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Schweden:Für deutsche Ohren mag es nach Überwachungsstaat klingen

Was den Einwanderer Müller sehr wundern dürfte, ist, dass sein Chef, der im Stockholmer Villenvorort Danderyd lebt, nur 29,45 Prozent Einkommensteuer auf seine ersten 48.000 Euro im Jahr zahlt - also fast drei Prozentpunkte weniger als Müller und seine Nachbarn in Södertälje. Die Einkommensteuer wird in Schweden von den Gemeinden und den Provinzverwaltungen erhoben. Und die können innerhalb gewisser Grenzen die Höhe festsetzen. Die Unterschiede mögen ungerecht erscheinen. Vermutlich ist die regionale Verankerung aber ein wichtiger Grund dafür, dass Steuern in Schweden eine hohe Akzeptanz genießen.

Denn die Steuerdebatten, die für den einzelnen Bürger die größte Bedeutung haben, werden in Schweden sozusagen vor der Haustür geführt. Soll die Gemeinde ihren Steuersatz erhöhen und dafür die Grundschule renovieren? Sollte man auf den neuen Kindergarten verzichten? Soll die Provinzregierung das Krankenhaus privatisieren, um Steuern zu senken? Solche Entscheidungen wirken sich direkt auf den Geldbeutel der Bürger aus. Und selbst der Einwanderer Müller darf als EU-Bürger schon bald bei Kommunalwahlen in diesen Fragen mitbestimmen. Für die direkte Einflussmöglichkeit auf ihr Steuersystem nehmen die Schweden gerne in Kauf, dass die Steuersätze zwischen den Gemeinden ein bisschen schwanken.

Die größte Überraschung wird Müller vermutlich erleben, wenn er das erste Mal das Formular für seine Einkommensteuererklärung zugesandt bekommt. Denn: Das meiste ist schon ausgefüllt. Und zwar nicht nur in den Feldern für die Einnahmen. Das Skatteverket ist so fürsorglich, auch die Felder für die Steuerabzüge auszufüllen. Wenn Müller sich etwa ein Haus auf Kredit gekauft hat, dann wird in dem Steuerformular bereits stehen, welchen Betrag er für die Zinsen von der Steuer absetzen kann. Wenn er einen Handwerker beschäftigt, dann bekommt er vom Finanzamt einen Teil der Kosten zurück - eine Maßnahme gegen Schwarzarbeit, und auch dies wird schon in dem Formular stehen.

Ratgeber und Steuerberater überflüssig

Ein schwedischer Normalverdiener braucht, wenn nichts Unvorhergesehenes wie etwa eine Erbschaft dazwischenkommt, keinen Steuerberater, keine Ablagestapel mit Quittungen, noch nicht einmal ein Ratgeberbuch, um seine Pflichten gegenüber dem Fiskus zu klären. Viele benötigen nicht mehr als ein paar Minuten Zeit und ein Mobiltelefon. Wenn auf dem Formular des Finanzamtes alles korrekt ausgefüllt ist, kann der Steuerzahler der Behörde nämlich einfach per SMS mitteilen, dass er einverstanden ist - damit ist die jährliche Einkommensteuererklärung dann abgehakt. Mehr als 750.000 Schweden deklarierten in diesem Jahr per SMS. Die überwiegende Mehrheit nutzt das Internet. Nur etwa ein Drittel der 7,6 Millionen Steuerpflichtigen schickte überhaupt noch ein Formular per Post.

Für so viel Service gibt es sogar Lob vom Bund der Steuerzahler. "Das Skatteverket hat wirklich große Anstrengungen unternommen, um das Verfahren einfach und praktisch zu gestalten", sagt Arvid Malm. Es sei wichtig für die Steuermoral, dass die Kommunikation mit dem Amt einfach sei.

Zwei Voraussetzungen seien entscheidend für die Kundenfreundlichkeit, erläutert er. Erstens kenne das schwedische Steuerrecht nur sehr wenige Ausnahmeregeln. So gibt es zum Beispiel keine unterschiedlichen Steuerklassen, es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten, Dinge abzusetzen, und das Ehegattensplitting wurde bereits vor über 30 Jahren abgeschafft. All das vereinfacht das Steuernerklären natürlich.

Zweitens, sagt Malm, sei es wichtig, dass das Finanzamt umfassenden Zugang zu den Daten der Bürger habe. Das Skatteverket bekommt Daten nicht nur von anderen Behörden, sondern auch von den schwedischen Banken. Nur mithilfe dieser Daten kann der Fiskus seine Steuerformulare für die Bürger schon fertig ausfüllen.

Für deutsche Ohren klingt das gefährlich nach Überwachungsstaat. Aber Malm sagt, es gebe eigentlich keine Diskussion darüber, die Befugnisse des Finanzamtes einzuschränken. "Der praktische Nutzen für die Bürger wiegt einfach mehr als der mögliche Integritätsverlust", sagt er. Es ist wohl so, dass viele Schweden zwar gerne ihre Steuern bezahlen. Aber sie möchten sich nicht stundenlang damit beschäftigen.

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