Weltraumbahnhof in Schottland Dem Himmel so nah

Rocket Man: In der Einöde hinter Projektleiter Roy Kirk soll bald ein Weltraumbahnhof stehen. Schon 2021 könnten die ersten Raketen abheben, wenn alles nach Plan läuft.

(Foto: Björn Finke)
  • Bislang werden Satelliten nur von anderen Kontinenten aus in den Orbit geschossen.
  • Das könnte sich ändern: Womöglich werden Raketen künftig auch vom Norden Europas aus starten.
  • Gleich drei Orte in Schottland hatten sich für das Vorhaben beworben.
Von Björn Finke

Die Landstraße windet sich durchs Torfmoor. Das Gras und die Heide rechts und links sind jetzt, im November, braun-gelb, am Horizont faltet sich die Ebene zu kahlen Hügeln auf. Ein paar Schafe grasen am Straßenrand. Dann hält das Auto an. Roy Kirk steigt aus und weist auf eine kleine Anhöhe im Nirgendwo. "Dahinter wollen wir den Komplex bauen", sagt er. "Von der Straße aus wird man nicht viel sehen." Der Komplex, das ist Europas erster Weltraumbahnhof. Dort, auf der Halbinsel A'Mhòine an Schottlands rauer und dünn besiedelter Nordküste, sollen von 2021 an Raketen Satelliten ins All transportieren. Das ehrgeizige Projekt leitet Kirk, ein freundlicher 60-Jähriger, der zum Anzug die hier unverzichtbaren Wanderschuhe trägt.

Satelliten werden bisher nur auf anderen Kontinenten in den Orbit geschossen: Die europäischen Ariane-Raketen heben in Französisch-Guayana ab, die Russen nutzen das Kosmodrom Baikonur in Kasachstan, und die amerikanische Nasa lässt in Cape Canaveral in Florida die Erde erbeben. In diese illustre Reihe soll sich bald der Sutherland Spaceport einreihen. In Sutherland, einer Grafschaft in den schottischen Highlands, liegt die Halbinsel, auf der Kirk den Startplatz errichten will. Die Grafschaft ist doppelt so groß wie das Saarland, hat jedoch nur 13 500 Einwohner. Dafür gibt es viel unberührte, wunderschön karge Natur. Sogar Adler brüten da. Nach Inverness, der nächsten Stadt, sind es gut zwei Stunden mit dem Auto über schmale Straßen, zur schottischen Kapitale Edinburgh sind es fünf.

Im Café eines kleinen Hotels in der Nähe der Halbinsel klappt Kirk seinen Laptop auf und öffnet Google Maps. Auf der Karte zeigt er den Standort des Spaceports und die geplanten Flugrouten. "Die Raketen heben direkt an der Küste ab und fliegen gen Norden - und damit über das Meer und nicht über Siedlungen", sagt er. "Über dem Meer erreichen sie das All. Das ist ideal." Kirk hofft, dass nicht nur Satelliten aus Großbritannien, sondern aus ganz Europa von Schottland aus ihren Weg in den Orbit antreten: "Das hier ist Europas Startplatz." In Deutschland könnten der Bremer Satellitenhersteller OHB oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt von Sutherland profitieren, sagt er.

Raketen können die Satelliten binnen Minuten in den Orbit bringen

Kirk arbeitet für Highlands and Islands Enterprise (HIE), die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für diese Region Schottlands. Der Durchbruch kam im Sommer. Da entschied die britische Regierung, das Projekt mit 2,5 Millionen Pfund zu unterstützen. Sutherland setzte sich gegen zwei konkurrierende Vorhaben aus dem Norden Schottlands durch: Auch auf den Äußeren Hebriden und auf den Shetlandinseln gibt es Ideen für Startplätze. Aber London erschien ein Spaceport auf dem Festland vielversprechender. "Raketen auf kleine Inseln zu transportieren, ist aufwendiger", sagt Kirk.

Die Regierung will mit dem Spaceport die heimische Raumfahrtindustrie fördern - und vom Boom bei kleinen Satelliten profitieren. Die meisten Satelliten im All haben die Ausmaße von Telefonzellen oder Autos, und an ihnen hängen meterlange Paneele mit Solarzellen. Doch in den vergangenen Jahren wurden immer mehr Mini-Himmelskörper in den Weltraum geschossen: Solche Cubesats oder Würfelsatelliten sind oft nur so groß wie Schuhkartons und wiegen wenige Kilogramm. Sie beobachten die Erdoberfläche oder übertragen Daten in abgelegene Gebiete. Die Schrumpfkur ist möglich, weil Computerchips, Batterien, Sender und Solarzellen viel leistungsfähiger sind als früher.

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Großbritannien ist einer der wichtigsten Hersteller von Mini-Satelliten. Dies verdankt das Königreich vor allem einer Stadt: Glasgow. Die schottische Industriemetropole, die einen langen Niedergang erlebt hat, ist heute führend bei Würfelsatelliten. Nirgendwo sonst in Europa werden mehr Himmelskörper gefertigt - bloß sind diese eben sehr klein. Bislang werden diese Geräte aber auf anderen Kontinenten ins All geschossen, etwa in Baikonur oder China. Ein Spaceport in Schottland würde Starts viel einfacher und billiger machen.