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Online-Handel:So nutzen Kriminelle die Corona-Pandemie für sich

Coronavirus - Spanien

Eine Freiwillige stellt Schutzmasken im Rathaus von Campo Real in der Region Madrid her.

(Foto: dpa)
  • Beliebt ist vor allem der Betrug über falsche Online-Shops. Die Betreiber bereichern sich an Kunden, die per Vorkasse zahlen oder andere Zahlungsinformationen hinterlegen.
  • Aber auch Tricks wie falsche Heilmittel oder Betrüger, die an der Haustür falsche Schnelltests gegen das Virus empfehlen, werden genutzt.

Am Rande des bayerischen Waldes scheint es noch ausreichend Atemschutzmasken zu geben. Sie sind teuer, knapp 100 Euro für zehn Stück vom Typ FFP2, aber immerhin soll es Ware eines deutschen Markenherstellers sein. Schutz-Shopping24 GmbH heißt die Firma hinter dem Angebot, sie residiert angeblich im Stadtteil Reinhausen nördlich der Donau, so steht es im Impressum ihres Onlineshops. Ein Blick ins Handelsregister allerdings zeigt: Eine Firma mit diesem Namen existiert nicht, weder in Regensburg noch sonstwo in Deutschland. Die Hotline, die auf der Webseite angegeben ist, gibt es ebenso wenig wie die angeblichen Teammitarbeiter, die für Live-Chats zur Verfügung stehen sollen.

Bei diesem Fake-Shop, der stellvertretend steht für eine beliebte Form des Online-Betrugs, gibt es keinerlei Ware. Weder die angebotenen Schutzmasken, noch das Desinfektionsmittel oder die Corona-Schnelltests. Die Betreiber verdienen trotzdem, weil sie Kunden um Vorkasse auf ein vermutlich gekapertes Konto bitten. Ist das Geld einmal dort, ist es quasi weg.

Leicht zu erkennen sind diese Fake-Shops nicht

Während sich also viele Menschen vor der Pandemie fürchten, sehen andere vor allem gute Gelegenheiten für Geschäfte: Windige Anbieter verkaufen Masken, Desinfektionsmittel oder Fieberthermometer zu absurd überhöhten Preisen oder bewerben mit irreführenden Online-Anzeigen wirkungslose Medizin als Mittel gegen das Virus. Telefonbetrüger machen Kasse, der Enkeltrick erfährt eine Renaissance. "Betrug im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Pandemie ist wahrscheinlich hoch profitabel", warnt die europäische Polizeibehörde Europol. "Kriminelle versuchen, die Sorgen und Ängste der Menschen während der Krisenzeit zu Geld zu machen." Ihre Mittel: Phishing und Computerviren, Attacken auf schlecht geschützte Rechner - oder eben Shops, die abkassieren, aber niemals Ware versenden.

Leicht zu erkennen sind solche Fake-Shops nicht. Der Versandhändler, der angeblich noch Schutzmasken vorrätig hat, wirkt zunächst seriös. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Es handelt sich um einen Fake-Shop, der schon länger bekannt ist und der bisher mit Kaffeevollautomaten lockte. Seit etwa zwei Jahren taucht er mit immer neuen Namen und Internetadressen auf. Vor gut zwei Wochen hat ihn jemand eilig zum Corona-Shop umgemodelt. Allerdings nicht sehr sorgfältig. Auf der Startseite sieht man das frühere Logo, eine kleine dampfende Kaffeetasse, und an anderer Stelle heißt es: "Ihr Spezialist für Kaffee- und Espressomaschinen".

Carola Elbrecht beobachtet das Treiben der mutmaßlichen Betrüger für die Verbraucherzentrale Bundesverband schon länger. Bei ihr landen jede Menge E-Mails von Verbrauchern, die sich melden, weil jemand vermeintlich Wucherpreise verlangt oder weil sie Betrügern aufgesessen sind. In vielen neueren Beschwerden geht es um Fake-Shops, die nie liefern, um Werbung für falsche Heilmittel oder um mutmaßliche Betrüger, die älteren Menschen an der Haustür falsche Schnelltests gegen das Virus empfehlen. "Die Betrugsmaschen sind die Gleichen, nur jetzt im neuen Gewand. Da wird jetzt alles auf das Coronavirus gemünzt", sagt Elbrecht.

