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Supermarkt-Ketten:Tengelmann: Tausende hoffen auf den Chef des Konkurrenten

Kaiser's Tengelmann

"Denen geht es doch gar nicht um uns Mitarbeiter, sondern nur ums Geld"

(Foto: dpa)

Gibt es in letzter Minute doch noch eine Chance? An dem Chef von Rewe hängt der Erhalt der Arbeitsplätze von Kaiser's Tengelmann.

Zwischen zwei Regalen, in einem neonbeleuchteten Supermarkt unter der Erde, schlägt Marianne Steiner mit der flachen Hand auf einen Stapel Pappkartons. "Das war's jetzt", sagt sie. Seit Donnerstagabend weiß Steiner, dass sie und ihre Kollegen bei Kaiser's Tengelmann mit dem "Verlust ihrer Arbeitsplätze" rechnen müssen. Steiners Haar ist raspelkurz und grau, sie trägt ein Goldkettchen über dem Tengelmann-T-Shirt. Sie ist 60 Jahre alt und möchte ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen.

Im April wird sie 30 Jahre in Berliner Tengelmann-Filialen gearbeitet haben. Während sie ihr Jubiläum feiert, so sieht es aus, wird Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub das Unternehmen zerschlagen. Die Verhandlungen über die Rettung der Kette und aller Arbeitsplätze mit den Konkurrenten Edeka, Markant, Norma, Rewe sowie der Gewerkschaft Verdi wurden am Donnerstagabend von den Unternehmen als gescheitert erklärt. Steiner ist frustriert. "Denen geht es doch gar nicht um uns Mitarbeiter, sondern nur ums Geld", sagt sie.

Stimmt das?

Einer, der einfach nur einen Scheck in vielleicht dreistelliger Millionensumme einstecken müsste, um endlich Frieden zu geben, und damit Tausende Arbeitsplätze retten könnte, ist der Rewe-Chef Alain Caparros, ein Franzose mit deutschem Pass. Und, wie man hört, kein leicht beratbarer oder berechenbarer Zeitgenosse. Auf ihn richten sich nun alle Blicke: die vieler Mitarbeiter, aber auch aller anderen Beteiligten in dem Verfahren, das sich nun schon mehr als zwei Jahre hinzieht.

In dem endlos langen Gefeilsche steht er nun plötzlich als Bösewicht da, obwohl er immer betonte, aufseiten der Mitarbeiter zu stehen. Doch seit Donnerstagabend, als das Scheitern offiziell verkündet wurde, sieht es so aus, als sei er derjenige, der verantwortlich wäre für die Zerschlagung von Kaiser's Tengelmann und damit für den Verlust von schätzungsweise bis zu 8000 Jobs. Verdi-Chef Frank Bsirske schaltete sich deshalb noch einmal persönlich ein. Am Freitag drängte er ihn, doch diesen Scheck zu akzeptieren und dann die Beschwerde vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf zurückzuziehen.

Vom Bösewicht zum lucky hero

Ja, der Gewerkschafter Bsirske riet Caparros dazu, sich die Beschwerde abkaufen zu lassen. Mit der blockiert der Rewe-Chef seit Mitte Juli die Fusion zwischen Kaiser's Tengelmann und Edeka, dem Erzrivalen von Rewe. Und er verhindert damit den Erhalt aller verbliebenen offiziell etwa 16 000 Arbeitsplätze. Die wären für mindestens fünf Jahre gesichert, weil sich Edeka per Ministererlaubnis dazu verpflichtet hat, die bereits mit den Beschäftigten geschlossenen Tarifverträge in diesem Zeitraum nicht anzurühren.

Die anderen Kläger vor dem OLG, der Discounter Norma und das Abwicklungsbüro Markant, würden sich mit Barem begnügen, heißt es. Warum tut sich Caparros also so schwer damit? Wo doch sonst sein Herz angeblich so für die Mitarbeiter schlägt? In der Domstraße zu Köln, dem Sitz der Rewe-Zentrale am Hauptbahnhof, ging es deswegen am Freitag hoch her. Vorstandssitzung. Was tun? Wäre es nicht reizvoll, einen dreistelligen Millionenbetrag zu kassiert, ohne viel dafür zu tun? Wie kann man den Preis noch hoch treiben? Und stünde Rewe am Ende nicht als Retter der Arbeitsplätze da? Kurz: Könnte man nicht kurzerhand das Blatt wenden und Caparros vom Bösewicht zum lucky hero mutieren? Und so kam es, dass Caparros sich am Freitagnachmittag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters doch noch zu einem "letzten Versuch einer Einigung" bereit erklärte. Er wolle an einer weiteren Verhandlungsrunde teilnehmen.

Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte Caparros zuvor noch bearbeitet, sich einen Ruck zu geben. So schwer kann es doch nicht sein, einen Scheck zu akzeptieren. Anschließend bat der Minister in die Berliner SPD-Zentrale und berichtete darüber. Er betonte, was bei den dramatischen Rettungsversuchen auf dem Spiel steht. "Es wäre schockierend, wenn wir es nicht schaffen würden, 16 000 Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stehen, zu retten." Es gehe um Menschen, die nicht viel Geld verdienten. Die soziale Marktwirtschaft müsse jetzt zeigen, dass sie dazu in der Lage ist, diesen Menschen zu helfen. Offenbar sieht Gabriel noch Chancen für eine Einigung bis zur Frist am kommenden Montag. Es bleibe also das Wochenende.

Ehe Gabriel Caparros anrief, hatte er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) abgesprochen. Auch die ist also inzwischen in den Fall eingebunden. Daraufhin nahm Gabriel nicht nur Caparros, sondern auch alle anderen Beteiligten per Telefon ins Gebet. "Ich habe appelliert, noch eine Lösung zu suchen." Gabriel brachte einen Schlichter ins Spiel, so wie es auch Caparros getan hatte, und schloss nicht aus, höchstpersönlich die Vermittlerrolle zu übernehmen. "Wer das machen soll, müssten aber die Beteiligten regeln", sagte er.

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