Süddeutsche Zeitung

SZ-Wirtschaftsgipfel:Gründergeist an der Spree

Lesezeit: 4 min

Von Guido Bohsem und Jan Willmroth

Markus Ament war schon dort, und mit dem, was er vorhatte, konnte er woanders nicht hin. Vor sechs Jahren hat der 41-Jährige mit drei Mitstreitern Taulia gegründet, sie bieten eine Software-Lösung an, mit der Unternehmen ihre Lieferanten schneller bezahlen können. "San Francisco stand nie zur Diskussion", sagt er über den Gründungsort: Zum Valley hätte es vor sechs Jahren, kurz nach dem weltweiten Finanzchaos, keine Alternative gegeben. Dort seien die Leute gewesen, die Taulia brauchte, die weltweit besten Software-Spezialisten, und vor allem das nötige Geld. "Wir wollten nicht organisch wachsen, sondern brauchten zum Start viel Geld auf einmal", sagt Ament.

All das gab es in dem Umfang nirgendwo sonst, nicht in London oder Tokio, nicht in Berlin.

In den vergangenen Jahren hat sich deshalb ein regelrechter Wirtschafts-Tourismus nach Kalifornien entwickelt. Die ganze Welt hat sich auf den Weg ins Silicon Valley gemacht. Alle wollen herausfinden, was es auf sich hat mit dem Ort, an dem die Zukunft gemacht wird. Die staunenden Besucher wollen von den jungen Millionären lernen und von ihren Geschäftsmodellen. Und sie wollen sich auch ein bisschen gruseln - ob der Wucht, mit der die Leute dort die Welt verändern und die Wirtschaft. Wie sie angestammte und noch vor Kurzem hochgradig lukrative und profitable Branchen aushebeln und durch neue Geschäftsmodelle ersetzen.

Albtraum der alten Industrie

Eine solche Disruption ist der Traum der jungen Gründergeneration, die sich in Kalifornien ansiedelt. Sie ist gleichzeitig der Albtraum der alten Industrie, der Wirtschaft in Deutschland. Denn womöglich werden in diesem Augenblick an der Westküste der USA Geschäftsmodelle entwickelt, von denen die zahlreichen heimlichen Weltmarktführer des deutschen Mittelstandes einfach weggefegt werden.

Was die meisten Valley-Touristen beeindruckt, ist die Mischung. Dort treffen im wesentlichen fünf Dinge aufeinander: die wissenschaftliche Exzellenz der Stanford Universität, eine seit Jahrzehnten bestehende IT-Unternehmenslandschaft, eine enorme Dichte von Kapitalgebern und schließlich junge, risikobereite Unternehmer. Und alles umgeben von dem berühmten Silicon-Valley-Geist: der unbedingten Bereitschaft zum Unternehmertum, dem Erfindungsreichtum und der Comeback-Mentalität, wenn die Sache beim ersten oder zweiten Mal in die Hose geht.

Spricht man mit Michael Müller (SPD), dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, existiert das Silicon Valley Europas bereits. Es liege an der Spree und es heiße Berlin. Nun gehört Werbung zum Geschäft. Wahrscheinlich würde auch der Bürgermeister von Blankenheim in der Eifel im Zweifel von seiner Gemeinde behaupten, sie habe sich ein paar Aspekte aus dem Wunder-Landstrich in Kalifornien abgeschaut.

Am "Winterfeldtplatz" sagt man angeblich, man sitze am "Silicon Platz"

Müller allerdings hat gute Gründe für seine These. 60 000 Arbeitsplätze gebe es bereits im digitalen Geschäft, alle 20 Stunden werde ein neues Unternehmen gegründet. Berlin habe London überholt, wenn es darum gehe, Gründungskapital für junge Unternehmer zu organisieren. Berlin ist neben Tel Aviv zumindest unter den größeren Nummern in der Welt dabei.

Es geht immer weiter und immer schneller. Cisco hat kürzlich ein Büro eröffnet. Beim Start-up-Center der Telekom am "Winterfeldtplatz" sagt man angeblich, man sitze am "Silicon Platz". Und die im Valley wiederum reden angeblich von Industry 4.0 ausgesprochen Vier-Punkt-Null, weil man dort mit Interesse beobachtet, wie die Germans gerade ihre industrielle Basis digitalisieren. Nicht nur in Berlin übrigens, auch in Aachen oder Karlsruhe.

Man muss das alles mit einer gewissen Portion Nüchternheit sehen. Vieles davon ist aufgeblasen und übertrieben, um die eigenen Geschäfte zu befördern. Doch ist der Hype eben nicht völlig übertrieben.

