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System Hartz IV:Die Arbeitgeber - Häufig profitiert der Chef

Natürlich gibt es auch unter seinen Kunden jene Menschen, die unfein "Sozialschmarotzer" genannt werden. "Sehr clevere Leute, die sich immer wieder entziehen." Häufiger als auf die viel beschriebene "soziale Hängematte" trifft Meisner aber auf einen anderen Fall. Kunden, die einem Minijob nachgehen, weiter Leistungen beziehen und in ihrer übrigen Zeit schwarz arbeiten. "In der Gastronomie ist das gang und gäbe. Die Unternehmer stellen die Leute auf 450-Euro-Basis ein, lassen sie aber mehr arbeiten."

Meisner setzt in solchen Fällen manchmal Qualifizierungsmaßnahmen an, damit seine Kunden außerhalb der legalen Arbeitszeit wenigstens am Rechner sitzen und Stellenanzeigen lesen, anstatt schwarz zu arbeiten. "Das ist manchen Arbeitgebern dann zu blöd - und plötzlich klappt es mit dem Vollzeit-Vertrag." Aber es gibt auch negative Beispiele, solche, wo der Chef sagt: Dann geh' doch.

Der Arbeitgeberservice - fragwürdiger Teil des Systems

"Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus", kommentiert Meisner das, was seine Behörde tut. Als Beispiel nennt er das Weihnachtsgeschäft. "Da ruft ein großes Versandunternehmen aus dem Norden Berlins an: Hey, wir brauchen Leute. Dann trommelt die Agentur in Infoveranstaltungen Leute zusammen, schiebt sie in diese Jobs - obwohl völlig klar ist, dass sie nach dem Weihnachtsgeschäft wieder arbeitslos sein werden."

In der Reinigungsbranche, im Bereich Sicherheit und vor allem in der Zeitarbeit seien die Verhältnisse ebenso prekär. "Der Aufstieg der Zeitarbeit wäre ohne die Agenda 2010 nie möglich gewesen", sagt er. "Wir haben durch sie die Macht, die Menschen unter der Androhung von Sanktionen und einschneidender finanzieller Einbußen dazu zu treiben."

Keiner seiner Kunden käme etwa von sich aus auf die Idee, bei einer Zeitarbeitsfirma anzuheuern. "Allen Imagekampagnen zum Trotz hat die Branche den Ruf, den sie hat, zu Recht." Nach Ansicht von Meisner wollen Zeitarbeitsfirmen nur eins: Geld machen mit der Not von Menschen, die anderswo keine Arbeit finden. Die Sprungbrettfunktion, die der Zeitarbeit nachgesagt wird? Ein Mythos, ist sich Meisner sicher. Statistiken bestätigen seine Beobachtungen: Knapp die Hälfte der Zeitarbeiter kommt nicht über eine Beschäftigungsdauer von drei Monaten hinaus.

Der Arbeitgeber als König unter den Kunden

Unternehmen haben einen eigenen Ansprechpartner in der Arbeitsagentur - den sogenannten Arbeitgeberservice. Die Mitarbeiter des Arbeitgeberservices speisen unter anderem Stellenanzeigen in das interne System der Arbeitsagentur ein. Was da manchmal in internen Vermerken steht, die der Arbeitssuchende selbst nicht sieht, macht Meisner fassungslos. Da will ein Arbeitgeber "nur Deutsche" oder "nur attraktive, junge Frauen". Alles Einschränkungen, deretwegen Unternehmen in offiziellen Jobanzeigen eine Abmahnung kassieren würden, wegen des AGG, des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes.

Natürlich seien gewisse Anforderungen erlaubt, sagt er. Zum Beispiel gebe es Bürojobs, für die perfekte Deutschkenntnisse vonnöten seien - "aber dafür muss ich ja kein deutscher Staatsbürger sein". Doch was soll er tun? Aus Prinzip gegen die internen Vermerke verstoßen? "Das will ich nicht, weil ich dann meinem Kunden einen Auftrag für eine Bewerbung gebe, von dem ich weiß, dass sie sowieso keinen Erfolg haben wird."

Im schlimmsten Fall beschwert sich dann der Arbeitgeber beim Arbeitgeberservice und der Arbeitsvermittler bekommt einen Rüffel. Die Kontakte zu den Unternehmen sind wichtig für die Agentur, nur so gelingt es ihnen, Menschen zu "integrieren" wie es im Jargon heißt. Sie also - wenn auch nur kurz, häufig unter prekären Bedingungen - aus der Arbeitslosenstatistik zu halten. So stellt es zumindest Meisner dar. "Der Arbeitgeber ist der König unter den Kunden. Die anderen heißen nur so."

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

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© Süddeutsche.de/sebi/hgn/cat

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