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Kommentar:Comeback des Kartells

Illustration: Bernd Schifferdecker

Während westliche Ölkonzerne klimafreundlich werden müssen, lacht sich das Förderkartell Opec ins Fäustchen - und gewinnt an Macht.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Als sich die Ölminister des Förderkartells Opec diese Woche trafen, war nach kaum 25 Minuten wieder Schluss. Nicht weil sich die sonst so rauflustigen Minister wieder mal gezofft hätten, sondern weil man sich schnell handelseinig war. Zugegeben, ein bisschen Show war dabei, die versammelten Ölminister wollten ihre Schlagkraft beweisen. Aber im Grunde spiegelte das knappe Meeting die aktuelle Lage am Ölmarkt: Von Klimaaktivisten seit Jahren totgesagt, könnte die Opec bald wieder so mächtig sein wie lange nicht.

Wer genau hinschaut, kann das schon an der aktuellen Marktlage ablesen: Weil im Öffnungsrausch wieder mehr Flugzeuge fliegen, Schiffe fahren und Schlote wieder rauchen, wird plötzlich mehr Öl gebraucht als gedacht. Die sonst so geschäftstüchtigen Ölbohrer in den USA allerdings halten sich auffällig zurück. Während Anfang 2020 in den Vereinigten Staaten noch 670 Ölbohrlöcher die braune Schlacke aus der Tiefe holten, sind es aktuell gerade einmal 360. Viele der Schieferölförderer ächzen unter drückenden Schulden - und haben mit der Pandemie einen üblen Kinnhaken bekommen.

Auch die westlichen Ölmultis wie Shell, Exxon oder Chevron haben Hemmungen: Erst vergangene Woche hat ein niederländisches Gericht den Ölkonzern Shell dazu verdonnert, seine Emissionen bis 2030 um 45 Prozent zu senken, bei Exxon und Chevron drückten ökologisch gesinnte Investoren ihre Ideen durch. Die autokratischen Ölmanager von Saudi-Arabien bis Russland lachen sich ins Fäustchen: Dann steigt der Marktanteil der Autokraten - und mit ihm die Macht des Kartells.

Sprudelnde Ölquellen, sprudelnde Gewinne

Autofahrer, Anleger und Analysten müssen den unangenehmen Fakten ins Auge schauen: Nicht die börsennotierten Konzerne des Westens geben am Ölmarkt den Ton an, sondern Staatsgiganten unter der Fuchtel autokratischer Herrscher. 55 Prozent der weltweiten Ölproduktion kommt von staatlichen Firmen, ans Aufhören denkt dort niemand: Bis 2030 dürften die staatlichen Ölbürokraten sage und schreibe 1,9 Billionen Dollar investieren, um noch mehr Öl aus dem Boden sprudeln zu lassen - und damit auch die eigenen Gewinne.

Rund zwei Drittel der steigenden Energienachfrage sollten bis 2040 schließlich aus asiatischen und pazifischen Ländern kommen, die sich um Ökologie wenig scheren dürften. Auch Indien und China haben noch kein einziges Wort darüber verloren, ihren Ölverbrauch zu drosseln. Selbst wenn Öl plötzlich doch out wäre, würde der Marktanteil der Opec bis 2050 von aktuell rund 30 Prozent auf dann mehr als 50 Prozent steigen - so haben es Experten berechnet. Würden die Preise dann massiv fallen, wären viele der Öl-Autokraten dennoch entschieden im Vorteil: Ein Fass des klebrigen Rohstoffs aus dem Boden zu holen, kostet in den Golfstaaten fast nichts. Selbst wenn der Ölpreis kollabieren sollte, könnten Saudis, Iraker und Emirat-Scheiche wohl glänzende Geschäfte machen.

Man muss das Ölkartell Opec nicht mögen, die versammelten Herrscher dort sowieso nicht - aber man kann den Förderverbund nicht länger ignorieren. Schon 2016 hatten sich die Ölförderer mit Russland zur "Opec plus" verbündet, um auf der globalen Bühne an Macht zu gewinnen. In der Pandemie haben die Kartellstaaten binnen Wochen fast zehn Prozent der weltweiten Ölproduktion vom Markt genommen, um den Preis zu "stabilisieren". Und erstmals sagten notorisch klamme Länder ihre Förderkürzungen nicht nur zu, sondern hielten sie tatsächlich ein. Besser konnte das Kartell seine Schlagkraft nicht demonstrieren.

Selbst mangelnde Voraussicht kann dem Kartell niemand ernstlich vorwerfen: Öffentlichkeitswirksam wollen die Saudis ihre Wirtschaft unabhängiger vom schwarzen Gold machen, der stellvertretende russische Premier will mit der Opec gemeinsam am Thema Wasserstoff arbeiten. Und Anfang des Jahres ging der Opec-Generalsekretär sogar offen auf den neuen US-Präsidenten Joe Biden zu. Es war ein vergiftetes Gesprächsangebot, denn den Kartellstaaten kann gar nichts Besseres passieren als ein US-Präsident, der den Klimaschutz im Westen vorantreibt. Während die Produzenten dort auf die Bremse treten werden, wird im Rest der Welt das Geschäft mit den Petrodollar weitergehen.

© SZ/kö
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