Im hippen Kreuzberg, gleich neben einem Autohaus, steht das Betahaus, eines jener Zentren, in denen die junge digitale Wirtschaft vibriert. Auf 3000 Quadratmetern und mehreren Etagen sitzen mehr oder weniger durchgewürfelt typische Fuselbart-Nerds neben den schicker angezogenen Mitarbeitern von großen Konzernen, die dort lernen sollen, wie es geht, das Geschäft in der digitalen Welt. Und das alles im typischen Look aus Sperrholz-Brettern, alten Stühlen, nacktem Beton.

Das Betahaus ist darauf spezialisiert, jungen angehenden Unternehmern oder Jung-Unternehmern Arbeitsplätze zu bieten. Sie treffen dort Geldgeber oder Vertreter großer Unternehmen. Sie lernen, wie man eine Idee verkauft und wie man sich dabei besser nicht anzieht. Coworking Space heißt das. Wenn die Mitglieder des Betahaus mögen, können sie sogar lernen, wie man die Holzstühle repariert.

"Im Silicon Valley", sagt Betahaus-Mitgründerin Madeleine Gummer von Mohl, "kam ich mir vor wie in einem Start-up-Museum. Facebook, Twitter und so, das sind etablierte Unternehmen, keine Garagen-Firmen mehr". Wenn sie Klagen über Deutschland höre, wundere sie sich: "Wir haben die Garagen. Hier entstehen die großen Firmen der Zukunft. Wir sind ein Gravitationszentrum. Und wenn einer scheitern kann, dann wohl die Berliner."

Das Amazon der Stahlbranche

Doch warum gibt es dann kein deutsches Google oder Facebook? Warum ist und bleibt SAP die einzig nennenswerte Softwarefirma? Ist es doch alles Hype und die Deutschen können es nicht?

Vielleicht können sie es, aber auch einfach nur anders. Der Chef des Stahlhändlers Klöckner, Gisbert Rühl, ist wahrscheinlich der Vorzeige-Manager der Industrie 4.0, was nichts anderes heißt als die Umstellung der klassischen Industrieproduktion auf die digitalisierte Wirtschaft. Auch er war in Kalifornien. "Ich war nicht so sehr beeindruckt", sagt er. In Deutschland habe die Industrie im Vergleich zur US-Konkurrenz viel mehr Möglichkeiten, die Digitalisierung erfolgreich zu bestreiten. "Berlin wird kein zweites Silicon Valley werden." Muss auch gar nicht.

Klöckner versucht zu einer Art Amazon der Stahlbranche zu werden, und die ersten Schritte dazu lernten Rühl und sein Unternehmen eben nicht im Silicon Valley, sondern im Betahaus, wie er auf dem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung erzählt. Er war selbst dabei, eine ganze Woche lang, nicht im Kapuzenpulli, sondern in Hemd und Krawatte. "Man muss das einfach selbst kennenlernen, um zu verstehen, wie es gelingt, dass Projekte viel schneller fertig werden."

"Die Digitalisierung müssen die Unternehmen schon selbst hinkriegen"

Was fehlt ist das Geld. Christian Bogatu, dessen Firma Kiwi daran arbeitet, automatische Schlüssel für Zusteller und Briefträger herzustellen, sagte auf dem Wirtschaftsgipfel, dass es zwar kein Problem wäre, Startkapital zu generieren. "Schwierig wird es, wenn man für den nächsten Wachstumsschritt zehn oder zwanzig Millionen Euro bekommen will." Auch Gummer von Mohl nennt "Geld" als den größten Nachteil, den Berlin im Vergleich zum Silicon Valley noch habe.

Es gibt keinen Grund zu warten, findet Rühl. "Auch wenn die Rahmenbedingungen hier in Deutschland noch nicht stimmen." Die Politik könne einem dabei zwar helfen. "Die Digitalisierung müssen die Unternehmen schon selbst hinkriegen."

Für Taulia-Gründer Markus Ament sieht die Welt anders aus, das Valley hat seinen Reiz verloren. Seine Technologie, ein Anreizsystem, mit dem Lieferanten früher ihr Geld bekommen und Konzerne umso mehr Geld sparen, je früher sie bezahlen, ist gereift. Gerade ist das Unternehmen in Deutschland gestartet. Und kürzlich hat Ament neue Software-Entwickler eingestellt - in Sofia, Bulgarien. "Im Valley", sagt er, "müssen Sie heute astronomische Gehälter zahlen, die Mieten sind extrem teuer und im Zweifel finden sie nicht die richtigen Leute." Die arbeiten oft lieber bei Konkurrenten, die mehr zahlen können und mit Aktienoptionen locken. "Das ist inzwischen schon eher ein Standortnachteil", sagt Ament.

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Quelle:
SZ vom 21.11.2015
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