Gaza-Konflikt Keine Zeit für Angst

160 Ziele bombardierte Israels Luftwaffe im Gazastreifen – darunter in der Nacht zum Dienstag auch ein Gebäude des Hamas-nahen Fernsehsenders Al-Aksa-TV.

(Foto: Mahmud Hams/afp)

Die Bewohner der israelischen Kommunen nahe dem Gazastreifen fordern: Der Kreislauf der Gewalt muss endlich durchbrochen werden. Auf den Raketenhagel der Hamas reagieren sie trotzdem erstaunlich gelassen.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Kfar Aza

Mitten im Gespräch bricht Haim Jelin ab, seine Handy gibt Sirenengeräusche von sich: Raketenalarm! Der drahtige 60-jährige Knesset-Abgeordnete sprintet zu seinem grauen Toyota und braust davon. Alle anderen laufen zum weißen, kuppelförmigen Bunker, der am Rande des Geländes neben einer Tankstelle steht. Vor wenigen Minuten noch hatte Liora Yerday im nur wenige Meter entfernten Geschäft hinter der Kasse versichert, keine Angst zu haben. "Wir sind das gewohnt. Wir haben gute Schutzräume." Die junge äthiopische Jüdin verweist auf die Rückseite des Hauses. In der Ecke neben dem Eingang im Geschäft hängt ein TV-Schirm, auch im leeren Restaurant nebenan ist die Liveberichterstattung über die Ereignisse rund um den Gazastreifen so laut gestellt, dass man es bis auf die Straße hören kann.

Dabei bräuchten sie alle hier nur auf die Rückseite ihrer Häuser zu gehen, dann können sie sich selbst ein Bild machen. Von dort, einer leicht erhöhten Stelle beim Kibbuz Kfar Aza, sind es nur etwa vier Kilometer bis zur Grenze. Mehrere Zäune sind zu sehen, dann Wüstensand und dahinter die Hochhäuser der Stadt Dschabaliya im Gazastreifen. Gelegentlich steigen Rauchsäulen auf. Immer wieder gibt es Detonationsgeräusche, Flugzeuge und Hubschrauber sind zu hören, an zwei weiße Ballone sind Drohnen montiert, die in Richtung Gazastreifen gerichtet sind.

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Von dort sind seit Montag 16.30 Uhr mehr als vierhundert Raketen Richtung Israel abgefeuert worden. Es ist der heftige Raketenhagel, der seit dem Ende des Gazakriegs im Sommer 2014 auf die Kommunen entlang der Grenze niedergegangen ist. Die Nacht zum Dienstag mussten die Menschen hier im Schutzraum verbringen, dennoch reagieren sie auch am Dienstagmorgen erstaunlich gelassen.

Nach wenigen Minuten ist der Alarm vorbei und jeder geht seiner Wege. Yerday steht nun wieder hinter der Kasse, zwei Männer holen sich Kaffee und setzen sich an einen Tisch im Freien. In der nächsten Viertelstunde halten fünf Fahrzeuge zum Tanken an der heute wenig befahrenen Straße 232. Der Fahrer eines Lieferwagens stoppt und räumt ein Dutzend Kisten in den Lagerraum auf der Rückseite des Geschäfts. "Ich muss meine Arbeit machen", sagt er. Ob er Angst habe? "Nein! Keine Zeit!" Zwei orthodoxe Juden sind von der 70 Kilometer entfernten Stadt Bet Schemesch angereist, "um zu sehen, was los ist".

Das einzige Opfer auf der israelischen Seite der Grenze ist ausgerechnet ein Palästinenser

Mehr Schaulustige drängen sich in Aschkelon, einer Küstenstadt mit 130 000 Einwohnern, um jenes vierstöckige Wohnhaus, in das Montagabend eine Rakete eingeschlagen hat. Die Leiche eines Mannes wurde von einem Fotografen unter einer eingestürzten Mauer entdeckt, die Rettungskräfte hatten das Haus zu dem Zeitpunkt schon mit zwei schwer verletzten Frauen verlassen. Die Identität des Mannes wurde Dienstag bekannt gegeben: Ein 48-jähriger Palästinenser aus Halhul bei Hebron, der in Israel arbeitete. Einen weiteren Schwerverletzten gab es nach einem Angriff auf einen Bus, der zum Transport von Soldaten eingesetzt war. Jelin, der Politiker der liberalen Jesch Atid-Partei, gibt Premierminister Benjamin Netanjahu die Schuld. Er kritisiert ihn dafür, das Problem mit der Hamas nicht in den Griff zu bekommen. "Und das seit Jahren!" Es könne auch nicht sein, dass die Hamas immer wieder israelische Gebiete angreife und dann plötzlich Israel einen Waffenstillstand diktieren könne, sagte der frühere Leiter des Verwaltungsrates der von den Raketen hauptbetroffenen Region Eschkol.

Jelin wohnt selbst im Kibbuz Beeri ganz in der Nähe. Viele Israelis beschäftigt, was ihre eigene Regierung nun tun wird. In den wenigen Geschäften, die im Einkaufszentrum von Sderot geöffnet haben, halten sich Befürworter und Gegner eines Angriffs die Waage. Aber die meisten in der Stadt mit 20 000 Einwohnern eilen weiter. Sderot wird wegen der vielen Schutzräume auch "Welthauptstadt der Bunker" genannt. Ein Mann bleibt kurz stehen und weist auf die Schutzanlagen ringsum. "Wir haben wenigstens welche. Aber die Menschen im Gazastreifen haben nicht einmal das. Wir brauchen Frieden, keinen neuen Krieg." Die israelische Armee bombardierte bis Dienstag 160 Ziele.

Wie mit dieser Eskalation umzugehen sei, darüber berieten 60 Kilometer Luftlinie vom Gazastreifen entfernt die Mitglieder des Sicherheitskabinetts. Auslöser für die Reaktion von Hamas und Dschihad war diesmal eine missglückte Militäroperation im Gazastreifen, bei der ein Israeli und sieben Palästinenser starben. Am Dienstag früh kamen die Regierungsmitglieder erneut im Armeehauptquartier zu Beratungen zusammen, die viele Stunden dauerten. In einer knappen Mitteilung hieß es, die Angriffe würden "nach Notwendigkeit" fortgesetzt. Am Abend kehrte dann vorläufig Ruhe ein, mehrere Palästinensergruppen hatten einseitig eine Waffenruhe erklärt, offenbar auf Vermittlung Ägyptens; auch auf israelischer Seite schwiegen die Waffen. "Irgendwann muss es eine Entscheidung geben", sagt Yerday in dem kleinen Geschäft am Rande des Gazastreifens nach einem Blick auf den TV-Schirm. "Sie werden schon das Richtige tun."

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