Arbeitsmarkt:Was bringt der neue Mindestlohn?

Lesezeit: 4 min

Von Samstag an gilt der Mindestlohn von zwölf Euro. Er soll Menschen mit niedrigen Einkommen helfen. Kritiker sehen ihn als Jobkiller und Inflationstreiber, Befürworter als Weg zu gerechteren Löhnen. Das sagen Betroffene und Fachleute.

Von Roland Preuß, Berlin

An diesem Samstag steigt der Mindestlohn von 10,45 auf zwölf Euro die Stunde, mehr als sechs Millionen Beschäftigte erhalten deutlich mehr Geld. Die Bundesregierung löst damit ein zentrales Wahlversprechen von Olaf Scholz (SPD) ein, Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) lobt die Anhebung als "Ausdruck der Leistungsgerechtigkeit und des Respekts vor guter Arbeit". Doch es gibt auch heftige Kritik. Zugleich wird die Minijobgrenze angehoben von 450 auf 520 Euro. Was Betroffene und Fachleute dazu sagen.

Die Beschäftigte

"Für mich steigt der Mindestlohn dieses Jahr um etwas mehr als zwei Euro. Das klingt zwar gut, aber ich habe auch mehr Abzüge auf dem Gehaltszettel - und es wird alles teurer. Wer weiß, wo das noch hinführt. Ich muss nun erst mal sehen, was von dem höheren Stundenlohn bei mir ankommt. Die Arbeit in der Gastronomie ist eben nicht gut bezahlt. In meinem Teilzeitjob arbeite ich derzeit 120 Stunden im Monat, in der Hotelküche, ich bereite das Buffet fürs Frühstück oder fürs Mittagessen zu. Der neue Mindestlohn wird mir nicht mehr Geld einbringen, denn ich arbeite nur bis zu einem gewissen Einkommen, weil mir sonst ein Teil des Lohns von meiner Witwenrente abgezogen wird. Also bleibe ich unter diesem Limit. Stattdessen werde ich mehr Freizeit haben, das ist ja auch was wert. Ich werde mich noch mehr für den Tierschutz engagieren, werde öfter wandern gehen. Finanziell lohnen sich die zwölf Euro natürlich mehr für die Leute in Vollzeit. Die jungen Kollegen bei uns im Betrieb sind schon euphorisch, die freuen sich, dass es mehr Geld gibt. Ich dagegen muss jetzt aufpassen, dass ich nicht zu viel arbeite."

Arbeitsmarkt: Katja Schröder-Stüllenberg, 64, arbeitet zum Mindestlohn in einem Hotel in der Nähe von Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

Katja Schröder-Stüllenberg, 64, arbeitet zum Mindestlohn in einem Hotel in der Nähe von Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

(Foto: privat)

Der Unternehmer

"Für uns ist der höhere Mindestlohn eine starke Belastung, er steigt zum dritten Mal dieses Jahr - und damit unsere Personalkosten im Hotel und im Restaurant. Und das in ohnehin schwierigen Zeiten: Energie wird auch für uns teurer, ebenso die Lebensmittel, sogar die Wäscherei verlangt höhere Preise. Es wird schwierig das auszugleichen, indem wir selbst die Preise erhöhen. Gerade in Krisenzeiten wie diesen bleiben da schnell die Gäste weg. Ich werde deshalb keine Mitarbeiter entlassen müssen, aber wir werden uns fokussieren müssen. Mehr auf Feiern setzen zum Beispiel und weniger auf Kaffee und Kuchen am Nachmittag, zu dem ohnehin nur wenige Leute kommen. Anderen Betrieben geht es ähnlich, eine durchgehend geöffnete Gastronomie wird künftig eher die Ausnahme sein. Für die verbleibenden Zeiten bedeutet das mehr Arbeit für die Beschäftigten. Aber anders werden wir das nicht lösen können. Hinzu kommt: Die qualifizierten Leute verdienen jetzt nicht mehr so viel mehr wie Ungelernte. Da kann man sich schon fragen: Lohnt sich eine Ausbildung noch? Wir werden also auch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die über dem Mindestlohn verdienen, über mehr Geld sprechen müssen. Ich habe Verständnis dafür, dass die Leute in dieser Lage mehr Lohn erhalten. Aber nicht für diese politisch festgesetzten zwölf Euro. Beim nächsten Wahlkampf werden Politiker noch höhere Mindestlöhne verlangen. Das wird zum Überbietungswettbewerb."

