinesische Milliardär William Li. Während das Geld für die Nio-Fahrzeuge allen voran aus Fernost kommt, holt sich Nio das Know-How auch aus anderen Regionen. Die Design-Abteilung etwa hat Nio in München-Bogenhausen angesiedelt, gleich um die Ecke von BMW. Im Management und im Entwicklungsressort arbeiten zudem einige ehemalige BMW-Leute.

Krüger beobachtet die neuen Konkurrenten aufmerksam. Sein Unternehmen habe aber klare Vorteile, sagt der BMW-Chef. Man investiere nicht nur in Elektroautos, sondern auch in andere Zukunftstechnologien wie das autonome oder das vernetzte Fahren. Viel wichtiger sei aber noch ein anderer Bereich, in dem sein Unternehmen vorne liegt: BMW, sagt Krüger, ist ein Autohersteller "mit einer Marke, einer Historie, einem Erbe". Dingen, die man eben nicht so schnell erfinden kann wie einen Elektroflitzer.

© SZ.de/leja
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