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SZ-Wirtschaftsgipfel:Unternehmertum muss auf den Lehrplan

Tabletcomputer an Schulen in Baden-Württemberg

Das Tablet im Klassenzimmer allein reicht nicht, auch der Lernstoff müsste sich stärker an den Erfordernissen der künftigen Arbeitswelt orientieren.

(Foto: dpa)

Die Deutschen mögen Dichter und Denker sein - Gründer sind sie aber selten. Die Bildung müsste sich verändern, damit sie sich öfter in die Selbständigkeit wagen.

Kommentar von Varinia Bernau

Auf weniger als 140 Zeichen hat die 17-jährige Naina zusammengefasst, was deutsche Schüler so alles lernen - und was nicht. "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen", twitterte sie zu Beginn dieses Jahres - und löste eine Debatte über den Wert humanistischer Bildung aus. Sie machte dabei auch deutlich, warum sich die Deutschen als Unternehmer so schwer tun: Sie trauen es sich schlichtweg nicht zu.

In Deutschland hält es nur jeder Vierte für erstrebenswert, ein Unternehmen zu gründen. Und nicht einmal jeder Dritte fühlt sich dafür gut vorbereitet. So ist es in einer aktuellen Studie nachzulesen. In dem weltweiten Report zur Gründerkultur ist das Land der Dichter und Denker eines der Schlusslichter. Das ist ein beunruhigendes Zeichen. Nicht weil Berlin unbedingt so hip sein sollte wie das Silicon Valley. Sondern weil in Zeiten, in denen die fortschreitende Digitalisierung ganze Branchen umwälzt, mutige Menschen gebraucht werden. Menschen, die Dinge ausprobieren und die bereit sind, dafür auch ein Risiko einzugehen.

Im Zweifel gegen das Experiment

Bildung ist gerade in Zeiten des Umbruchs ein wichtiges Gut. Die Deutschen wissen um den Wert von Bildung. Schließlich wird dieses Land weltweit für seine kulturellen Leistungen geschätzt und auch für all seine Produkte, die kluge Ingenieure entworfen haben. Aber weil ihnen eine solide Ausbildung so wichtig ist, wagen sich die Deutschen auch nicht an Dinge, die sie zuvor nicht gründlich genug durchdacht haben.

Deshalb beäugen sie skeptisch, wie US-Internetfirmen mit wackliger Software und einem noch wackligeren Geschäftsmodell die Welt erobern. Wer nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum vorgeht, wie etwa die Amerikaner, der gilt den Deutschen zumeist als Luftikus. Und weil sie nicht mal die Steuererklärung kapieren, trauen sich deutsche Jugendliche schon gar nicht an eine eigene Buchhaltung. Dann lieber eine Beamtenlaufbahn. Altbewährtes statt Experiment.

Es braucht eine Schule, die Mut macht

Nun lässt sich Risikobereitschaft zwar nicht per Gesetz verordnen. Aber Politiker können junge - und in Zeiten des demografischen Wandels durchaus auch ältere - Menschen ermutigen, indem sie sie gut vorbereiten auf das Abenteuer der Selbständigkeit. Sie können ein Bildungssystem schaffen, das die Fähigkeiten trainiert, auf die es in der Zukunft ankommt. Ist das die Gedichtanalyse in vier Sprachen? Vielleicht auch, aber ganz gewiss nicht nur. Die Skandinavier etwa vermitteln seit vielen Jahren an den Schulen auch ökonomische Grundlagen. Sie lassen Schüler in Projekten auch Produkte entwerfen und für diese Kunden begeistern - und schärfen so unternehmerisches Denken. In diesen Ländern, in denen nicht nur Wissen abgefragt, sondern praktische Fertigkeiten vermittelt werden, ist die Gründerkultur sehr stark.

Nüchtern betrachtet sind die Bedingungen für Gründer in Deutschland nicht schlechter als in anderen Ländern: Es gibt exzellente Unis, viele Beratungsstellen, üppige Förderprogramme. Aber die Bedingungen, auch das zeigt die Studie, werden als schlecht wahrgenommen. Wer sich nicht zutraut, Unternehmer zu werden, der macht sich gar nicht erst auf die Suche nach Kapital. Wichtiger als der nächste Gründerfonds ist deshalb eine echte Schule des unternehmerischen Denkens. Eine Schule, die Wissen und Kreativität vermittelt. Und eine Schule, die Mut macht.

© SZ vom 21.11.2015/sry

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