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Betrugsverdacht:Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Radiologie-König

Lukrative Diagnostik: Im Medizinimperium von Winfried Leßmann werden pro Jahr mehr als 700000 Patienten in Computertomografen und Kernspin-Geräten durchleuchtet.

(Foto: imago stock&people)

Gemeinsam mit seiner Frau soll Winfried Leßmann mit Röntgen-Kontrastmitteln unrechtmäßig mehrere Millionen Euro nebenher verdient haben.

Von Markus Grill

Winfried Leßmann gilt als König der Radiologen in Deutschland. Mit seiner Praxiskette Med360° betreibt er Radiologien in mehr als 20 deutschen Städten, in denen mehr als 700 000 Patienten pro Jahr in Computertomografen und Kernspin-Geräten durchleuchtet werden. 200 Millionen Euro Umsatz peilt die Firma dieses Jahr an. Selbst die Unternehmen des berühmten Radiologen und Nuklearmediziners Dietrich Grönemeyer, Bruder des noch berühmteren Sängers Herbert Grönemeyer, gehören inzwischen zum Imperium des geschäftstüchtigen Mediziners Leßmann.

Doch womöglich war Leßmann in den vergangenen Jahren ein wenig zu geschäftstüchtig. Denn nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen ihn und seine Ehefrau Dagmar Diwo-Leßmann wegen des Verdachts auf Betrug (Aktenzeichen 115 JS 187/20). Die Leßmanns sollen mit Röntgen-Kontrastmitteln unrechtmäßig mehrere Millionen Euro nebenher verdient zu haben. "Weitere Informationen können aus ermittlungstaktischen Gründen nicht gemacht werden", teilt der Kölner Staatsanwalt René Seppi per E-Mail mit.

Konkrete Fragen zum Fall lässt auch Winfried Leßmann unbeantwortet. Über seinen "Medienberater" Klaus Kocks, der auch Frau Leßmann vertritt, lässt er lediglich mitteilen: "Sie werden keine öffentliche Kommentierung in einem schwebenden Verfahren erwarten." Auch zu Branchengerüchten, dass Leßmann trotz des Ermittlungsverfahrens in diesem Jahr vor einer weiteren größeren Übernahme steht, teilt Kocks nur mit: "Kein Kommentar". Kocks selbst war einst Kommunikationsvorstand bei VW und hatte zuletzt auch die Firma "Lunapharm" beraten, die im Verdacht steht, illegale Arzneimittel in Deutschland vertrieben zu haben.

Ende Februar dieses Jahres hatten die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR erstmals über die Kontrastmittel-Geschäfte der Leßmanns berichtet. Nach Bekanntwerden des Falls erstattete die Krankenkasse KKH Strafanzeige gegen Leßmann. Bei den Vorwürfen geht es um Folgendes: Die zahlreichen zu Leßmann gehörenden radiologischen Praxen sollen jahrelang ihre Kontrastmittel bei der kleinen Firma "Radiomed - Service für radiologische Großpraxen" bestellt haben. Die Firma gehörte zu mehr als 90 Prozent Leßmanns Ehefrau Dagmar Diwo-Leßmann, heute gehört ihr laut Bundesanzeiger noch gut die Hälfte, der Rest den erwachsenen Kindern des Paares. Bei Winfried Leßmanns Med360° sind inzwischen auch der Sana-Klinikkonzern und der Gerätehersteller Philips Anteilseigner.

5000 Euro Gewinn pro Liter Kontrastmittel

Kontrastmittel waren für Händler lange Zeit ein äußerst lukratives Geschäft in Deutschland. Firmeninterne Unterlagen von Pharmaunternehmen belegen, dass Zwischenhändler zum Beispiel einen Liter MRT-Kontrastmittel für 1000 Euro einkaufen, aber für 6000 Euro bei den Krankenkassen abrechnen konnten, was einen Gewinn von 5000 Euro pro Liter ergab. Nachdem SZ, NDR und WDR im vergangenen Jahr diese Profite aufgedeckt haben, weigerten sich viele Krankenkassen, die überhöhten Preise weiter zu bezahlen und senkten die Pauschalen teils drastisch.

In einem Interview des Fernsehmagazins Panorama hat Leßmann vor einem Jahr versichert, "dass alle diese Dinge, die hier in der Vergangenheit gemacht wurden, nach deutschem Recht und Gesetz völlig in Ordnung sind". Schließlich habe er auf die Verordnungen gar keinen Einfluss genommen. Eingeräumt hat er aber, dass die Kontrastmittel-Rezepte aus seinen Praxen "bis Ende 2016" tatsächlich an die Firma seiner Frau flossen, die als Großhändlerin die Mittel dann günstig einkaufen und bei den Kassen zum deutlich höheren Listenpreis abrechnen konnte.

Winfried Leßmann, betreibt Radiologien in mehr als 20 deutschen Städten.

(Foto: oh)

2018 habe die Firma seiner Frau die Großhandelserlaubnis aber zurückgegeben, so Leßmann. Heute handele Radiomed nicht mehr mit Kontrastmitteln, sondern unter anderem mit Immobilien und Computerfirmen. Laut der neuesten im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz verfügt sie über ein erstaunliches Vermögen: Neben einem Jahresüberschuss von 17 Millionen Euro weist sie Finanzanlagen von mehr als 46 Millionen Euro aus - und das alles bei nur drei Mitarbeitern. Wie viel des Millionenvermögens aus dem Handel mit Kontrastmitteln stammt, ist unklar.

Dina Michels, die Korruptionsbeauftragte der Krankenkasse KKH, die nach Bekanntwerden der Firmenverflechtungen Strafanzeige erstattet hat, begrüßt die neue Entwicklung im Fall Leßmann: "Wir freuen uns sehr über das eingeleitete Ermittlungsverfahren und hoffen auf zeitnahe Ergebnisse." Schließlich hält Michels die Kontrastmittel-Einkäufe bei einer Firma, die der eigenen Ehefrau gehört, für "hochproblematisch". Denn Ärzte sollen ja nicht an der Verordnung von Kontrastmittel verdienen, so Michels. "Und wenn sie dieses Geschäft über die Ehefrau machen, dann verdienen sie über diese Verbindung eben doch wieder an den eigenen Verordnungen."

Auch Thomas Fischer, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof (BGH) und Verfasser eines maßgeblichen Kommentars zum Strafrecht, kritisierte, dass Winfried Leßmann als Chef der Unternehmensgruppe davon profitiere, wenn seine Frau hohe Gewinne mit den Kontrastmittel-Rezepten aus den Praxen der Med360° mache. Die von Leßmann selbst behauptete angeblich strikte Trennung von seinem Radiologie-Imperium und der Handelsfirma seiner Ehefrau sei "ein relativ unredliches Argument, weil es die eigentliche Motivation nur sehr unzureichend wiedergibt", so der ehemalige BGH-Richter.

© SZ vom 14.08.2020
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