Machtkampf bei VW Der schleichende Abgang des Matthias Müller

Schattenriss eines Konzernlenkers: Matthias Müller, noch Chef bei Volkswagen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Der VW-Chef tat in den vergangenen Wochen so, als sei alles normal, doch die Eigentümer waren längst genervt von seinen Alleingängen. Müller soll erst diese Woche davon erfahren haben.

Von Thomas Fromm und Max Hägler

Es ist eine merkwürdige Situation, in die sich Volkswagen da hineinmanövriert hat. Der Konzern will einen Neustart und wechselt dafür sein Toppersonal aus. Aber wie soll das gelingen, wenn ein Neuanfang gleich mit einer Demontage beginnt? Am Dienstag hatte der Aufsichtsrat mitgeteilt, dass man über die "Weiterentwicklung der Führungsstruktur" rede, und meinte damit wohl vor allem, dass man Vorstandschef Matthias Müller durch den amtierenden VW-Markenboss Herbert Diess ersetzen will. Es war wie so oft in Wolfsburg: Hinterzimmergespräche, Geheimpläne - und dann der Abschuss.

Wie aber kam es dazu?

Müller selbst soll nach SZ-Informationen erst kurzfristig - am Montag oder Dienstagvormittag - erfahren haben, dass seine Zeit abgelaufen ist. Dafür, dass der Manager nichts ahnte, spricht auch seine gute Laune in den vergangenen Wochen. Sei es auf dem Autosalon in Genf, wo er viel über Elektroautos und die Zukunft sprach und damit ein Stück weit auch seine eigene Zukunft bei VW meinte, die laut Vertrag bis 2020 dauert. Sei es vor wenigen Wochen auf den Jahrespressekonferenzen des Konzerns und der Eigentümergesellschaft Porsche SE. Müller spricht über Autozölle, die Konkurrenz aus China, die Zukunft des autonomen Fahrens. Dazu die guten Zahlen, trotz Dieselaffäre.

Kurz: Müller verbreitete Normalität.

Aber nichts war normal. Nach SZ-Informationen hat der VW-Aufsichtsrat beschlossen, seine für diesen Freitag geplante entscheidende Sitzung um einen Tag auf diesen Donnerstag vorzuziehen. Grund, so Unternehmenskreise: Man wolle die öffentliche Diskussion um die Personalrochaden so schnell wie möglich beenden. So wird also an diesem Donnerstagabend der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch aller Voraussicht nach vor das Mikrofon treten, Müller kurz danken und dann seinen Nachfolger Diess loben. Neben Pötsch werden die Machthaber von VW stehen: Familienvertreter Wolfgang Porsche und wahrscheinlich Stephan Weil, der Ministerpräsident von Niedersachsen, beide Aufsichtsräte, beide Miteigentümer des Konzerns. Sie haben immer entschieden bei VW, auch dieses Mal. Im Vordergrund: der Manager, die Autos, die Dieselaffäre. Im Hintergrund: Die Geschichte einer schleichenden Entfremdung.

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Am Ende dann: Müllers Abgang.

Als der heute 64-Jährige, der seit den frühen 1970er-Jahren im Konzern arbeitet, im Spätsommer 2015 seinen Chefposten bei Porsche abgab und Martin Winterkorn an der Spitze ablöste, war er im Grunde schon ein Mann der Vergangenheit. Aber immerhin einer, der den Laden kannte und dem man so etwas wie einen Neuanfang zutraute. Müller tat das, was er in all den Jahrzehnten im Konzern gelernt hatte. Er verkaufte Autos und steigerte Absatz und Gewinn. Ganz nebenbei steuerte er den Konzern durch die größte Krise seiner Geschichte. Diesel-Ermittlungen, Milliardenstrafen, gleichzeitig immer wieder Traumrenditen. Ein Paradoxon: Das Land diskutierte über den Dieselbetrug und diesen VW-Konzern. Und gleichzeitig schien das alles an diesem Unternehmen abzuperlen.

Müller hat die Eigentümerfamilien immer wieder gereizt

Auch der Chef selbst gab sich bisweilen eher wie eine Teflon-Pfanne als wie ein mitfühlender Unternehmenslenker. Der erste große Fauxpas im Januar 2016. Am Rande der Automesse von Detroit sagte Müller einem amerikanischen Radioreporter auf die Frage nach dem Dieselskandal: Nein, man habe "nicht gelogen", man habe nur die US-Gesetze falsch interpretiert. Kürzlich noch rechtfertigte er sein hohes Gehalt, die 10,2 Millionen Euro im Jahr 2017, mit dem Argument, dass Manager ja ohnehin stets mit einem Bein im Gefängnis stünden. Und überhaupt sei eine Diskussion über hohe Managergehälter ja wohl eher etwas für eine sozialistische Planwirtschaft im Stil der DDR, sagte der gebürtige Chemnitzer, der in Bayern groß geworden ist.

