Neun-Euro-Ticket:Umsteigen? Nicht in drei Monaten

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Neun-Euro-Ticket: Der Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn fällt vielen nicht leicht, zumal die Öffis oft mit Verspätungen unterwegs sind.

Der Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn fällt vielen nicht leicht, zumal die Öffis oft mit Verspätungen unterwegs sind.

(Foto: Michael Matthey/picture alliance/dpa)

Kein Wunder, dass das Neun-Euro-Ticket den Autoverkehr kaum reduziert. Ein günstiges Angebot allein kann nicht all die Probleme lösen, die der jahrelange Fokus aufs Auto verursacht hat.

Kommentar von Christina Kunkel

Außer Spesen nix gewesen. Diesen Eindruck mag man bekommen, wenn man die jüngsten Auswertungen zum Neun-Euro-Ticket liest - oder besser gesagt die Interpretationen verschiedener Politiker dazu. So viele Menschen wie nie in Bussen und Bahnen, aber kaum weniger Pendel- oder Freizeitverkehr auf den Straßen. Das große Mobilitätsexperiment, ist es also gescheitert? Sind die Deutschen einfach beim besten Willen nicht rauszukriegen aus ihren geliebten Autos, nicht mal für läppische neun Euro? Es ist wirklich ein Armutszeugnis. Aber nicht für die, die außerhalb ihrer Freizeit den Öffis trotz Neun-Euro-Flatrate weiterhin fernbleiben. Sondern für die, die glauben, ein günstiges Ticket allein könnte alle Verkehrsprobleme lösen.

Nach drei Monaten zu sagen, das Neun-Euro-Ticket sei "unökologisch", wie es Finanzminister Christian Lindner tut, ist wohlfeil. Kein ernst zu nehmender Experte hat erwartet, dass Millionen Menschen ihre Autos stehen lassen und in Busse und Bahnen rennen. Schon gar nicht für Wege, die zuverlässig funktionieren müssen - und das sind nun mal in erster Linie die Strecken zur Arbeit, zur Schule oder zur Kita. Ganz davon abgesehen, dass es außerhalb der Großstädte für viele Millionen Menschen gar keine vernünftige Alternative zum Auto gibt: Der eigene Wagen ist bei all den Kostennachteilen eben doch für viele zuverlässiger und bequemer als die Öffis. Daran wird auch eine Mobilitätsflatrate so schnell nichts ändern - egal ob sie neun oder 69 Euro kostet.

Sein Mobilitätsverhalten ändert man nicht so schnell. Schon gar nicht, wenn Anreize fehlen

Autofahren ist ein Ritual, das sagen Verkehrsforscher, und Rituale zu verändern, braucht Zeit und Anreize. Vor allem ist ein Auto erst mal eins: allzeit exklusiv verfügbar. Der Leasingvertrag oder die Finanzierung läuft über mehrere Jahre, oder der Wagen ist schon abbezahlt. Zwölf Prozent aller Arbeitnehmer haben gar ein Dienstfahrzeug und dazu meist auch eine Tankkarte. Dass zudem Autofahrer die tatsächlichen Kosten für ihren Wagen unterschätzen, haben schon zahlreiche Studien belegt. Wenn dann die Regierung mit Tankrabatt, Dienstwagenprivileg und Pendlerpauschale noch das Signal sendet, dass Automobilität auch weiterhin unterstützt und für jeden leistbar sein soll: Welchen Anreiz gibt es dann, mit dem eigenen Ritual zu brechen?

Natürlich muss der ÖPNV so ausgebaut und verbessert werden, dass alle, die ihn nutzen können, das auch regelmäßig und gerne tun - und zwar nicht nur für den Wochenendausflug wie jetzt mit dem Neun-Euro-Ticket. Doch dazu ist viel Geld nötig und leider auch viel Zeit. Ein Umschichten von Subventionen oder Steuervorteilen, die jetzt ausschließlich Autofahrern zugutekommen, wäre dafür ein wichtiger Schritt. Im ländlichen Raum wird das Auto aber weiter eine große Rolle spielen. Dem könnte man Rechnung tragen, indem man nur noch Elektroautos begünstigt, etwa bei Dienstwagen. Oder endlich eine Zulassungssteuer mit Bonus-Malus-Regelung einführt, bei der Käufer von Spritfressern dementsprechend zur Kasse gebeten werden.

Genauso wichtig ist es aber, weiterhin diejenigen zu belohnen, die jetzt schon klimafreundlich unterwegs sind. Das sind etwa die zehn Millionen Menschen, die bereits ein Nahverkehrsabo haben. Die meisten von ihnen müssen sehr fleißige ÖPNV-Nutzer sein, sonst würde sich für sie ein Monats- oder Jahresticket gar nicht lohnen. Je weiter man pendelt, desto teurer sind diese Abos, allein die Strecke aus der Münchner Innenstadt raus in den Speckgürtel oder umgekehrt schlägt schnell mit 150 bis 200 Euro monatlich zu Buche. Für diese Menschen war das Neun-Euro-Ticket eine echte finanzielle Entlastung, ein verdientes Dankeschön. Für sie sollte es auch weiterhin günstige, regional gültige Abo-Angebote geben. Vielleicht würde so ein Dauerangebot doch noch ein paar mehr Menschen von Auto- zu zufriedenen Bahnpendlern machen.

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