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Westjordanland:Wie ein Palästinenser sein eigenes Silicon Valley baut

Palestinians Work On New City To Be Built In The West Bank

Der Unternehmer Bashar Masri, 57, hat ein großes Ziel: erst die Stadt, dann der Staat.

(Foto: Uriel Sinai/Getty Images)

Die Reißbrett-Siedlung soll ein Tech Hub mitten im Westjordanland werden. Im Coworking-Space stehen 3D-Drucker, das Amphitheater ist fertig, der Swarovski-Laden hat geöffnet. Und trotzdem wirkt Rawabi wie eine Geisterstadt.

Reportage von Alexandra Föderl-Schmid, Rawabi

Schicke Lampen, Designermöbel, Flipcharts, grüne Sitzkissen, coole Loftatmosphäre - wer dieses durchgestylte Coworking-Space betritt, könnte meinen, im Silicon Valley zu sein, in London, Berlin, Tel Aviv oder irgendeinem anderen der angesagten Start-up-Zentren dieser Welt. Doch dieser Raum hier liegt nicht im Silicon Valley, sondern mitten im von Israel besetzten Westjordanland. Wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man Baustellen und halb fertige Häuser. Rawabi, nur zehn Kilometer von Ramallah, dem Sitz der Autonomieregierung, entfernt, ist die erste palästinensische Stadt, die auf dem Reißbrett entstanden ist - seit acht Jahren wird daran gebaut.

Der Palästinenser Bashar Masri will hier seine Vision verwirklichen: zuerst eine Stadt, dann ein Staat. Von dem bereits fertigen "Tech-Hub" soll die Entwicklung ausgehen. "Das ist der Katalysator für unsere Start-up-Nation", erklärt der Geschäftsmann, der auch einen US-Pass hat. Mit seinem weit verzweigten Firmenimperium und Projekten in Marokko, Jordanien und Ägypten ist er zum Multimillionär geworden, jetzt will er seiner Heimat etwas zurückgeben.

Seine Vision fasst er in einen Satz: "Hier entsteht ein palästinensisches Silicon Valley, wo man leben, arbeiten und wachsen kann." 40 000 Menschen sollen einmal in Rawabi wohnen, 5000 Arbeitsplätze im Hightech-Bereich entstehen. Rawabi, so Masri, könnte der Startschuss für einen "Marshallplan für Palästina" sein.

Es ist ein höchst riskantes Experiment. Seit mehr als 50 Jahren ist das Gebiet von Israel besetzt. Immer wieder flammen Konflikte auf, gibt es neue Schikanen der Israelis, klagen die Palästinenser. 2,6 Millionen Palästinenser leben im Westjordanland und inzwischen rund 600 000 jüdische Siedler, deren Zahl stetig zunimmt, auch das ist immer wieder Anlass für Konflikte. Vor allem aber: Es fehlen Jobs. Etwa 18 Prozent der Palästinenser im Westjordanland sind arbeitslos, unter denen, die jünger als 24 Jahre sind, ist es fast jeder Dritte.

Das will Masri ändern, vor allem den jungen Palästinensern, viele von ihnen gut ausgebildet, eine Chance bieten. Sein Manager Mahmoud Thaher erklärt, was man von diesem "Tech-Hub" erwartet: "Hier liegt das größte Potenzial. Von Outsourcing bis zu Forschung und Entwicklung, für lokale, überregionale und internationale Unternehmen, alle können hier eine Firma aufmachen oder Mitarbeiter finden."

Silicon Wadi Rawabi, Palästina

Silicon Wadi Rawabi, Palästina Mahmoud Thaher , Q Center Rawabi

(Foto: Alexandra Föderl-Schmid)

Platz dafür ist vorhanden. Im Coworking-Space Connect, das ein ganzes Stockwerk umfasst, sind nur drei der rund fünf Dutzend Arbeitsplätze besetzt. Dabei preist der zuständige Manager Zaid Salem die Ausstattung an: "Superschnelles Internet, 3-D-Drucker, technische Unterstützung, zehn kleinere Büros und drei Besprechungsräume. Start-ups, Unternehmer und Einzelkämpfer können sich hier vernetzen." Ein Luxus, von dem man im übrigen Westjordanland nur träumen kann.

Und dennoch fehlt es an Nachfrage. Im ganzen Haus haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahren lediglich vier Start-ups angesiedelt - und auch da musste Masri ein wenig nachhelfen. Immerhin: Eines der Start-ups, Imagry, ist sehr erfolgreich, in Zusammenarbeit mit Samsung entwickelt es Software und Technologien für autonomes Fahren.

Auf solche Unternehmen setzt Masri für die Zukunft: Seinen Vorstellungen zufolge könnten Tech-Konzerne wie Google, Microsoft oder Intel hier Innovationszentren einrichten, ein Private-Equity Fonds soll Kapital für Start-ups bereitstellen und ein Rawabi-Institut für die Fortbildung der Arbeitskräfte sorgen. Dann, davon ist der energiegeladene 57-Jährige überzeugt, werden die palästinensischen Gebiete nicht mehr vorwiegend mit Aufständen und Problemen assoziiert, sondern weltweit auch als Hightech-Standort wahrgenommen.

Seine Zukunftspläne trägt Masri mit so viel Begeisterung vor, dass man ihm Realitätsverweigerung oder Mut attestieren muss. Vielleicht braucht es beides, wenn man sich die bisherige Entstehungsgeschichte von Rawabi anschaut.

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