Dass er sich weigerte, Dieselfahrer wie in den USA zu entschädigen, war dann eine ganz andere Geschichte. Die Eigentümerfamilien soll er gereizt haben, indem er immer wieder mal Ideen in die Welt setzte, ohne sie vorher abgesprochen zu haben. Mal hieß es, VW wolle seine Motorradmarke Ducati verkaufen. An der Börse in Rom kursierten wohl offenbar Exposés zu dieser Idee, aber die Eigner wussten davon nichts - das Verkaufsprojekt wurde eingestellt. Mal stellte Müller die Diesel-Subventionierung infrage. Mit-Eigentümer Wolfgang Porsche erfuhr davon offenbar per Interview, genauso wie die Branchenkollegen bei BMW und Daimler oder der Lobbyverband VDA.

Müllers Alleingänge sorgten für Verstimmungen. Beobachter sprechen davon, dass in der letzten Aufsichtsratssitzung Eiszeit-Stimmung geherrscht habe zwischen Müller und den Familien Porsche und Piëch.

Diess will auch als Konzernchef noch Chef der Marke VW bleiben

Damit war Herbert Diess, 59, der im Sommer 2015 von BMW zu VW kam, um dort die Hausmarke Volkswagen zu führen, so gut wie am Ziel. Wenn er bei der Aufsichtsratssitzung an diesem Freitag zu Müllers Nachfolger ausgerufen wird, dürfte er weitaus mächtiger sein als sein Vorgänger. Denn als VW-Konzernchef will er Chef der gleichnamigen Fahrzeugmarke bleiben - des gewichtigsten Pfunds im Konzern.

Seit Monaten hat der Österreicher bei den Eigentümern und Aufsichtsräten kräftig für seinen Plan antichambriert. Diess ist der neue starke Mann bei Volkswagen, er führt den Konzern - und zudem die Marke VW.

Und er will nicht weniger als einen neuen Konzern, VW soll in vier Gruppen zerlegt werden: zum einen die Alltagsmarken VW, Skoda und Seat, daneben die Premiumwagen mit Audi, dazu die edlen Sport- und Luxuswagen mit Porsche, Bugatti, Bentley und Lamborghini. Vierte Gruppe: die Nutzfahrzeugholding der Lkw und kleineren Nutzfahrzeuge des Konzerns, zu der auch die Töchter MAN und Scania gehören. Die Gruppe der Laster könnte schon bald an die Börse gebracht werden, um Milliarden für die weitere Expansion des Konzerns lockerzumachen.

Chefwechsel, neue Strategie, alte Abrechnungen: Auf einmal sind alle auf Distanz zu Müller, kurz vor der Hauptversammlung am 3. Mai in Berlin. Ein Zufall ist das nicht. "Wir müssen aufpassen, dass das Unternehmen nicht in Schieflage gerät", heißt es aus Unternehmenskreisen. Man wünsche sich eine "stärkere Führung", gerade in Zeiten, in denen sich die gesamte Branche mit Elektroautos und autonomen Fahrzeugen ganz neu erfinden müsse. Wenn schon, denn schon.

Es passt zum großen Rundumschlag, dass auch die Arbeitnehmer einen der ihren als Personaldirektor installieren wollen: Gunnar Kilian, zuletzt Generalsekretär des Betriebsratsbüros, soll als Nachfolger von Karlheinz Blessing neuer Personalvorstand werden. Wie es heißt, hat Müller diesen Wechsel stets abgelehnt. Herbert Diess, der Kronprinz, der von BMW kam, um VW aufzumischen, macht nun mit. Und Kilian, Sprecher des Betriebsratschefs Bernd Osterloh und früherer Mitarbeiter im Büro des Alt-Patriarchen Ferdinand Piëch in Salzburg, wird einer der ganz Mächtigen im Vorstand sein. Einige sagen schon jetzt, dass er als verlängerter Arm des Betriebsratschefs in das Gremium einziehen wird. Am Ende dieser komplexen Personalrochade ist nicht nur Herbert Diess mächtiger denn je. Auch die Arbeitnehmervertreter haben ihre Macht ausgebaut. Nun muss man sehen, was sie daraus machen.

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