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Medikamente in der Tierhaltung:Vollgestopft mit Antibiotika

Der Missbrauch umstrittener Medikamente in der Massentierhaltung ist groß. Nun zeigt sich, dass 2011 deutlich mehr verfüttert wurde als bisher angenommen. Tonnenweise verwendeten Tierärzte Antibiotika. Die großen Umweltverbände sind entsetzt.

Es sind erschreckende Zahlen, die das Verbraucherschutzministerium von Ilse Aigner (CSU) in dieser Woche ganz beiläufig veröffentlicht hat. Sie zeigen, dass der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung in Deutschland weitaus größer ist als bisher angenommen. Die Pharmaindustrie hat demnach im vergangenen Jahr mehr als 1700 Tonnen der umstrittenen Medikamente an Tierärzte abgebeben ( hier online).

Hühnerhaltung auf dem Bentenrieder Hof in Prittlbach, 2011

Tierschützer und Umweltverbände werfen Viehhaltern massiven Missbrauch vor, weil Antibiotika im großen Stil auch an Tiere verfüttert werden, die gar nicht krank sind.

(Foto: DAH)

In der Branche war man bisher von maximal 1000 Tonnen Antibiotika ausgegangen. Die Zahl beruhte allerdings auf Schätzungen. Die neuen Daten stammen aus der ersten flächendeckenden Auswertung von Praxen. Sie wurden jetzt dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) vorgelegt.

"Dieses Ergebnis ist hochgradig alarmierend", sagte Reinhild Benning, Agrarexpertin vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Mittwoch. In der Intensivtierhaltung werden nach ihren Angaben über 40 Mal mehr Antibiotika eingesetzt als in deutschen Krankenhäusern und sieben Mal mehr als in der Humanmedizin insgesamt. "Wegen antibiotikaresistenter Keime sterben pro Jahr in Deutschland etwa 15.000 Menschen. Die Bundesregierung muss endlich handeln", forderte Benning. Sie sieht Verbraucher- und Agrarministerin Aigner in der Pflicht, "endlich wirksame Gesetze zu erlassen". Der BUND fordert, dass der Antibiotikaverbrauch bis 2015 mindestens halbiert wird.

Update, ergänzt am 14. September, 12 Uhr: Nachdem dieser SZ-Artikel erschienen ist, legt nun Verbraucherschutzministerin Aigner einen Gesetzesentwurf vor, der den Einsatz von Antibiotika beschränken soll. Die entsprechende Meldung finden Sie hier.

Der hohe Einsatz von Antibiotika in Hühner, Schweine- und Putenställen ist heftig umstritten. Studien belegen, dass zu viele Medikamente verabreicht werden: Eine Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen zeigte im vergangenen Jahr, dass in der Hähnchenmast 96,4 Prozent der Tiere Antibiotika erhielten. Zum Teil wurden innerhalb kurzer Zeit acht verschiedene Wirkstoffe verabreicht. Laut einer weiteren Studie aus Niedersachsen ist auch bei Mastschweinen und -rindern der Einsatz von Antibiotika stark verbreitet.

Tierschützer und Umweltverbände werfen Viehhaltern massiven Missbrauch vor, weil Antibiotika im großen Stil auch an Tiere verfüttert werden, die gar nicht krank sind. Oft reicht der Verdacht, dass etwa ein Huhn von 40.000 in einem Stall krank ist, dann werden auch alle anderen Tier prophylaktisch behandelt. Tierschützer protestieren seit Jahren gegen die brutalen Haltungsbedingungen in deutschen Ställen. 15 ausgewachsene Masthühnchen auf einer Fläche so groß wie ein Badehandtuch ist Usus in vielen Betrieben.

Massentierhaltung

Fische sind die armen Schweine

System der Massentierhaltung steht in Frage

"Hühner in großen Mastanlagen brauchen Antibiotika, damit sie überleben, bis sie schlachtreif sind", kritisierte Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder im Interview mit der SZ. "Lungenleiden und andere Krankheiten entstehen, weil zu viele Tiere auf engstem Raum im eigenen Dreck sitzen. "

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Fische sind die armen Schweine

Um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, hatte das Aigner-Ministerium Anfang des Jahres einen Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorgelegt und im April noch einmal nachgebessert. Damit wurde der Weg für eine bundesweite Datenbank freigemacht. Tierärzte müssen künftig melden, welche Mengen an Antibiotika sie eingekaufen und an welche Betriebe sie diese geliefert haben. Zwar können Behörden bislang bei Antibiotika-Missbrauch Bußgelder verhängen. Weil Verstöße aber nur schwer nachzuweisen sind, wurde in der Vergangenheit kaum Strafen verhängt. Das soll sich nun ändern. Kritiker hegen dennoch Zweifel an der Wirksamkeit der verschärften Regeln.

Beim Streit um Antibiotika geht es um weit mehr als nur die Vergabe von Medikamenten. Das System der Massentierhaltung steht in Frage. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, dass deutsche Fleischproduzenten zu einem wichtigen Lieferanten für den Weltmarkt werden. Bereits im vergangenen Jahren gingen mehr als zehn Prozent der Produktion ins Ausland. Ein umstrittenes Wachstum, dass sich nur mit zunehmenden Futtermittelimporten, vor allem Soja aus Brasilien, aufrechterhalten lässt. Auf diesem Umweg trägt auch die deutsche Fleischindustrie zur Vernichtung von Regenwäldern und Naturschutzgebieten in Südamerika bei.

Billigproduktion von Fleisch ist in Deutschland nur deshalb möglich, weil viele Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht werden - ohne Antibiotika ist das kaum machbar. Trotzdem wird der Boom der Fleischindustrie von der Politik großzügig gefördert. Benning kritisiert, " dass mit Unterstützung der Bundesregierung immer noch jährlich mehr als 80 Millionen Euro in die Förderung neuer Massentierhaltungen fließen". Der BUND fordert satt dessen, Subventionen nur noch für artgerechte Tierhaltung zu vergeben.

Beim BUND geht man davon aus, dass die bisherigen Vorschläge und Gesetzesvorhaben aus dem Agrar- und Verbraucherschutzministerium nicht ausreichen, um den Missbrauch von Antibiotika einzudämmen. Der Verband fordert Arzneimittel- und Tierschutzgesetzen deutlich zu verschärfen und auch den Bau von neuen Großställen per Gesetz stärker zu reglementieren. Zwar will der Bund das Baugesetz für Ställe novellieren. "Die zahlreichen Anlagen mit bis zu 40.000 Hähnchen sind davon bisher nicht betroffen", moniert Benning.