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Geld:Immer mehr Banken führen Negativzinsen ein

Sparbuch

122 Banken und Sparkassen in Deutschland haben allein in diesem Jahr Minuszinsen eingeführt.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

300 Geldhäuser verlangen mittlerweile Verwahrentgelte von ihren Kunden. Der Minuszinssatz einer Bank erreicht einen neuen Rekordwert.

Von Harald Freiberger

Seit fast sieben Jahren gibt es nun schon Negativzinsen, doch einen solchen Anstieg haben die Fachleute des Finanzportals Verivox noch nie festgestellt: 122 Banken und Sparkassen in Deutschland haben allein in diesem Jahr Minuszinsen eingeführt. Die Zahl aller Geldhäuser, die von ihren Kunden ein Verwahrentgelt verlangen, liegt nun bei 300. Das entspricht einer Zunahme um zwei Drittel binnen drei Monaten.

"Die Dynamik bei den Negativzinsen hat sich in diesem Jahr noch einmal deutlich verschärft", sagt Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox. Aktuell kämen fast täglich weitere Banken hinzu. Die meisten Institute berechnen ihren Kunden 0,5 Prozent Negativzinsen auf Guthaben, die diese auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto liegen haben. Das ist der Zinssatz, den auch die Europäische Zentralbank (EZB) Geschäftsbanken berechnet, wenn sie bei ihr kurzfristig Geld parken.

Das Finanzportal ermittelt die Zinssätze von 1300 Banken und Sparkassen, indem es die Konditionen vergleicht, die sie im Internet ausweisen. Im März registrierte Verivox einen neuen Rekord: Die PSD Bank Rhein-Ruhr berechnet Privatkunden einen Minuszins von 1,0 Prozent, wenn sie auf dem Tagesgeldkonto mehr als 500 000 Euro anlegen.

Die Pandemie hat den Trend noch beschleunigt

Nach Einschätzung von Verivox hat Corona den Trend zu negativen Zinsen beschleunigt. "In der Pandemie legen viele Verbraucher ihr Geld lieber aufs Konto, statt es auszugeben", sagt Maier. Für Banken sei das ein Problem, denn sie zahlen selbst Strafzinsen auf überschüssige Einlagen. Je mehr Spargelder sie annehmen müssten, desto größer werde der Druck auf die Kreditinstitute, diese Kosten an ihre Kunden weiterzugeben.

"An die breite Privatkundschaft werden wir keine Negativzinsen weitergeben. Aber die Frage ist, wo das Ende der Breite ist", sagte kürzlich die Privatkunden-Vorständin der Commerzbank, Sabine Schmittroth, dem Handelsblatt. "Daher werden wir uns die Höhe der Freibeträge immer wieder anschauen." Aktuell liegen sie bei 100 000 Euro.

Bei anderen Instituten geht der Trend längst zu sinkenden Freibeträgen. Als die EZB im Sommer 2014 die Negativzinsen einführte, gaben die meisten Banken diese erst ab einem Guthaben von 500 000 oder einer Million Euro an ihre Kunden weiter. In der Regel mussten nur Geschäftskunden negative Zinsen zahlen. Inzwischen sind bei vielen Banken auch Privatkunden betroffen. Der Freibetrag liegt bei den meisten Geldhäusern nur noch bei 100 000 Euro. 95 Banken berechnen ihren Kunden die Minuszinsen sogar schon ab 50 000 Euro oder weniger.

Allerdings dürfen die Banken die Negativzinsen nur von Neukunden verlangen. In laufenden Verträgen können sie das Verwahrentgelt nicht einseitig einführen. Will eine Bank auch von Bestandskunden Negativzinsen berechnen, muss sie das mit den Betroffenen individuell vereinbaren. Verivox rät in diesem Fall, die Bank zu wechseln. Es gebe immer noch Institute, die der deutschen Einlagensicherung unterliegen und für Tagesgeld bis zu 0,21 Prozent Zinsen zahlen - wohlgemerkt positive Zinsen. Im europäischen Ausland sind es bis zu 0,4 Prozent.

© SZ/mri
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