Soziale Mieterberatung:Schimmelige Wände? Für viele ganz normal

Kaltenmoor

Wohnkomplex im Lüneburger Sanierungsgebiet Kaltenmoor.

(Foto: Hansestadt Lüneburg)

Wer in prekären Verhältnissen lebt, hat einen schlechten Stand gegenüber seinem Vermieter. In Lüneburg soll die Arbeiterwohlfahrt helfen.

Von Joachim Göres

Lüneburg ist eine 80 000 Einwohner zählende Stadt mit Hansetradition, bekannt nicht zuletzt durch die TV-Serie "Rote Rosen". Schöne Innenstadt, kurze Wege, grüne Umgebung. Jedes Jahr sind viele Erstsemester der Universität Leuphana, an der 10 000 junge Leute studieren, auf Wohnungssuche. Auch aus der nahen Millionenstadt Hamburg zieht es nicht wenige ins beschaulichere Lüneburg. Die Folge: Freie Wohnungen sind begehrt, günstige Angebote selten, Bewerberinnen und Bewerber mit wenig Geld ohne große Chancen. "Wer in einer Wohnung mit gravierenden Mängeln lebt, der beklagt sich nicht, denn er hat Angst vor Ärger mit Vermietern und glaubt auch nicht, dass er etwas Besseres finden könnte. Für viele Menschen ist Schimmel an den Wänden normal", sagt Dominik Hacker-Bendlin. Der Sozialarbeiter der Arbeiterwohlfahrt berät im Lüneburger Stadtteil Kaltenmoor Mieterinnen und Mieter, die mit Problemen zu ihm kommen.

Kaltenmoor ist eine Großsiedlung aus den 70er-Jahren für 10 000 Menschen, in der viele Menschen leben, die auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen sind - zum Beispiel, weil sie trotz eines Jobs nicht genügend verdienen, um eine Familie zu ernähren. Diese Menschen, so die Erfahrung des Sozialarbeiters, kürzen bei Mängeln in ihren vier Wänden nicht einfach die Miete, viele verstehen auch die komplizierten Anschreiben von Vermietern nicht. Oder sie kennen ihre Rechte gar nicht, nehmen nur selten die Hilfe zum Beispiel des Deutschen Mieterbundes in Anspruch. "Und sie erdulden noch mehr als früher, weil durch Corona die Angst vor einem Verlust der Arbeitsstelle noch größer geworden ist", sagt Hacker-Bendlin.

Weil das so ist, hat die Stadt Lüneburg im August vergangenen Jahres ein besonderes Projekt gestartet: Sie finanziert für mindestens ein Jahr eine Mieterberatung durch die Arbeiterwohlfahrt in Kaltenmoor sowie im Stadtteil Am Weißen Turm, wo die AWO durch ihre jahrzehntelange Sozialberatung sowie die Kinder- und Jugendarbeit bekannt und geschätzt ist. "Soziale Probleme haben oft mit den Mietverhältnissen zu tun, deswegen ist so eine soziale Mieterberatung sinnvoll", erläutert Hacker-Bendlin.

Ein Mann aus Syrien hat die Wohnung sieben Mal gestrichen, auf eigene Kosten

Heute sucht Anas Jazmati bei ihm Hilfe. Jazmati stammt aus Syrien, lebt seit 2016 in Lüneburg und hat 18 Monate in einer 27 Quadratmeter großen Wohnung gelebt. Dort gab es Wasserschäden und Schimmel, Jazmati hat die Wohnung sieben Mal auf eigene Kosten gestrichen. Nach seinem Auszug weigerte sich der Vermieter, die Kaution in Höhe von 770 Euro komplett zurückzuzahlen - wegen vermeintlicher Mängel. "Wir schreiben dem Vermieter, dass er uns einen Kostenvoranschlag schicken soll, dann haben wir konkrete Zahlen in der Hand und können überlegen, wie wir weiter vorgehen", schlägt der Sozialarbeiter dem Ratsuchenden vor.

Jazmati, der sich gut auf Deutsch verständigen kann, freut sich, dass Hacker-Bendlin Erfahrung in solchen Angelegenheiten hat und für ihn einen Brief formuliert, mit dem er ernstgenommen wird. Bei direkten Gesprächen mit dem Vermieter war dies oft nicht der Fall. "Der konnte Hochdeutsch, hat mich aber bewusst immer auf Plattdeutsch angesprochen. Ich habe ihn nur schwer verstanden", sagt Jazmati.

Kaltenmoor

Was tun bei Problemen? Mieter-Informationen am AWO-Büro.

(Foto: Hansestadt Lüneburg)

340 Beratungen in Wohnungsfragen hat die AWO innerhalb von sechs Monaten durchgeführt. Ganz vorne bei den Themen ist der Wunsch nach Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Es folgen Fragen zu den Betriebs- und Heizkosten bei teilweise überhöhten und undurchsichtigen Abrechnungen, zu Miete und Sozialleistungen, zu Mietrückständen, Wohngeld, Energieschulden, Kündigung und Wohnungsmängeln. Bei schwierigen Fragen kann die AWO auf Experten des Deutschen Mieterbundes zurückgreifen, mit dem sie kooperiert.

"Wir bekommen so einen Überblick über die genaue Wohnungssituation und können diese Informationen an die Stadt weitergeben, die dann eine Strategie entwickeln kann", sagt AWO-Geschäftsführer Günter Wernecke. Bei den Hausbesitzern handelt es sich häufig um größere Wohnungsgesellschaften und Immobilienfonds. Wernecke hat die Erfahrung gemacht, dass sie das Engagement der AWO zugunsten der Mieterinnen und Mieter skeptisch sehen. "Aber die Vermieter merken, dass wir durch das Angehen von Problemen stabilisierend wirken, wovon letztlich auch sie profitieren", sagt Wernecke.

Vermieter, so beobachtet er, zeigten sich zunehmend reserviert gegenüber Interessenten, die die Miete nicht vollständig aus eigener Tasche aufbringen können. "Früher spielte die Sicherheit, dass das Geld vom Amt kommt, für große Vermieter eine Rolle. Heute unter Corona-Bedingungen kriegt der Vermieter zum Teil monatelang nicht die volle Miete, wenn der Mieter nicht sofort alle erforderlichen Anträge korrekt gestellt hat und sich der Leistungsbescheid und die Zahlung der Behörde verzögert. Das macht Wohnungsgesellschaften unruhig", sagt Wernecke.

Anas Jazmati hat inzwischen eine größere renovierte Wohnung in einem Hochhaus in Lüneburg gefunden, bei einem netten Vermieter. Er hofft, dass sich daran nichts ändert.

© SZ/kö
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