SZ-Wirtschaftsgipfel "Wir haben die Garagen"

Im hippen Kreuzberg, gleich neben einem Autohaus, steht das Betahaus, eines jener Zentren, in denen die junge digitale Wirtschaft vibriert. Auf 3000 Quadratmetern und mehreren Etagen sitzen mehr oder weniger durchgewürfelt typische Fuselbart-Nerds neben den schicker angezogenen Mitarbeitern von großen Konzernen, die dort lernen sollen, wie es geht, das Geschäft in der digitalen Welt. Und das alles im typischen Look aus Sperrholz-Brettern, alten Stühlen, nacktem Beton.

Das Betahaus ist darauf spezialisiert, jungen angehenden Unternehmern oder Jung-Unternehmern Arbeitsplätze zu bieten. Sie treffen dort Geldgeber oder Vertreter großer Unternehmen. Sie lernen, wie man eine Idee verkauft und wie man sich dabei besser nicht anzieht. Coworking Space heißt das. Wenn die Mitglieder des Betahaus mögen, können sie sogar lernen, wie man die Holzstühle repariert.

"Im Silicon Valley", sagt Betahaus-Mitgründerin Madeleine Gummer von Mohl, "kam ich mir vor wie in einem Start-up-Museum. Facebook, Twitter und so, das sind etablierte Unternehmen, keine Garagen-Firmen mehr". Wenn sie Klagen über Deutschland höre, wundere sie sich: "Wir haben die Garagen. Hier entstehen die großen Firmen der Zukunft. Wir sind ein Gravitationszentrum. Und wenn einer scheitern kann, dann wohl die Berliner."

Das Amazon der Stahlbranche

Doch warum gibt es dann kein deutsches Google oder Facebook? Warum ist und bleibt SAP die einzig nennenswerte Softwarefirma? Ist es doch alles Hype und die Deutschen können es nicht?

Vielleicht können sie es, aber auch einfach nur anders. Der Chef des Stahlhändlers Klöckner, Gisbert Rühl, ist wahrscheinlich der Vorzeige-Manager der Industrie 4.0, was nichts anderes heißt als die Umstellung der klassischen Industrieproduktion auf die digitalisierte Wirtschaft. Auch er war in Kalifornien. "Ich war nicht so sehr beeindruckt", sagt er. In Deutschland habe die Industrie im Vergleich zur US-Konkurrenz viel mehr Möglichkeiten, die Digitalisierung erfolgreich zu bestreiten. "Berlin wird kein zweites Silicon Valley werden." Muss auch gar nicht.

Süddeutsche Zeitung Wirtschaft Alles ist Internet - Internet ist alles
SZ-Wirtschaftsgipfel

Alles ist Internet - Internet ist alles

Autos und Heizungen - und noch vieles mehr: Alles wird bald vom Netz aus gesteuert. Das "Wie" sollte uns interessieren.  Von Varinia Bernau, Thomas Fromm und Max Hägler

Klöckner versucht zu einer Art Amazon der Stahlbranche zu werden, und die ersten Schritte dazu lernten Rühl und sein Unternehmen eben nicht im Silicon Valley, sondern im Betahaus, wie er auf dem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung erzählt. Er war selbst dabei, eine ganze Woche lang, nicht im Kapuzenpulli, sondern in Hemd und Krawatte. "Man muss das einfach selbst kennenlernen, um zu verstehen, wie es gelingt, dass Projekte viel schneller fertig werden."

"Die Digitalisierung müssen die Unternehmen schon selbst hinkriegen"

Was fehlt ist das Geld. Christian Bogatu, dessen Firma Kiwi daran arbeitet, automatische Schlüssel für Zusteller und Briefträger herzustellen, sagte auf dem Wirtschaftsgipfel, dass es zwar kein Problem wäre, Startkapital zu generieren. "Schwierig wird es, wenn man für den nächsten Wachstumsschritt zehn oder zwanzig Millionen Euro bekommen will." Auch Gummer von Mohl nennt "Geld" als den größten Nachteil, den Berlin im Vergleich zum Silicon Valley noch habe.

Es gibt keinen Grund zu warten, findet Rühl. "Auch wenn die Rahmenbedingungen hier in Deutschland noch nicht stimmen." Die Politik könne einem dabei zwar helfen. "Die Digitalisierung müssen die Unternehmen schon selbst hinkriegen."

Für Taulia-Gründer Markus Ament sieht die Welt anders aus, das Valley hat seinen Reiz verloren. Seine Technologie, ein Anreizsystem, mit dem Lieferanten früher ihr Geld bekommen und Konzerne umso mehr Geld sparen, je früher sie bezahlen, ist gereift. Gerade ist das Unternehmen in Deutschland gestartet. Und kürzlich hat Ament neue Software-Entwickler eingestellt - in Sofia, Bulgarien. "Im Valley", sagt er, "müssen Sie heute astronomische Gehälter zahlen, die Mieten sind extrem teuer und im Zweifel finden sie nicht die richtigen Leute." Die arbeiten oft lieber bei Konkurrenten, die mehr zahlen können und mit Aktienoptionen locken. "Das ist inzwischen schon eher ein Standortnachteil", sagt Ament.

95 Euro pro m²

... beträgt die durchschnittliche Büromiete im Monat in Top-Lagen von San Francisco, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. In Berlins besten Lagen müssen Start-ups weniger als ein Viertel dessen ausgeben. Der Standortvorteil der deutschen Hauptstadt zeigt sich auch bei den Gehältern: Software-Entwickler kosten im Silicon Valley durchschnittlich 170 000 US-Dollar, der Wettbewerb um die besten Köpfe ist hart. In Europa sind selbst die teuersten Entwickler noch um ein Viertel günstiger. Und die Nachfrage steigt: Inzwischen wird in Berlin alle 20 Stunden ein Unternehmen gegründet.