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Manche Angebote sind nicht betrügerisch, sondern nur dreist

Online-Schwindel ist ein Massengeschäft: Es reicht, wenn nur ein kleiner Bruchteil der Nutzer auf die unseriösen Angebote hereinfällt, und schon kommen Tausende Euro zusammen. Durch die Coronakrise ist die Zahl der potenziellen Opfer gestiegen: Viele haben ihren Job verloren oder arbeiten in Kurzarbeit, fast überall in Deutschland sind Menschen nun zu Hause und kaufen online ein, was sie derzeit nicht mehr in Geschäften kaufen können. Das erhöht die Zahl der Unbedarften, die empfänglich sind für allerlei Tricks und Betrugsmaschen im Internet.

Bei den Onlineshops mimty.de und evenlife.de ist wenigstens der Inhaber zu finden, ein 31-jähriger Mann. Wenig tröstlich für Kunden wie Roman Engelbarts, der Schutzmasken bestellte, aber bis heute nicht bekam. "Man erwartet natürlich, dass die Masken innerhalb von zwei, drei Tagen aus einem deutschen Lager geliefert werden, weil sie ja auch gegebenenfalls akut benötigt werden", sagt Engelbarts. Eine Erwartung, die offenbar viele Kunden hatten, die sich anschließend enttäuscht und wütend auf Bewertungsportalen wie Trustpilot äußerten. Auf Nachfrage von NDR und SZ verteidigt sich der Shopbetreiber mit Hinweisen aufs Kleingedruckte: Bis zu sechs Wochen könne die Lieferung dauern, weil die Masken aus China kämen. Leider sei es "vereinzelt zu Ausfällen, Insolvenzen oder anderen unvorhersehbaren Lieferschwierigkeiten" gekommen. Mimty.de und Evenlife.de seien dennoch keine Fake-Shops, entsprechende Behauptungen seien "wahrheitswidrig". Ob überhaupt und wann er denn liefern könne, wollte der Mann nicht sagen. Die beiden Seiten sind seit dem Wochenende offline.

Bei offensichtlich gefälschten Shops wie dem Versandhandel aus Regensburg dagegen ist niemand zu erreichen. Unter den jeweiligen Adressen sind solche Shops meist nur einige Tage online. Die Hintermänner sind schwer bis gar nicht zu fassen, weder für die Verbraucherzentralen, noch für Betrogene oder die Polizei. Getäuschten Kunden bleibt nur, Anzeige zu erstatten oder einen Anwalt einzuschalten. Die Verbraucherzentrale hilft mit Musterbriefen und Beratung. Umso wichtiger sei es, sagt Verbraucherschützerin Elbrecht, sich vor dem Kauf zu informieren, woran man Betrüger erkennen kann .

Nun steht nicht jeder gleich unter Betrugsverdacht, wenn er in der Krise Kasse macht. Manche sind einfach dreist. Bei der Wettbewerbszentrale mit Sitz in Bad Homburg ist die Rede von 50 Beschwerden, die man in den vergangenen zehn Tagen erhalten habe. Die meisten beziehen sich auf Verkäufer, die mit Heilmitteln oder dem präventiven Schutz vor Covid-19 geworben haben oder es immer noch tun. Einige suggerieren, angeblich könnten bestimmte Pilze helfen, bei anderen sind es Lutschpastillen oder Gurgelwasser gegen Coronaviren. "Wer mit so etwas wirbt und damit Geld macht, macht sich selbst zum Profiteur der Krise, indem er mit der Angst der Leute arbeitet", sagt Christiane Köber, Mitglied in der Geschäftsführung der Wettbewerbszentrale. Dutzende Händler hat der Verein bereits abgemahnt.

Auf ihre Werbung und Versprechen angesprochen, reden sich die Händler heraus: Sie würden gar nicht mit einer Wirksamkeit gegen das Coronavirus werben. Es gehe vielmehr um die Stärkung des Immunsystems oder mehr um Viren im Allgemeinen, heißt es auf Nachfrage. Lediglich eine Firma behauptet in einer langen Antwort, ihr Mittel würde vor dem Coronavirus schützen. Studien zur tatsächlichen Wirkung gebe es aber nicht, dazu sei das Virus noch zu neu. Inwiefern so etwas justiziabel wäre, ist nicht leicht zu beantworten. Jedenfalls nicht so leicht wie bei Fake-Shops. Ein paar Tage noch, dann wird die Seite mit der dampfenden Kaffeetasse im Logo wahrscheinlich für eine Weile verschwinden. Sobald die Betreiber eine neue Bankverbindung haben, wird die Seite wieder auftauchen. Produkte wird sie mutmaßlich nie verschicken.

© SZ vom 07.04.2020/mxh
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