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Ärzte-Honorare:Gesunde Bezahlung

Ärzte im Krankenhaus

Alte Streitfrage: Was soll, kann, darf ein Mediziner verdienen?

(Foto: Gregor Fischer/dpa)
  • Kassen und niedergelassene Ärzte streiten erneut um die Honorare der Mediziner.
  • Eine neue Studie liefert nun neue Daten zur Bezahlung - und beide Seiten sehen sich bestätigt.

Von Guido Bohsem, Berlin

Wenn es um die Honorare der niedergelassenen Ärzte geht, wird heftig gestritten und viel geklagt. Die organisierte Ärzteschaft klagt darüber, dass ihre 165 000 Ärzte und Psychotherapeuten viel zu wenig Geld erhalten. Die Krankenkassen hingegen sind der Meinung, dass immer mehr Ärzte immer mehr bekommen.

Weniger Arbeitsstunden, mehr Reinertrag

Nach einer Untersuchung des Prognos-Instituts können die Ärzte eigentlich recht zufrieden sein. Denn nach Berechnungen der Statistiker ist ihr Reinertrag trotz sinkender Arbeitsstunden zuletzt kräftig gestiegen. Der Reinertrag ist das, was dem Arzt bleibt, wenn man Arbeitslöhne der Arzthelfer, Miete, Heizung, Strom und andere Ausgaben für die Praxis abzieht. Vom Rest müssen die Doktoren noch Steuern zahlen, ihre Krankenversicherung und die Altersvorsorge.

Es geht um den "kalkulatorischen Arztlohn". Seit 2008 soll ein niedergelassener Arzt im Schnitt nach Abzug der Praxiskosten so viel verdienen wie ein Oberarzt im Krankenhaus - bei 51 Wochenstunden Arbeitszeit. Das waren 105 000 Euro im Jahr - damals. Inzwischen aber, so wendet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ein, sei das Gehalt eines Oberarztes auf 133 000 Euro gestiegen. Bei der Berechnung der Arzthonorare sei das ignoriert worden, beklagt KBV-Chef Andreas Gassen, weshalb niedergelassene Ärzte nun drei Milliarden Euro weniger Honorar bekämen als ihnen eigentlich zustünde. Auf den ersten Blick ist es verblüffend, dass die vom GKV-Spitzenverband in Auftrag gegebene Prognos-Studie in diesem Punkt zu einem ähnlichen Ergebnis wie Gassen kommt. Hätte man bei den Verhandlungen die Entwicklung des Oberarzt-Gehalts berücksichtigt, wären die Ärztehonorare weitaus stärker gestiegen. Die Ärzte hätten, wenn auch nicht drei Milliarden Euro, so doch deutlich mehr erwirtschaftet. Trotzdem sind die Honorare der niedergelassenen Ärzte stärker gestiegen als die der Oberärzte.

Es drohen hitzige Honorarverhandlungen

Was wie ein Widerspruch klingt, liegt an der höheren Produktivität der niedergelassenen Ärzte. Mit dem gleichen Einsatz von technischen Mitteln konnte eine höhere Zahl von Patienten behandelt werden. Dadurch sanken die Durchschnittskosten in den Arztpraxen. "Die Modellrechnungen zeigen, dass zumindest ab dem Jahr 2012 die jährlichen Steigerungen der tatsächlichen Einkommen der (niedergelassenen) Ärzte die Zuwächse des gewählten Referenzeinkommens übertreffen."

Haben die Ärzte also mehr gearbeitet? So interpretieren das die Kassenärztlichen Vereinigungen. Nach den Untersuchungen des Prognos-Instituts kann dies aber nicht so richtig stimmen - jedenfalls nicht im Durchschnitt. Das legten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes nahe: "Nach dem Mikrozensus sind die tatsächlich geleisteten Arbeitszeiten von Ärzten in Arztpraxen eher rückläufig", schreiben die Forscher. Ihr Fazit: Die Entwicklung des Oberarzt-Einkommens muss nicht in die Honorarverhandlungen einbezogen werden.

Deutlich wird aus der Studie, die die Kassen in den nächsten Tagen veröffentlichen wollen, vor allem eines: Die Honorarverhandlungen dürften im kommenden Jahr nach drei relativ ruhigen Runden wieder deutlich heftiger geführt werden.

© SZ vom 09.11.2015/sry
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