Arbeitsmarkt: Lars Schwarz, 45, betreibt ein Hotel und ein Restaurant in der Nähe von Rostock und ist Präsident des Gaststättenverbands Dehoga in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist der Anteil der Mindestlohnbezieher bundesweit am höchsten.

Lars Schwarz, 45, betreibt ein Hotel und ein Restaurant in der Nähe von Rostock und ist Präsident des Gaststättenverbands Dehoga in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist der Anteil der Mindestlohnbezieher bundesweit am höchsten.

(Foto: Dehoga MV/oh)

Die Wirtschaftsweise

"Der Zeitpunkt für einen höheren Mindestlohn könnte nicht besser sein. Gerade jetzt, bei den steigenden Preisen, wird er vielen Menschen helfen. Beschäftigten, die wenig verdienen, steht angesichts der hohen Energiepreise das Wasser ja ohnehin bis zum Hals. Da sind höhere Löhne Teil des Ausgleichs. Bei der Einführung des Mindestlohns 2015 war ich skeptisch, ich habe mehr Arbeitslose erwartet. Aber ich habe meine Einschätzung geändert, auch vor dem Hintergrund der Forschung zu diesem Thema. Ich rechne nicht damit, dass der höhere Mindestlohn Stellen kosten wird. Die Forschung zeigt: Entweder die Unternehmen geben die höheren Preise an die Kunden weiter. Wenn sie dies nicht können, steigern sie ihre Produktivität, zum Beispiel, indem sie mehr automatisieren. Und genau das brauchen wir jetzt, weil wir einen Mangel an Arbeitskräften haben in Deutschland. Deshalb finden die Menschen vergleichsweise leicht einen anderen Job. Der höhere Mindestlohn wird die Inflation zwar etwas verstärken. Andererseits ist durch die Preissteigerung der reale Anstieg des Lohns nicht mehr so hoch. Problematisch an dem Gesetzespaket ist die Ausweitung der Minijobs. So arbeiten inzwischen deutlich mehr Frauen als früher, aber häufig in Teilzeit, obwohl es oft besser wäre, wenn sie Vollzeit arbeiten würden. Das liegt auch an den Minijobs mit ihren niedrigeren Sozialabgaben, sie machen es wenig attraktiv, in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln."

Arbeitsmarkt: Monika Schnitzer, 61, ist Mitglied des Sachverständigenrats, das Gremium der "Wirtschaftsweisen" berät die Bundesregierung. Schnitzer ist Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Monika Schnitzer, 61, ist Mitglied des Sachverständigenrats, das Gremium der "Wirtschaftsweisen" berät die Bundesregierung. Schnitzer ist Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

(Foto: ---/Sachverständigenrat/dpa-tmn)

Die Autorin

"Die Menschen im Mindestlohn bekommen jetzt brutto deutlich mehr, und das brauchen sie auch dringend. Die Inflation aber wird das auffressen, so ist es jedenfalls bei denjenigen, die ich für mein Buch und für meine jüngste Fernsehdokumentation begleitet habe. Die geben ein Viertel oder ein Drittel allein für Lebensmittel aus. Und die Kosten dafür sind noch mehr gestiegen als die allgemeinen Preise. Sicher, der Staat entlastet sie auch an anderer Stelle, man wird da gründlich rechnen müssen, was in der Summe zusammen mit den höheren Löhnen übrig bleibt. Viele haben jedenfalls Angst. Dass die Regierung nun die Minijobs ausweitet, betrifft vor allem Frauen - und das ist schlecht. Ein Minijob ist der Weg in die Altersarmut, es reichen ja nicht einmal 2000 Euro im Monat, um später eine ausreichende Rente zu bekommen. Die Minijobs sind kein kluges Modell. Es ist gut, dass wir uns politisch jetzt wieder mehr mit der unteren Mittelschicht beschäftigen. Das ist nicht der Rand der Gesellschaft, das sind Millionen. Diese Menschen haben in den vergangenen Jahren das Gefühl gehabt, dass es ihnen immer schlechter geht. Sie sehnen sich nach wirtschaftlicher Sicherheit. Mit dem Mindestlohn tut sich jetzt tatsächlich etwas, aber wegen der steigenden Preise wird ihre Sehnsucht nicht erfüllt. Das ist tragisch."

Arbeitsmarkt: Julia Friedrichs, 42, ist Autorin und Journalistin. Vergangenes Jahr erschien ihr Bestseller "Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können".

Julia Friedrichs, 42, ist Autorin und Journalistin. Vergangenes Jahr erschien ihr Bestseller "Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können".

(Foto: Jürgen Heinrich/IMAGO)
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema